https://www.faz.net/-gum-7u977

Kritik an Yelp : Bitte beschimpft uns!

Nur ein lausiger Stern: das Botto Bistro auf Yelp Bild: Yelp

Die Besitzer eines italienischen Bistros in Amerika waren von der Bewertungsplattform Yelp genervt und schmiedeten einen Plan: Sie wollten das Restaurant mit der schlechtesten Bewertung werden. Der Plan funktionierte – und Yelp ist nicht erfreut.

          In einer der jüngsten Bewertungen des Restaurants Botto Bistro auf der Internetplattform Yelp schimpft ein Gast: „Das ist das schlechteste Restaurant, in dem ich jemals war. Unfreundlich Kellner, schmutziges Geschirr, lauwarme Getränke […]. Gehen Sie da NICHT hin.“ Für gewöhnliche Restaurantbetreiber ist es ein Ärgernis, solche Zeilen über sich im Internet lesen zu müssen. Nicht so für Davide Cerretini und Michele Massimo, die Besitzer des Botto Bistro, einem italienischen Restaurant in Richmond, Kalifornien. Sie haben es so gewollt.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Der Plan von Cerretini und Massimo war es, das Restaurant mit der schlechtesten Bewertung auf Yelp zu werden. Um das zu erreichen, gaben sie jedem Gast, der das Botto Bistro mit nur einem Stern bewertete, 25 Prozent Rabatt auf eine Pizza. Mittlerweile hat das Restaurant fast 1000 miese Kritiken gesammelt – und das Ganze liest sich bisweilen so, als sei ein Wettbewerb um die skurrilste Begründung ausgebrochen. Kritisiert werden zu lange Nudeln, dass das Restaurant nicht nach Los Angeles liefert (es liegt bei San Francisco) oder die Tatsache, dass Brad Pitt nicht im Restaurant anzutreffen war.

          Während sich auf Yelp weiterhin Stilblüten häufen, muss im Botto Bistro mittlerweile aber jeder wieder den normalen Preis zahlen. Denn das Ziel ist erreicht, stolz verkünden die Gastronomen auf ihrer Internetseite: „Es ist offiziell, Botto Bistro ist das schlechteste Restaurant auf Yelp und in der Welt von Yelp. Es bedarf großartiger Köche, großem Talent und großer Erfahrung, einen Michelin-Stern zu bekommen, aber um eine Ein-Stern-Bewertung auf Yelp zu kriegen, braucht es noch viel mehr.“

          Angriff auf Yelp

          Unabhängig davon, ob diese Behauptung einen Funken Wahrheit enthält oder eher dem sehr eigenen Humor der Restaurantbetreiber entspringt, stellt sich doch die Frage: Warum den ganzen Aufwand betreiben? Weil Cerretini und Massimo ein Problem mit Yelp haben und die Aktion ihr persönlicher Rachefeldzug gegen die Bewertungsplattform ist. „Wir wollen beweisen, dass eine niedrige Wertung und schlechte Kritiken weder uns noch irgendein anderes Restaurant wirklich treffen können“, hieß es während der Aktion auf der Homepage des Botto Bistro. Gegenüber der Nachrichtenseite Ars Technica sagte Davide Cerretini: „Man braucht mir nicht zu sagen, wie man Gerichte aus meiner Stadt kocht. Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Wenn du hier herkommst, um zu erreichen, dass wir irgendetwas in unserem Laden verändern, halte einfach den Mund und gehe woanders essen.“

          Das klingt nach der gekränkten Eitelkeit eines Restaurantbetreibers, der Bewertungsplattformen grundsätzlich als Werk des Bösen ablehnt. Glaubt man den Betreibern des Botto Bistro, dann geht es ihnen aber um mehr: Wie schon andere Gastronomen vor ihnen werfen Cerretini und Massimo Yelp ein zwielichtiges Geschäftsmodell vor: Restaurants, die einen Werbevertrag mit Yelp eingingen, verspreche die Plattform prominentere Plazierungen. Wie Cerretini in verschiedenen Medien erklärte, habe Yelp bisweilen fünf Mal am Tag angerufen, um derlei Angebote zu unterbreiten, und irgendwann habe er angenommen – einfach um seine Ruhe zu haben. Als die Anrufe trotzdem weitergingen, habe er wüst geschimpft, aber auch das habe nicht geholfen, also habe er schließlich die „Hate us on Yelp“-Kampagne gestartet.

          Yelp ist nicht erfreut

          Yelp ist von der Aktion freilich nicht eben angetan, schließlich verbieten es die Richtlinien des Unternehmens, dass es für Kritiken eine Gegenleistung gibt  – auch wenn Yelp dabei ursprünglich wohl den Erwerb positiver Bewertungen im Sinn hatte. Cerretini stellte E-Mails online, in denen das Unternehmen ihm mit Konsequenzen droht. Auf Nachfrage von Ars Technica wollte ein Yelp-Sprecher sich zur Sache nicht äußern, nutzte aber die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass folgender Zusammenhang wissenschaftlich bewiesen sei: Steigt die Zahl der Sterne eines Restaurants auf Yelp, steigt auch der Umsatz. „Man muss sich schon fragen, ob das die klügste Strategie ist“, sagte er mit Blick auf das Botto Bistro. Aber vermutlich sind die beiden Gastronomen was Marketingfragen angeht cleverer, als Yelp es ihnen zutraut: „Unser Laden hat jetzt die gesamte Aufmerksamkeit der Welt, was will ich mehr?“, sagte Cerretini.

          Die vielen Neukunden, die dem Restaurant mit der schlechtesten Wertung nach all der Aufregung sicherlich einen Besuch abstatten werden, dürften ihre Entscheidung am Ende zumindest nicht bereuen. Denn laut Google-Bewertungen soll das Botto Bistro ein echt guter Italiener sein. Dort haben bislang zwar nur neun Gäste das Restaurant bewertet, aber die sind sich überraschend einig. Im Schnitt geben sie dem Botto Bistro 4,2 von fünf möglichen Sternen.

          Weitere Themen

          Sprengmeister machen Parkhaus platt Video-Seite öffnen

          Flughafen Tampa : Sprengmeister machen Parkhaus platt

          Von einem Parkhaus am internationalen Flughafen Tampa im amerikanischen Bundesstaat Florida blieb nach wenigen Sekunden nur noch Schutt und Asche übrig. Das Gebäude einer Autovermietung wurde kontrolliert zur Explosion gebracht.

          Kreuzfahrt kassiert heftige Schelte

          Ranking des Nabu : Kreuzfahrt kassiert heftige Schelte

          Der Naturschutzbund wirft der Branche in seinem jährlichen Kreuzfahrtranking vor, sich dem Klimaschutz zu verweigern. Deutsche Reedereien schneiden jedoch gar nicht so schlecht ab.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.