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Rohstoff Blut : 1000 Euro für fünf Liter Blut

  • -Aktualisiert am

Drei Viertel der Spender in Deutschland geben ihr Blut ohne Bazahlung weg Bild: ZB

Blutkonserven sind eine Handelsware. 500 Millionen Euro werden dafür jedes Jahr allein in Deutschland bezahlt. Das Geld fließt vor allem an das Rote Kreuz. Der Spender hat wenig davon.

          Hätten Sie gewusst, wie viel die fünf bis sechs Liter Blut wert sind, die durch einen menschlichen Körper fließen? Die Antwort würde Sie überraschen: mehr als 1000 Euro. Finden Sie diese Frage moralisch verwerflich? Sie ist es keineswegs. Dem Austausch von Blut, diesem Lebenssaft, haftet zwar ein altruistisches Image an. Das erklärt, warum drei Viertel der Spender in Deutschland ihr Blut umsonst weggeben. Doch genau an diesem Punkt beginnt die Kommerzialisierung. Blutkonserven sind längst eine Handelsware, deren Preis sich bis auf den Cent genau berechnen lässt und die in Deutschland auf einem Markt von mehr als 500 Millionen Euro gehandelt werden. Jedes Jahr kommen 4,7 Millionen Blutspenden zusammen.

          An dem Blutkreislauf vom ersten Glied, dem Spender, bis zum Empfänger verdienen die Zwischenhändler, die das Blut einsammeln und an Kliniken verkaufen. Das sind die Blutspendedienste, von denen das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit knapp 75 Prozent Marktanteil quasi eine Monopolstellung hat und für die flächendeckende Versorgung sorgt. Das DRK reinvestiert die Einnahmen, um gemeinnützig zu bleiben. Staatliche und kommunale Dienste besetzen ein Fünftel des Marktes, private Blutspendedienste, von denen die Haema AG der größte ist, die übrigen fünf Prozent.

          82 Euro für eine Konserve

          Üblicherweise wird für eine Blutspende ein halber Liter abgezapft. Danach teilt eine Zentrifuge den Stoff sogleich in seine drei Bestandteile Blutkörperchen, Blutplättchen und Plasma. Am wertvollsten ist das Konzentrat der roten Blutkörperchen, das Patienten bei großem Blutverlust nach Unfällen oder bei Operationen benötigen. Knapp 82 Euro verlangt das DRK im Schnitt für eine solche Konserve, die sich aus dem halben Liter Spenderblut ergibt.

          Blutkonserven sind eine Handelsware

          Dabei ist Blut nicht gleich Blut - gefragte Blutgruppen sind teurer. So kostet Null Rhesus negativ 10 Euro mehr. Denn die hätte jede Klinik gerne, weil jeder Empfänger sie verträgt. Einen anderen Weg geht der zweite Bestandteil, das Plasma, das zum größten Teil in die Industrie wandert, die daraus mehr als 30 Medikamente zur Blutgerinnung oder Impfstoffe macht. Das DRK verlangt dafür 29 Euro. Etwas weniger wird für die Blutplättchen berechnet, die vor allem Krebspatienten helfen. 11,92 Euro stehen da in der Bilanz für eine Blutspende. Addiert man das alles, so liegt der Wert eines halben Liter Bluts laut Rotkreuz-Preisliste bei exakt 123,25 Euro. Das ist der Marktpreis.

          Manch ein Spender - meist sind es Studenten - bietet sein Blut aber auch direkt der Klinik an. Sobald er das tut, bekommt er Geld. Viele Transfusionszentren an Kliniken zahlen 15 bis 25 Euro je halber Liter, die laut Transfusionsgesetz als "Aufwandsentschädigung" deklariert werden.

          1,16 Millionen Euro Überschuss

          Der Klinik stellen die Zentren dann den höheren Handelspreis in Rechnung. Dass sich das lohnt, beweist der Blutspendedienst an der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf, der im vergangenen Jahr 1,16 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet hat. Das Zentrum verkauft Blutkonserven mit einem kleinen Aufpreis an andere Krankenhäuser. "Die Lieferungen nach draußen bringen Erlöse", sagt Leiter Peter Kühnl.

          Ökonomisch gesehen haben knappe Güter ihren Preis. Diese Gesetzmäßigkeit scheint für den Blutmarkt aber nicht zu gelten. In der Tat sind Konserven sehr knapp, denn nur jeder 40. Bundesbürger spendet Blut, und im Sommer kommen besonders wenige. Blutkonserven zu importieren ist verboten. Trotzdem steigen die Preise seit Jahren nicht, auch saisonal gibt es nur geringe Aufschläge.

          Woran das liegt? Es ist der fehlende Wettbewerb, was zunächst überraschend klingt. "Das DRK schottet den Markt ab und diktiert die Preise", kritisiert Heiner Trobisch vom privaten Blutspendezentrum Duisburg. Sprich: Das Rote Kreuz, das nicht auf Gewinn aus ist, diktiert niedrige Preise und gewährt gerne mal Mengenrabatt für eine Klinik. Dabei profitiert es von seiner großen sozialen Akzeptanz, schließlich trommeln im Sommer auch mal Sportvereine oder Pfadfinder zum Blutspenden. Gegen einen Imbiss und Getränke.

          Das bremst die Spendelust aber nur wenig, denn drei Viertel der Spender wollen eh kein Geld. Die Gemeinnützigkeit des DRK hat vor allem eine gute Seite: In Deutschland kosten Blutkonserven knapp halb so viel wie in der Schweiz oder in Schweden mit 140 Euro. Das ist politisch gewollt und entlastet die chronisch unterfinanzierten Krankenkassen. Sie erstatten den Kliniken nur Fallpauschalen für Behandlungen und Medikamente - zu denen auch Blut gehört. Da bleibt manche Klinik auf ihren Kosten sitzen, sagt Wolfgang Schramm von der Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum München. Seine Mitarbeiter hält er deshalb zum Blutsparen an.

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