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Robert Steinhäuser : Auf der Suche nach dem finalen Triumph

  • -Aktualisiert am

Robert Steinhäuser Bild: Thüringer Allgemeine

Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes konnte Robert Steinhäuser das Massaker unbehelligt vorbereiten. Seine Freunde schildern ihn als "ganz normal".

          6 Min.

          Wer war Robert Steinhäuser, der junge Mann, der am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberggymnasium sechzehn Personen erschoß, bevor er sich selbst richtete? Die Frage bleibt wohl für immer ohne abschließende Antwort. Doch Fragmente fügen sich immerhin zu einem unscharfen Bild. Steinhäuser überschätzte sich, und seine Familie überschätzte ihn. Leistungsanfoderungen war er nicht gewachsen, oder er wich ihnen aus. Sein Schulversagen erstreckte sich über Jahre. Doch offenbar zogen weder die Eltern noch der Schüler Konsequenzen.

          Dem Jungen wäre mit einem Besuch der Regelschule, der Thüringer Variante einer Gesamtschule aus Haupt- und Realschulzweig, sicher geholfen gewesen. Dort hätte er die Chance auf Erfolge gehabt. Aber so wird er sein Versagen als ungerechtfertigte Demütigung empfunden haben.

          Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes

          Den Freunden, die er durchaus hatte, sagte er, seine Familie habe zwei Mietshäuser. Er werde eines erben. Sein Taschengeld war nicht zu knapp bemessen. Die Familie lebt seit Generationen in einem stattlichen Haus in Erfurt. Steinhäusers Vater ist Ingenieur, die Mutter Krankenschwester. Daß Robert Steinhäuser vom Massaker von Littleton fasziniert war, daß er blutdurchtränkte Phantasien pflegte, daß er in furchtbaren Computerspielen seinen Tötungstrieb trainierte, daß er Waffen besaß, darunter eine Pumpgun, die er regelrecht aufrüstete, war seinen Freunden bekannt. Auch auf den Abbruch seiner Schullaufbahn hatte es genügend Hinweise gegeben.

          Diese Mosaiksteine haben die Ermittlungen in den vergangenen zwei Jahren zutage gefördert. Rückblickend betrachtet, hätte es nicht zu der Tat kommen müssen, wenn Steinhäusers Umfeld, die Freunde und die Familie, aber auch der Waffenhändler etwas mehr Courage gezeigt und vielleicht auch mit Hilfe eines Dritten das Gespräch gesucht hätten. Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes konnte der Schulversager, der sich selbst überschätzte, seine Tat vorbereiten, mit der er sich ein Denkmal setzen wollte.

          Ruhm des Attentäters von Littleton übertreffen

          Daß es um Steinhäusers schulische Leistungen nicht zum besten stand, blieb keinem verborgen. Anfang 1999 meldete sich der Gymnasiast zur Prüfung an, die ihm zum Realschulabschluß verhelfen sollte. In Thüringen wird keinem Schüler ein Abschluß geschenkt. Jede Schullaufbahn endet mit einer Prüfung. Wer sich im Gymnasium gerade so bis zur Klasse 10 durchlaviert hat, erhält nicht die mittlere Reife. Im April 1999 kam es zum Massaker in Littleton, wofür sich Steinhäuser interessierte. Jedenfalls wurde der Computer seines Vaters, wie man später feststellt, für eine Internetrecherche zu diesem Thema genutzt.

          Steinhäuser fand das Massaker in Amerika "gut", habe die Aufnahme, die einen blutenden Schüler beim Sturz aus dem Fenster zeigte, als anregend und abstoßend zugleich empfunden. Er wollte den Ruhm des Attentäters von Littleton noch übertreffen. Von Anerkennung in Steinhäusers Alltag kann indes keine Rede sein. Im Sommer 1999 brach er seine Realschulprüfung ab. Nachdem er sich in Deutsch eine Vier, in Mathe eine Sechs und in Englisch eine Fünf erarbeitet hatte, gab er mal wieder auf. Zur letzten Prüfung ging er nicht.

          "Dich erledige ich."

          Im Herbst begann für Steinhäuser die Oberstufenzeit. Er kam trotz miserabler Leistungen in die elfte Klasse. Chemie im Grundkurs schmeckte ihm nicht. Er wechselte zu Informatik, weil es ihm einfacher erschien; aber Informatik ist angewandte Mathematik. Steinhäuser fehlte der Maßstab. Auf einer Klassenfahrt im Frühjahr 2000 traf ihn der Lehrer Hans Lippe an mit Havanna im Mundwinkel, Whiskey in der Hand und Stetson auf dem Kopf. Alkohol und Tabak waren verboten. Der Schulversager trat dem Lehrer entgegen, formte eine Hand zur Waffe und schoß - spielerisch - aus der Hüfte auf den Lehrer und sagte: "Dich erledige ich." Zwei Jahre später machte Steinhäuser die Ankündigung wahr.

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