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Rock im Revier : „Aber Metallica war geil“

Metallica auf der Bühne der Schalke-Arena Bild: dpa

Es sollte das neue Festival am Nürburgring werden, doch jetzt findet „Rock im Revier“ in der Schalke-Arena statt. Die Fans sind skeptisch, ihnen fehlt die Open-Air-Atmosphäre. Und richtig begeistern lassen sie sich nur von Metallica.

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          Langsam zieht es zu, aber das Spiel läuft noch. Die U16 von Schalke 04 tut sich gegen halb acht ein bisschen schwer gegen das Team von Preußen Münster. Auf dem Nachbarplatz trainieren die Jungs der U17, am Rande stehen ein paar Fußballväter. „Wat is denn da drüben los?“ fragt einer und deutet hinüber zur Halle. „Wat ist dat fürn Krach?“ Die Trainingsplätze liegen kaum 200 Meter entfernt von der Schalke-Arena – aber außer einem dumpfen Grummeln, das bis zu den Fußballern herüber schallt, ist kaum etwas davon zu spüren, dass hier gerade ein Rock-Festival mit mehr als 60 Bands und Zehntausenden Fans stattfindet. Und auch sonst ist rund um das Gelsenkirchener Stadion erstaunlich ruhig. Der Massenansturm samt Verkehrschaos und endlosen Schlangen, wie er am ersten Tag großer Open-Airs üblich ist, bleibt aus. Die Zufahrten zu den Parkplätzen sind nicht verstopft, die Straßenbahnen nicht überfüllt.

          Peter Badenhop
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den Schwarzmarkthändlern vor der Schalke-Arena ist die Verzweiflung anzumerken. Und auch Robert Doumba macht kaum Geschäft. Mit seinem Bier-Rucksack steht der Wuppertaler mit kamerunischen Wurzeln zwischen Pommes- und T-Shirt-Buden direkt vor dem Stadion und schüttelt den Kopf. Fünf Euro kostet ein frisch aus dem Rucksack gezapftes Pils bei ihm – „aber es ist ja kaum einer hier“, sagt der Einundzwanzigjährige. Regelmäßig ist er mit der mobilen Zapfanlage unterwegs, bei Fußballspielen und Konzerten, doch so schleppend hat er es selten erlebt. „Die sind hier einfach nicht in Stimmung.“ 

          Schalke-Arena nur Notlösung

          Vielleicht liegt das daran, dass die Veranstaltung in der Schalke-Arena im Grunde eine Notlösung ist. Eigentlich sollte das Festival am Nürburgring stattfinden und in die Fußstapfen des legendären „Rock am Ring“ treten. Doch daraus wurde nichts. Nach der Kündigung der Verträge mit Marek Lieberberg, der das Spektakel an der Rennstrecke seit 1985 veranstaltet hatte, verloren die neuen Besitzer des Rings zunächst den Rechtsstreit um die Namensrechte gegen den Frankfurter Impresario. Dann zerstritten sie sich angesichts schleppender Ticketverkäufe für das geplante Nachfolgefestival „Grüne Hölle“ mit Peter Schwenkow, dem Chef der Deutschen Entertainment AG (Deag), die das neue Open-Air auf die Beine stellen sollte. So verlegte die Deag das Festival, für das längst zahlreiche Bands gebucht waren, schließlich nach Gelsenkirchen – unter dem Namen „Rock im Revier“.

          Offiziell rechnete der Veranstalter zuletzt mit gut 40.000 Fans, von denen immerhin 35.000 kamen, im Vergleich zu den mehr als doppelt so vielen Besuchern früherer Rock-am Ring-Festivals ist das aber weit entfernt. Einen großen Teil der Szene hat das Chaos um das Festival offensichtlich verprellt. Manche Ticketinhaber mußten nach dem Umzug vom Ring in die Arena Züge und Hotels stornieren, viele ärgerten sich über die Preisnachlässe, mit denen der Veranstalter in letzter Minute Zuschauer gewinnen wollte, um am Ende nicht mit einem enormen Verlust dazustehen. Und so sind es am Freitag vor allem viele Metallica-Fans, die mit Tageskarten auf das Gelände rund um die Arena strömen.

          Lücken auf den Rängen

          Aber die Lücken auf den Rängen sind nicht zu übersehen. Als die ersten Bands um halb zwei am Nachmittag auf die „Big Stage“ in der Halle kommen, spielen sie praktisch vor leerem Haus, erst zu Within Temptation füllt sich der Innenraum mit ein paar tausend Fans, aber vor der „Boom Stage“ auf einem Parkplatz neben der Arena und vor der „Bang Stage“ in der nahen Emscher-Lippe-Halle verliert sich die Rockgemeinde, und es ist schwer, jemanden zu finden, der begeistert wäre.
          Patrick Boon ist vor allem genervt. Der Zwanzigjährige aus der Nähe von Venlo gehört zu jenen, die in Gelsenkirchen auch zelten. „Aber das ist der größte Witz“, schimpft er über die Entscheidung, alle Camper auf der acht Kilometer von der Arena entfernten Trabrennbahn unterzubringen. „Es fährt zwar ein Shuttlebus, aber ich hab jetzt fast 50 Minuten gebraucht, um hier her zu kommen“, sagt der junge Mann, der im vergangenen Jahr beim Wacken-Open-Air in Schleswig-Holstein war und jetzt rund um die Arena vergeblich „dieses geile Feeling“ sucht.

          James Hetfield, Sänger und Gitarrist von Metallica Bilderstrecke
          James Hetfield, Sänger und Gitarrist von Metallica :

          Gegen halb sieben wird es langsam voller in der Halle, und als Faith No More in ihren weißen Anzügen auf die mit großen Blumenkübeln dekorierte Bühne kommen, füllen sich auf der gegenüberliegenden Seite auch die Stehränge der Nordkurve, wo sonst die Ultras von Schalke 04 ihre Fahnen schwenken. Andere Teile der Tribünen bleiben für die Fans allerdings gesperrt. Die Oberränge sind komplett leer, und auch auf der Haupttribüne klaffen große Lücken. Und die Stimmung nimmt erst zwei Stunden später richtig Fahrt auf, als endlich Metallica auf der Bühne erscheinen. Zu dieser Zeit ist das Programm auf den anderen beiden Bühnen schon beendet, T-Shirt- und Sonnenbrillen-Verkäufer haben ihre Stände geschlossen, und es hat begonnen zu regnen.

          Im Stadion mit seinem geschlossenen Dach spüren die Fans nichts vom heraufziehenden Unwetter, das entlädt sich stattdessen vor ihnen auf der Bühne in musikalischer Form. Mit urgewaltiger Wucht, spürbarer Spielfreude und professioneller Präzision bringen die vier Schwermetaller aus Kalifornien die Fan-Gemeinde auf Touren. Spätestens zu Klassikern wie „Master of Puppets“  und „Creeping Death“ tobt die Arena – aber ob dieses furiose Finale des ersten Tages das Festival rettet, muss sich erst noch zeigen. Ein leicht angeschlagener Mittvierziger, der sich gerade noch ein T-Shirt gekauft hat, auf dem ein Totenkopf mit Grubenlampe zu sehen ist, zuckt am Ende mit den Schultern. „Hör ma, dat is hier gar kein richtiges Open-Air. Aber Metallica war geil!“

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