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Rom : Kultcafé gegen Heiliges Römisches Reich

  • -Aktualisiert am

Zufluchtsort inmitten der Stadt: Gäste vor dem nächtlichen Caffè della Pace Bild: LAIF

Das Caffè della Pace ist eine römische Institution, dennoch wurde nun der Mietvertrag gekündigt. Die Pächterin kämpft dagegen. Doch der Eigentümer des Palazzo Gambirasi ist ein uraltes päpstliches Institut.

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          Rom ist voller Cafés, und viele sind Kult. Das Caffè della Pace in der gleichnamigen Gasse bei der Piazza Navona auf dem Marsfeld gehört dazu. Aber über ihm droht jetzt das Haus zusammenzubrechen, der Palazzo Gambirasi. Schon fielen Ziegel und Steine vom Dachfirst des Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert auf die Straße; schon ist der Bau eingerüstet und der üppig rankende Efeu nicht mehr zu sehen. Aber noch immer ist das Café voll, vergessen selbst Römer, dass sie sonst im Stehen an der Bar ihren Espresso hinunterstürzen, und nehmen Platz im Caffè della Pace – vor kurzem noch im warmen holzgetäfelten Raum, jetzt im Frühling draußen, mit Blick auf das Kloster des Architekten der Hochrenaissance Donato Bramante. Aber mit dem Idyll ist es dahin.

          Der Palazzo muss nicht nur renoviert werden. Alle Mietverträge wurden gekündigt, und darum sammelt die Familie von Daniela Ripanti Serafini, die seit etwa 50 Jahren das 1891 gegründete Café gepachtet hat, Unterschriften „zur Rettung“ des Cafés gegen den Eigentümer und versucht, die Stadt für einen Prozess gegen ihn zu gewinnen. Dabei ist der Eigentümer nicht ein raffgieriger Bauunternehmer, sondern ein Rest des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Rom, das Päpstliche Institut S. Maria dell’Anima, das sich der Pfarr- und Pilgerseelsorge widmet und ein Priesterkolleg unterhält. Der österreichische Priester und Kirchenrechtler Franz Xaver Brandmayr ist derzeit Rektor der 1398 in einer päpstlichen Bulle zum ersten Mal erwähnten Institution, deren Kirche Martin Luther bei seiner Reise 1511 mit den Worten pries, sie sei „die beste“ und habe auch einen deutschen Pfarrherrn.

          Den Serafini fehlt die Solidarität mit dem Quartier

          Damals diente die „Anima“ als Gäste- und Krankenhaus für Angehörige der deutschen Nation, also für Menschen, die aus den Landstrichen von Flandern bis Österreich kamen. Über die Jahrhunderte erbte die „Anima“ im Quartier viele Immobilien mit Geschäften und Wohnungen, die sie aufwendig erhält und gleichwohl zu Mieten unter dem Spiegel der Nachbarschaft abgibt. Doch nun brauchte sie mindestens zwölf Millionen Euro, um den Palazzo Gambirasi zu erneuern, der nicht weit vom Tiber auf Sand gebaut wurde. Und da Brandmayr diesen Betrag nicht allein aufbringen kann, steht demnächst – die Billigung des Vatikans vorausgesetzt – die Unterschrift unter einen Vertrag mit einer Finanzgruppe an, die ein Fünf-Sterne-Hotel errichten will.

          Familie Serafini wettert nun: „Die Anima will das Café zerstören!“ Während die Serafini weltumspannend über die Presse für sich Werbung machen, schwieg Brandmayr bislang. Nun aber schreibt er im Gemeindebrief zu Ostern, es würden „ungeheure Lügen“ verbreitet und „kriminelle Manöver“ gegen die „Anima“ unternommen. Er habe einem „Medienduell“ entgehen wollen, weil „noch vieles offen“ sei. Aber der „stark restaurierungsbedürftige und in Teilen einsturzgefährdete“ Palazzo könne nur „in kürzerer Zeit“ saniert werden, wenn andere hülfen, und dazu komme es bald „zu entsprechenden Abschlüssen“. Dabei wolle die „Anima“ weiterhin den „Charakter und Charme unseres Quartiers“ wahren und fördern und sei „keinesfalls daran interessiert, das Caffé della Pace verschwinden zu lassen“. Im Gegenteil, es werde im erneuerten Palazzo „freundlicher denn je erstrahlen“.

          Nur Nachbarn können erklären, warum die Serafini dennoch um ihre Zukunft fürchten. Das Café soll offenbar neue Pächter bekommen, denn es gebe seit Jahren Krach mit der „Anima“. Die Café-Betreiber spielten sich als Eigentümer im Palazzo auf, hätten gegen das Baurecht Veränderungen vorgenommen und dächten nur an sich, nicht aber an das Bauwerk. Bei den Serafini fehle eben die Solidarität mit dem Quartier, die der „Anima“ seit 600 Jahren eingefleischt sei, sagen Nachbarn.

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