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Rhein-Seilbahn in Koblenz : Schwebendes Verfahren

Freie Aussicht: Die Seilbahn über den Rhein ist eine touristische Attraktion Bild: dapd

Seit Monaten ringen die Koblenzer um ihre spektakuläre Seilbahn über den Rhein. Nun soll der Betrieb für mindestens zwei Jahre weitergehen, allen Bedenken zum Trotz. Manches spricht dafür, dass es auch danach weitergeht.

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          Der Jubel bei den Koblenzern war groß, als Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig am Donnerstag die Botschaft verkündete, auf die viele gewartet hatten: Die Seilbahn über den Rhein soll bleiben, für zwei weitere Jahre zunächst, vielleicht aber sogar bis 2025. Das will der Stadtrat am 14. März beschließen - und damit vorerst einen Schlussstrich unter eine Debatte ziehen, die seit Monaten nicht nur die Stadt, sondern die ganze Region beschäftigt.

          Oliver Georgi
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Eigentlich sollte die Bahn, die als Touristenattraktion für die Bundesgartenschau 2011 gebaut wurde und vom Deutschen Eck über den Rhein hinauf zur Festung Ehrenbreitstein führt, nur bis Oktober 2013 in Betrieb sein und danach wieder abgebaut werden. Doch als die Gondeln auch nach der Schau gefüllt blieben und klar wurde, dass sich ein Weiterbetrieb rechnen könnte, schwanden bei vielen, die zuvor die Stirn gerunzelt hatten, die Zweifel. Die Bürgerinitiative „Freunde der Bundesgartenschau“ sammelte seit Dezember mehr als 70.000 Unterschriften für die Seilbahn, und auch in einer Umfrage unter 800 Koblenzer Bürgern sprachen sich neulich knapp 90 Prozent dafür aus, dass die Bahn bleibt.

          „Einmütige Haltung“ zugunsten der Seilbahn

          Für die Koblenzer Stadtverwaltung, die von Anfang an vom touristischen Mehrwert der Bahn überzeugt war, ist diese Begeisterung Wasser auf die Mühlen. Von einer „einmütigen“ Haltung für die Seilbahn nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft und der ganzen Region schwärmte Oberbürgermeister Hofmann-Göttig Ende Februar in einem Brief an die österreichische Betreibergesellschaft Doppelmayr: „Die positiven Betriebszahlen im Jahr 2012 sprechen eine klare Sprache.“

          Schon seit Monaten hatte Hofmann-Göttig mit Doppelmayr über Möglichkeiten verhandelt, den Seilbahnbetrieb über Oktober 2013 hinaus zu verlängern und dabei stets darauf gedrängt, das Leasingmodell, das während der Bundesgartenschau so erfolgreich war, weiterzuführen: Doppelmayr betreibt die Bahn in Eigenregie und streicht den Gewinn ein, die klamme Stadt hat keine Kosten und profitiert von einem touristischen Alleinstellungsmerkmal. Allein die Festung Ehrenbreitstein, erzählt man im Koblenzer Rathaus stolz, habe ihre Besucherzahlen durch die Seilbahnverbindung vervielfacht.

          „Gegen die Unesco können wir die Bahn nicht durchsetzen“

          Doch trotz dieser Erfolgsgeschichte sind die kritischen Stimmen nicht leiser geworden, auch wenn es nicht viele sind. Sie kommen vor allem von Denkmalschützern. Denn die Talstation der Bahn liegt in Wurfnähe der Kastor-Basilika, der ältesten Kirche in Koblenz, die Teil des Welterbes Oberes Mittelrheintal und geschütztes Kulturgut ist. Die massige Bahnstation, finden etliche nicht nur im Landesdenkmalpflegebeirat, zerstöre die Blickachse auf das Gebäude und deren historische Einzigartigkeit gleich mit. Auch bei der Unesco gibt es weiterhin Vorbehalte gegen eine dauerhafte Seilverbindung, was viele in Koblenz nervös macht. Für die Region, dessen ist man sich auch im Rathaus bewusst, wäre es mehr als eine mittlere Katastrophe, wenn dem gesamten Oberen Mittelrheintal sein Welterbe-Status aberkannt würde, nur weil sie in Koblenz nicht von ihrer Bahn lassen können. „Gegen die Unesco können wir unsere Seilbahn nicht durchsetzen“, hat auch Oberbürgermeister Hofmann-Göttig erkannt.

          Denkmalschutz versus Touristenattraktion: Die Rhein-Seilbahn in Koblenz polarisiert
          Denkmalschutz versus Touristenattraktion: Die Rhein-Seilbahn in Koblenz polarisiert : Bild: dapd

          Um das Dilemma zu lösen, haben Stadt, Land und die Firma Doppelmayr deshalb einen zweistufigen Plan vereinbart: In der ersten Stufe soll die Betriebsgenehmigung für die Bahn, die Ende Oktober ausläuft, um zwei weitere Jahre bis Ende 2015 verlängert werden. Eine entsprechende Änderung des Flächennutzungs- und Bebauungsplans soll am 14. März im Stadtrat beschlossen werden - mit „guten Chancen“, wie Hofmann-Göttig sagt, weil auch das Land bereits seine Zustimmung signalisiert habe. Diese zwei Jahre wollen die Koblenzer nutzen, um die Bedenken der Denkmalschützer auszuräumen, damit der Bahnbetrieb danach um weitere zehn Jahre verlängert werden kann. „Die Bahn würde dann nach dem Jahr 2025 abgebaut werden, was auch mit der normalen technischen Betriebsdauer zusammenfiele“, schrieb Hofmann-Göttig in seinem Brief an Doppelmayr.

          Weniger Gondeln, kleinere Stationen?

          Doch die Kritiker der Seilbahn dürften noch bei einem ganz anderen Punkt aufmerken: Um die Bedenken zu besänftigen, eine schrittweise Verlängerung des Bahnbetriebs schaffe so eindeutige Fakten, dass ein dauerhafter Betrieb danach kaum noch zu verhindern wäre, bat Hofmann-Göttig Doppelmayr in dem Schreiben, schon einmal eine „Anschlusslösung“ für die Zeit nach 2025 zu skizzieren. Eventuell, so der Oberbürgermeister, könne man ja weniger und kleinere Gondeln installieren und die Tal- und Bergstation so rückbauen, dass sie „weniger landschaftsbeeinträchtigend“ wären.

          So mancher in Koblenz hält diesen Kompromissvorschlag für die beste Lösung - und das nicht erst für die Zeit nach 2025. Immerhin würden damit die Denkmalschützer und die Unesco besänftigt - und die Koblenzer könnten „ihre“ Seilbahn behalten.

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