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Reportage : Der einsame Aids-Tod

Aidspatienten sucht man in den Hospizen meist vergebens Bild: picture-alliance / dpa

Der Aidstod ist zur Ausnahme geworden und wird verdrängt. Wer heute in Deutschland am HI-Virus stirbt, stirbt oft allein. So auch Paul Sander.

          5 Min.

          Seine letzte Auslandsreise führte ihn nach Teneriffa. Nur eine Woche Urlaub, mehr Zeit, glaubte Paul Sander, habe er nicht. Zwar redeten seine Freunde auf ihn ein, sich doch richtig zu erholen, doch er fühlte sich unabkömmlich. Der Betriebswirt hatte sich gerade erst als Steuerberater in München selbständig gemacht, in der Hoffnung, als Freiberufler seine Zeit besser einteilen zu können.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Krankheit, die ihm auch im Herbst 2003 noch immer keiner ansah, machte ihm von Jahr zu Jahr mehr zu schaffen. Seit 1994 wußte Paul Sander, daß er HIV-positiv war. Sein damaliger Lebensgefährte war mehrfach auf seinen Geschäftsreisen in den Vereinigten Staaten fremdgegangen und hatte ihn infiziert - mit einem besonders aggressiven Virus.

          „Vollbild Aids“

          Schon im Mai 2003, als die Geschichte von Paul Sander, Heike Klaas und Robert Müller unter dem Titel Leben mit Aids erschien, galt er als „austherapiert“. Die Berlinerin Heike Klaas, die wie die beiden anderen anonym bleiben wollte (ihre Namen wurden von der Redaktion geändert), ist sogar schon seit mehr als fünfzehn Jahren HIV-positiv. Ihre Werte liegen noch immer über dem kritischen Punkt: Erst wenn die Zahl der Helferzellen pro Mikroliter Blut unter 200 sinkt, sprechen Mediziner vom „Vollbild Aids“. Ein Immundefekt liegt bei der Vierunddreißigjährigen nicht vor, sie hat bisher keine Aids-Medikamente nehmen müssen.

          Auch dem Hamburger Robert Müller, seit 1983 mit dem Virus infiziert, geht es nicht schlechter als vor zwei Jahren - obwohl er zu den ersten in Deutschland gehörte, die „positiv“ getestet wurden. Er arbeitet als Übersetzer unter anderem von Büchern aus dem Niederländischen. Für eine seiner letzten Arbeiten, Edward van de Vendels Buch „Was ich vergessen habe“, ist er für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Robert Müller war schon 1985 bereit gewesen, über die Krankheit Aids in der Öffentlichkeit zu reden und sein Gesicht auf Plakaten, in Büchern und im Fernsehen zu zeigen.

          Zuletzt nur noch 45 Kilogramm

          Seinen bisherigen Tiefpunkt erreichte er 1994. Damals lag er bereits im Sterben. Nur eine Generation neuer Aids-Medikamente rettete sein Leben. Die Nebenwirkungen jedoch sind kaum zu ertragen: Robert Müller leidet vor allem an Lipodystrophie, einer Fettumverteilung, die den Körper stark verändert, und an Neuropathie, einer Nervenschädigung besonders der Beine. Trotzdem nimmt er die lebensverlängernden Medikamente regelmäßig ein.

          Seine Compliance, wie Mediziner die Therapietreue nennen, ist gut. Paul Sander haßte die Medikamente, deren Nebenwirkungen ihn seit Jahren quälten. Sie töteten seine Geschmacksnerven ab und verdarben ihm jede Mahlzeit. Nach seiner Teneriffa-Reise litt er zusätzlich unter permanentem Durchfall; in den vergangenen Monaten hatte er stark an Gewicht verloren. Paul Sander, knapp 1,90 Meter groß, wog zuletzt noch 45 Kilogramm.

          Er sah seinen Freund sterben

          Die Gründe für seine Diarrhöe konnten nicht geklärt werden: Bakterien, die er von der Kanarischen Insel mitgebracht haben könnte, waren es offenbar nicht, und es war wohl auch kein Pilz, der auf seine Immunschwächekrankheit hätte zurückgeführt werden können. Seine Ärzte waren ratlos. Sie vermuteten schließlich eine Aids-bedingte Erkrankung. Daß ihr Patient seine Medikamente nicht regelmäßig einnahm, wußten sie offenbar nicht.

          Paul Sander hatte seinen Freund an Aids sterben sehen. Den Tumoren, die sich rasch ausbreiteten, hatte der durch das HI-Virus geschwächte Körper nichts entgegenzusetzen. Weder eine Chemotherapie noch die Mitte der neunziger Jahre entwickelte Kombinationstherapie konnten ihn retten. Er starb im Juni 1996.

          Verfall des Körpers

          Vor etwa zweieinhalb Monaten wurde bei Paul Sander ein Lymphdrüsenkrebs, ein Non-Hodgkin-Lymphom, diagnostiziert. Dabei handelt es sich um bösartige Vergrößerungen und Wucherungen der Lymphknoten. Sie gehören wie das Kaposi-Sarkom oder der Gebärmutterhalskrebs zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Zusammenhang mit Aids. Paul Sander kam ins Krankenhaus. Eine Chemotherapie wurde begonnen, aber nach wenigen Tagen wieder abgebrochen. Die Chancen einer Heilung waren zu gering, der Patient war bereits zu schwach.

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