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Roger Cicero : Swing to win

Selbstbewusst und gut gelaunt: Roger Cicero Bild: dpa

Bei vielen Experten galt Roger Cicero als Nullnummer. Das hat sich vor dem Finale des „Eurovision Song Contest“ geändert. Doch den Swingsänger lässt der Rummel in Helsinki kalt. Stattdessen verbreitet er gute Laune und glänzt schon vorher.

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          Was haben Ozzy Osbourne, Mötley Crüe, Genesis, Aerosmith, The Who und die Rolling Stones gemeinsam: Sie alle stammen aus längst vergangenen Zeiten, sie sind vor Jahrzehnten schon in die Musikgeschichte eingegangen - und sie treten in Helsinki auf. Natürlich nicht beim „Eurovision Song Contest“ (ESC), allerdings spielen sie in den nächsten Tagen und Wochen zum Teil an gleicher Stelle, in der Hartwall-Arena. Sie ist dieses Jahr Austragungsort des wohl größten Musikereignisses der Welt. Auch wenn es nach dem Sieg der Rockgruppe Lordi im vergangenen Jahr in Athen vor allem viele Deutsche den Finnen nicht mehr glauben mögen: Die ganz und gar nicht unterkühlten Nordeuropäer lieben nicht nur harte Rockmusik. Sie können durchaus auch deutschem Swing etwas abgewinnen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Favoritenrolle ist eine denkbar undankbare. Vor einem Jahr in Athen hatten Texas Lightning mit ihrem „No No Never“ am Finaltag als sichere Kandidaten für das Siegerpodest gegolten, am Ende blieb ihnen nur der 15. Platz. Dass der diesjährige deutsche Grand-Prix-Teilnehmer Roger Cicero nach nur drei Tagen in Helsinki plötzlich keine Nullnummer mehr sein soll, wie es sogenannte Grand-Prix-Experten in den vergangenen Wochen über ihn und seine Swingnummer „Frauen regier'n die Welt“ geschrieben hatten, sondern plötzlich zu den Favoriten gezählt wird, hat also wenig zu sagen.

          Cicero macht einfach sein Ding, bleibt selbstbewusst

          Der Hamburger nimmt den aufkeimenden ESC-Rummel um seine Person gelassen. Bei ihm geht es ja auch nicht um gewollt heraufbeschworene Skandale, wie bei den Israelis Teapacks (“Push The Button“), die Aufmerksamkeit heischend mit ihrer Selbstdisqualifizierung drohten, oder den drei Russinnen mit Namen Serebro (“Song # 1“), die während der ersten Probe in der Hartwall-Arena ihre entblößten Brüste zeigten. Cicero macht einfach sein Ding, bleibt selbstbewusst, bei guter Laune - und sieht sich die Hauptstadt Finnlands an.

          Mit Hut - angesichts des schönen Wetters trägt der Sechsunddreißigjährige am Mittwoch mittag ein helles perforiertes Sommermodell - wird der Deutsche sogleich erkannt. Schon am Dom muss er die ersten Autogramme geben, vor der Uspenski-Kathedrale, einem mächtigen griechisch-orthodoxen Gotteshaus, belagert ihn eine ganze Schulklasse, die ausgerechnet aus dem ostholsteinischen Eutin gekommen ist. Natürlich kennen sie inzwischen alle Ciceros Grand-Prix-Titel. Viel mehr aber doch nicht.

          Wo Roger Cicero aus dem Vollen schöpfen kann

          Was wirklich in ihm steckt, zeigte Cicero am Dienstag abend im Euroclub. In das alte Studentenhaus an der Straße mit dem Namen Mannerheimintie, hatten die „big four“ eingeladen - Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Die größten Geldgeber des ESC haben zugleich als einzige Anspruch auf einen Finalplatz, ersparen sich also den Weg durch das am heutigen Abend stattfindende Halbfinale.

          Alle vier privilegierten Kandidaten traten im Euroclub auf, darüber hinaus eine Vielzahl Halbfinalisten, die noch jede Stimme gebrauchen können. Während einige Teilnehmer nur ein Lied, ihren Grand-Prix-Song, zum Besten geben konnten - sie wurden vermutlich erst kürzlich in einer Castingshow „entdeckt“ - kann Roger Cicero aus dem Vollen schöpfen. Er benötigt auch nicht, wie die vier Jungs aus Spanien, D'Nash genannt (“I Love You Mi Vida“), muskulöse Oberarme und aufregende Tanzschritte, die indes kaum darüber hinwegtäuschen können, dass drei von ihnen stimmlich fast nichts zu bieten haben.

          Qualität setzt sich beim ESC nicht immer durch

          Der studierte Jazzsänger aus Hamburg übersprang hingegen mühelos mindestens zwei Oktaven, als er den Prince-Song „How Come That You Don't Call Me Anymore“ interpretierte. Cicero singt in einer anderen Liga. Ihm ebenbürtig war am Dienstag abend höchstens noch die berückende Edsilia Rombley (“On Top Of The World“) aus den Niederlanden.

          Dass sich Qualität nicht immer durchsetzt, ist beim ESC seit fast einem halben Jahrhundert eine Binsenweisheit. Trotzdem will sich Roger Cicero, wie er sagt, auch weiterhin voll auf seine Stimme verlassen. Keine Skandale also, keine Indiskretionen. Über Privates redet er sowieso nicht gern. Und trotzdem verrät er ein bisschen mehr über sich in einem Tagebuch, das er in Helsinki führt: Dass ihm als Vegetarier bei den vielen Empfängen Bärenwurst und Rentierbraten ein wenig aufstoßen. Dass seine Freundin Kathrin am Freitag nachkommt und ihn am Samstag zum Finale begleitet. Und dass er bislang in seinem Hotel mit einer pinkfarbenen Wärmflasche schlief. Cicero hatte sich bei der Anreise an zwölf Kilogramm Übergepäck verhoben. Seit Mittwoch früh schmerzt der Rücken aber nicht mehr.

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