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Südostasien : Auf den Spuren der Sandfresser

Bild: Till Faehnders

Ein scheinbar endlos verfügbarer Rohstoff wird zur heißbegehrten Ware. Der Hunger nach immer neuen Wolkenkratzern in Singapur hat dramatische Folgen für Flüsse und Strände in Kambodscha.

          Thun Ratha gleitet auf seinem kleinen Holzmotorboot über das Wasser. Wie ein endloses grünes Band liegen Mangrovenwälder an den Ufern der Flüsse Tatai und Klang Yai, die sich hier treffen. Der blaue Himmel und ein paar Schäfchenwolken spiegeln sich auf dem Wasser. Die Stille wird jäh unterbrochen, als aus der Gegenrichtung ein verrosteter Lastkahn auf das Boot zufährt, bis zum Anschlag mit Sand beladen. Thun Ratha zeigt aufgeregt in die Richtung. „Sie bringen den Sand von hier zu einem größeren Schiff. Damit wird er dann ins Ausland weitertransportiert“, sagt er. Das Motorboot fährt noch etwas weiter und lässt weiße Gischt aufspritzen. Schon kommt ein alter Schwimmbagger in Sicht. Auf dem verrosteten Gefährt stehen ein Häuschen mit Blechdach und ein Kranbagger mit großer Schaufel. „Damit holen sie den Sand aus bis zu zehn Metern Tiefe“, sagt Thun Ratha. Für den 24 Jahre alten Umweltschützer ist der Sandabbau in diesem Gebiet ein Verbrechen. Die Mangrovenwälder liegen in den Naturschutzgebieten Peam Krasaop und Botum Sakor, nicht weit von der Grenze zu Thailand. „Der Abbau beeinträchtigt die Wasserqualität. Die Anwohner fangen kaum noch Fische und Krebse.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Sand ist zu einem heißbegehrten Rohstoff geworden. Er steckt in Glasflaschen, Kosmetik und Computerchips. All die neuen Wolkenkratzer in Asien und dem Nahen Osten wären ohne Sand undenkbar. Zwischen 47 und 69 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr werden laut UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, auf der Welt gefördert. Fast 30 Milliarden Tonnen davon kämen in Beton. Damit lasse sich auf dem Äquator einmal um die ganze Welt eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer bauen. Thun Ratha sagt, auch der Sand, der hier in den Mangrovenwäldern Kambodschas abgebaut werde, ende wohl in einem Hochhaus einer asiatischen Metropole. Er gehe vermutlich direkt nach Singapur, sagt Thun Ratha. Der Stadtstaat ist mit großem Abstand Kambodschas wichtigster Sandabnehmer. Und für Singapur ist Kambodscha der größte Lieferant, vor Vietnam, den Philippinen und Malaysia.

          Ärmliche Hütten auf Pfählen

          Der wirtschaftlich blühende Inselstaat ist laut UN-Comtrade sogar der größte Sandimporteur der Welt. Singapur braucht Sand für die Bauindustrie und für große Landgewinnungsprojekte. Doch für einen patriotischen Umweltschützer wie Thun Ratha ist der Gedanke kaum zu ertragen, dass kambodschanischer Sand dazu herhalten muss: „Wir verlieren unsere natürlichen Ressourcen.“ Thun Ratha ist für die Umweltorganisation „Mother Nature“ vor allem in der Provinz Koh Kong unterwegs, auf die sich das kambodschanische Sandgeschäft seit einiger Zeit konzentriert. Sie liegt mehr als 200 Kilometer von der Hauptstadt Phnom Penh entfernt. Die Mangrovenwälder mit ihrem Geflecht knorriger Wurzeln sind zurzeit noch undurchdringlich dicht. Aber an einigen Stellen ist das Ufer schon eingebrochen. Die Umweltschützer führen das auf den Sandabbau zurück, den die Behörden in dem Schutzgebiet erlaubt hätten. „Die Regierung sagt, es sei legal, aber wir sagen, es kann nicht legal sein“, sagt Thun Ratha. Auch bei UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, ist man sich sicher: Die Sandförderung beeinträchtigt fast überall auf der Welt die Wasserqualität, das Grundwasser, die Landschaft und die Artenvielfalt.

          Thun Ratha lebt seit geraumer Zeit in Koh Sralau, einem der Fischerdörfer, wo er im Auftrag von „Mother Nature“ die Bewohner unterstützt. Als sich sein Boot dem Dorf nähert, kommen ärmliche Hütten auf Pfählen in den Blick. Manche sind aus Blech gebaut, andere nur aus Holz und Blättern. Es ist ein Dorf der Cham, einer muslimischen Minderheit in Kambodscha. Neben dem Anleger kochen Dorfbewohner gerade rote Krebse in einem Topf. Andere reparieren ihre Fischernetze. Manche Familien leben hier schon seit Generationen. Andere haben sich erst nach dem Ende der Rote-Khmer-Herrschaft hier angesiedelt. Sand wird in dem Gebiet seit mindestens fünf Jahren abgebaut.

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