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Restaurantkritik : „Das Weiße Haus“ in Hamburg

  • -Aktualisiert am

Das kleine weiße Haus liegt zwischen traditionsreichen Ausflugsrestaurants am Hamburger Museumshafen Oevelgönne und wirkt nicht besonders spektakulär. Jürgen Dollase hat die Küche getestet.

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          Das kleine weiße Haus liegt zwischen traditionsreichen Ausflugsrestaurants am Hamburger Museumshafen Oevelgönne und wirkt nicht besonders spektakulär. Um so erstaunlicher, daß immer wieder Passanten die Kamera zücken oder Mütter ihren Kindern etwas erzählen über aufregende Dinge, die sich offenbar hinter den Hochwasserschutzwällen des Gebäudes abspielen. Des Rätsels Lösung: Wir befinden uns vor dem derzeit wohl meistgebuchten Restaurant Deutschlands, ein Platz muß Wochen und Monate im voraus reserviert werden. Denn das „Weiße Haus“ ist das Restaurant des Fernseh-Starkochs Tim Mälzer - und aus diesem Grund eine Art Wallfahrtsort.

          Was den Besucher im Inneren erwartet, gehört in die Kategorie ostentative Ungezwungenheit: Die helle Einrichtung erinnert an eine eher einfache Cafeteria mit kleinen Tischen und nicht sonderlich bequemen Stühlen, und wenn dann auch noch der Service die Gäste mit „Hallo, wie geht's euch?“ begrüßt und fröhlich verkündet, daß hier gegessen werde, „was auf den Tisch kommt“, ist auch dem weniger erfahrenen Restaurantbesucher klar, daß dies kein Gourmettempel der klassischen Art ist. Aber was ist es dann? Der Laden wirkt so, als ob eine studentische Wohngemeinschaft beschlossen hätte, ein Restaurant zu eröffnen - und das hat durchaus seinen Charme. Andererseits geht es ja auch ums Essen, und daraus würde man schon gern erfahren, warum Mälzer eine derart populäre Figur geworden ist.

          Serviert wird nur ein Menü mit höchstens vier Gängen zum moderaten Preis von 36 Euro. Ein Amuse-bouche gehört nicht dazu, und bis auf etwas Brot mit Olivenöl, Fleur de Sel und grob zerstoßenem Pfeffer fehlen auch sonst die üblichen Kleinigkeiten der gehobenen Gastronomie. Die offenen Weine sind mit Preisen von rund fünf bis sieben Euro je Glas (0,2 Liter) fair kalkuliert und von seriöser Qualität. Beispiele: ein Nahe-Riesling vom Weingut Tesch, ein badischer Grauburgunder von Heger oder der Nuragus di Cagliari von Antonio Argiolas („Das ist unser aller Liebling, kräftiger Roter und viel Frucht, jedoch ohne Süße. Sardinien zeigt Kalifornien, wie's geht“).

          Die Speisenfolge beginnt mit einem Forellentatar mit Blattsalaten auf einem Rotkraut-Carpaccio mit einer leichten Chili-Marinade und einem dünnen Pfeffercracker. Die ziemlich große Portion ist schwungvoll angerichtet und bedient mit diversen Salatsorten und der etwas moderner schmeckenden Marinade ein Geschmacksbild, das sich deutlich von Fischsalaten oder ähnlichen Klassikern absetzt. Die Qualität der Produkte ist durchweg gut, die Vorspeise insgesamt völlig in Ordnung. Beim zweiten Gang, der „Curry-Linsensuppe mit Rotwurst“, verstärkt sich der Eindruck, daß eine Besonderheit von Tim Mälzers Küche das beherzte Verwenden von Gewürzen ist. Die Suppe mit der kräftigen Rotwurst (Blutwurst) gefällt insgesamt sehr gut und ist wegen ihrer individuellen Rustikalität das beste Gericht an diesem Abend. Bei den „in Vanille geschmorten Kalbsbäckchen“ gibt es als Beilage in Szechuan-Pfeffer geschmorte Karotten, Ofentomaten, ein Balsamico-Jus und zurückhaltend aromatisierte Kräuterspätzle. Hier wurde das Fleisch allerdings doch recht süß und mit zuviel Vanille gewürzt, eine differenzierte Wirkung der Beilagen ist kaum möglich, weil alle anderen Aromen nivelliert werden. In Erinnerung bleiben eine gewisse Süffigkeit und ordentliches Handwerk im Detail.

          Das Dessert, ein „Eis von Punsch-Birne mit einer Mousse au chocolat mit Chili und einem Fruchtsalat“ gerät dann allerdings doch etwas merkwürdig: Der „Fruchtsalat“ besteht aus ein paar kleinen Fruchtstückchen ohne Sauce, und die Mousse au chocolat ist entschieden zu scharf, ein im Prinzip hochinteressanter Akkord zwischen Schokolade und Chili deshalb nicht möglich.

          Das Fazit? Besondere kulinarische Gründe für einen Besuch im „Weißen Haus“ gibt es eigentlich keine, zumal auch der Vergleich zu einer wirklich guten, zeitgenössischen „gutbürgerlichen“ Küche wie im „Gasthaus Stappen“ deutlich zuungunsten von Mälzer ausgeht. Dafür ist der eben ein Popstar, dem es spielend gelingt, auch eine größere Anzahl von Damen mittleren Alters in schweren Pelzmänteln auf karges Mobiliar in einem kleinen weißen Häuschen zu bringen. Gegen 18.30 Uhr (das Essen wird in zwei Schichten serviert: von 18 bis 20.30 Uhr und von 20.30 Uhr an) war der Meister sogar mal kurz im Haus, entschwand aber schon bald wieder.

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