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London : Guter Rutsch

  • -Aktualisiert am

Verschlungen: Kunstwerk von Anish Kapoor und Carsten Höller. Bild: Imago

Ein Wechselspiel aus Angst und Freude: Warum das Kunstwerk von Anish Kapoor und Carsten Höller im Herzen Londons weit mehr als nur die längste Rutsche der Welt ist.

          Die Partie auf der längsten Rutschbahn der Welt dauert 40 Sekunden; 40 Sekunden, in denen man jede Kontrolle preisgibt und sich dem Schicksal ausliefert 40 Sekunden, in denen man bei einer Geschwindigkeit von bis zu 25 Kilometern in der Stunde über eine gewundene Strecke von 178 Metern aus 76 Meter Höhe in der Röhre hin und her gewälzt wird wie im Schleudergang einer Waschmaschine. 40 Sekunden können einem vorkommen wie eine Ewigkeit. Selbst Carsten Höller, der belgische Künstler, dessen silberne Rohrutschbahn der 115 Meter hohen roten Stahlskulptur von Anish Kapoor auf dem Londoner Olympiagelände aufgepfropft worden ist, bemerkte: „Es ist endlos“, als er bei seinem ersten Parcours wie eine Rohrpostbüchse am Fuß landete.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als promovierter Biologe betrachtet Höller die Reaktionen des Publikums bei der Interaktion mit seinem Werk wie ein Naturwissenschaftler ein Laborexperiment. Er beruft sich bei der Beschreibung des intensiven Wechselspiels von Angst und Freude gern auf den französischen Philosophen Roger Caillois, der von Vertigo sprach als einem Zustand von „ausschweifender Panik bei einem sonst klaren Verstand“.

          Von Freitag an kann jeder für 17 Pfund das Experiment an sich selbst ausführen. Höllers Kreation ist eine pragmatische wirtschaftliche Lösung für ein Verlust machendes Geschäft mit der Kunst. Seine Rutschbahn soll die als Aussichtsturm dienende Skulptur aus ineinander verschlungenen Stahlsträngen, die der indische Künstler Anish Kapoor 2012 für die Olympischen Spiele in London entworfen hat, gewinnträchtig machen. Die Besucherzahl der 19 Millionen Pfund teuren Attraktion, deren Kosten größtenteils von dem indischen Stahlunternehmer Lakshmi Mittal getragen wurden, war mit 200.000 hinter den Erwartungen von 350.000 im Jahr geblieben.

          Londons Aha-Erlebnis

          2014 hieß es, der nach dem Konzern des Spenders benannte Arcelor-Mittal-Turm verliere 10.000 Pfund in der Woche. Boris Johnson, damals noch Londoner Bürgermeister, soll die Idee für eine spiralförmige Rutsche gehabt haben, die sich um den Turm winden sollte. Anish Kapoor macht keinen Hehl daraus, dass ihm diese Idee nicht behagte. Die Pläne waren bereits fortgeschritten, als er davon erfuhr. Aus der Not eine Tugend machend, gelang es ihm, den für seine Rutschbahnen bekannten Installationskünstler Carsten Höller für das Projekt zu gewinnen.

          Dieser hatte allerdings andere Vorstellungen als die auch, farblich in das bestehende Tentakelgeflecht integrierte Spirale der Machbarkeitsstudie. Nicht nur, weil er seinen Entwurf sichtbar machen wollte, sondern auch um den Schwindeleffekt durch einige S-Kurven zu lindern. So windet sich seine schmale, Physik und Kunst verschmelzende Edelstahlröhre durch die roten Fangarme der Struktur und beschert London ein neues Aha-Erlebnis.

          Wer die Kraft aufbringt, diese Mutprobe ein zweites oder gar ein drittes Mal durchzustehen, behauptet, er könne im Vorbeihuschen durch die durchsichtigen Polycarbonate-Fenster in einigen Abschnitten der Röhre auch die Londoner Skyline erspähen. Die meisten Besucher dürften allenfalls die Hell- und Dunkeleffekte wahrnehmen, während sie, das Kinn auf die Brust geklemmt, sich festklammern an ihrer Matte, als hinge ihr Leben davon ab.

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