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Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg : „Mehr Verständnis für Kolben als für Kultur“

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Viel Herzblut und Historie: Marek Lieberberg, Gründer des Musikfestivals „Rock am Ring“ Bild: Röth, Frank

Ende einer Ära: In diesem Jahr findet „Rock am Ring“ zum letzten Mal am Nürburgring statt. Der Festivalgründer Marek Lieberberg erzählt FAZ.NET, wie es soweit kommen konnte und was er für die Zukunft plant.

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          Herr Lieberberg, warum wird „Rock am Ring“ im kommenden Jahr nicht mehr am Nürburgring stattfinden?

          Der Vertrag hätte sich eigentlich um zwei weitere Jahre verlängert, wenn er nicht von der Firma „Capricorn“, den neuen Herren am Ring, einseitig gekündigt worden wäre. Zuvor hatten sie die Forderung nach einer Erhöhung der Beteiligung erhoben, um 25 Prozent, obwohl sie auch nach dem bisherigen Vertrag schon mit mehr als einem Drittel an der Veranstaltung beteiligt waren. Die neue Forderung war für uns inakzeptabel und ohne jede Berechtigung – außer der von „Capricorn“ angestrebten Ergebnisoptimierung.

          Welche Versuche der Verständigung gab es?

          Ich habe mich Anfang Mai mit dem Geschäftsführer der „Capricorn Nürburgring GmbH“ getroffen, wir sind auseinandergegangen mit seiner Zusicherung, dass er auf mich zukommen werde. Das ist nicht geschehen. Wir haben dann heute morgen noch einmal miteinander telefoniert, und ich schlug vor, den Druck aus der Sache zu nehmen und auf der Basis der vergangenen Jahre, die für „Rock am Ring“ auch kommerziell äußerst erfolgreich waren, zumindest bis zum 30. Jubiläum im nächsten Jahr weiterzumachen. Das hat er abgelehnt und darauf hingewiesen, dass er angesichts unserer Haltung gedenke, mit einem Dritten abzuschließen. Es war uns ja auch davor schon bekannt, dass hinter unserem Rücken mit anderen über ein Nachfolge-Festival am Nürburgring verhandelt wurde.

          Sie haben gesagt, „Rock am Ring“ sei kommerziell erfolgreich. Ist es da nicht legitim, wenn auch der Eigentümer des Nürburgrings mehr vom Kuchen abhaben will?

          Hier geht es nicht um angemessenes Mitverdienen, sondern um blanke Gewinnmaximierung, nachdem zuvor mit dem Ring Milliarden an Steuergeldern in den Wind geschossen wurden. Man muss auch wissen: Der Nürburgring ist jetzt bereits um zwei bis drei Millionen Euro teurer als jede vergleichbare Festival-Spielstätte in Deutschland, sowohl, was die Beteiligung, als auch, was die Kosten angeht. Zum Teil hängt das mit den topographischen Gegebenheiten in der Eifel zusammen. Zu dieser bereits bestehenden Kostenungleichheit konnten wir nicht noch eine weitere hinnehmen. Deswegen haben wir kein neues Angebot gemacht. Dass es so weit kommen musste, tut uns sehr leid, denn der Ort ist für uns mit sehr viel Herzblut und Historie verbunden. Aber bei den neuen Herren vom Autozulieferer „Capricorn“ besteht eben mehr Verständnis für Kolben als für Kultur.

          Ist damit das Ende von „Rock am Ring“ besiegelt?

          Nein. Die Namensrechte sind allein bei der „Marek Lieberberg GmbH“, und wir werden nun umgehend mit sechs potentiellen Nachfolge-Orten in Verhandlung treten, um an anderer Stelle diese von uns geschaffene Tradition fortzusetzen.

          Kann man schon sagen, welche Spielstätten da in Frage kommen?

          Zwei potentielle Orte wären wieder in Rheinland-Pfalz, in Baden-Württemberg besteht eine Möglichkeit, aber es gibt auch Optionen für Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und im Osten. Eins steht jedenfalls fest: „Rock am Ring“ findet auch nächstes Jahr statt, und zwar wie immer am ersten Juni-Wochenende.

          Hat die Landesregierung versucht, „Rock am Ring“ in der Eifel zu halten?

          Die Landesregierung, die mehrfach versichert hat, das Festival sei das wichtigste jugendkulturelle Ereignis im Land, hat sich überhaupt nicht eingeschaltet, hat meines Wissens auch überhaupt keine Möglichkeiten mehr, weil ihr jedes Einwirkungsmittel aus der Hand geschlagen wurde. Die neuen Herren am Ring sind Investoren, die nur ihr Investment interessiert. Sie haben diese Spielstätte quasi zum Nulltarif bekommen und jetzt versuchen sie, rauszuholen, was geht. Geschichte ist denen völlig egal. Und es ist ihnen auch egal, welche Kuh sie melken oder schlachten.

          Wenn Sie so sehr auf die Geschichte des Festivals und seine Bedeutung für das Bundesland abheben – hat Rheinland-Pfalz dann zumindest gute Chancen, weiterhin Gastgeber zu bleiben?

          Wir würden das Festival sehr gerne in der Region belassen, weil sich das bewährt hat. Am Ring waren die Verhältnisse exotisch, aber nicht unproblematisch, weil zum Beispiel der Platz für so ein Festival eigentlich viel zu beengt ist. Aber: Man hat uns den Stuhl vor die Tür gestellt. Wir wären andernfalls trotz aller Beschränkungen gerne am Ring geblieben. Sie müssen sich vorstellen, was die Nachricht heute morgen bei uns für eine Trauer ausgelöst hat. Wir sind ja die Träger der ganzen Historie, wir sind das Risiko eingegangen, haben die Aufbauarbeit geleistet. Die jetzigen Herren haben doch gar keine Verbindung dazu. Die haben noch nicht einen einzigen Ring organisiert und sehen das Ganze nur durch die Brille ihrer eigenen Wunschvorstellungen.

          Erhoffen Sie sich zumindest jetzt positive Signale von der Landesregierung?

          Natürlich. Aber ich glaube, dass der Nürburgring versuchen wird, ein Konkurrenzfestival auf die Beine zu stellen. Auch daran können Sie schon die ganze Hybris von „Capricorn“ erkennen.

          Die Fragen an Marek Lieberberg stellte Timo Frasch.

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