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Rentner erschießt Ärzte : Schwierig und zunehmend verwirrt

  • -Aktualisiert am
„Unbewohnbar“: Selbst zu Hause fühlte sich der Rentner Adolf N. nicht mehr sicher.
          3 Min.

          Vor der Eingangstür des weiß gestrichenen Ärztehauses liegen Blumensträuße rund um Kerzen und Teelichter. Unter dem Klingelschild der internistischen Praxis lehnt ein kleines Plakat. Darauf ist zu lesen: „Du konntest helfen . . . wer half dir/euch?“. An der Seite der improvisierten Gedenkstätte hat jemand ein Heft mit Kugelschreiber als eine Art Kondolenzbuch ausgelegt. Der erste Eintrag lautet: „Peter und Alex, wir können nicht glauben, was passiert ist. Ruht in Frieden.“

          Thomas Holl
          Redakteur in der Politik.

          Immer wieder kommen am Dienstagvormittag Menschen mit Tränen in den Augen zu dem Haus an der Friedensstraße in Weilerbach, um Abschied zu nehmen. Auch Bürgermeister Horst Bongart ist da. Vor wenigen Tagen konnte der Kommunalpolitiker die Jubelnachricht verkünden, dass in seiner beschaulichen 4600-Seelen-Gemeinde nahe der Airbase Ramstein bald das größte amerikanische Militärhospital gebaut wird. Nun muss er versuchen, eine Tat zu erklären, die niemand hier fassen kann. „Das Dorf ist geschockt und gelähmt. Das ist eine Sache, die unbegreiflich ist. Ich war Patient bei den beiden. Das waren Leute wie du und ich, sie waren eine Institution bei uns.“

          Weilerbach bei Ramstein
          Weilerbach bei Ramstein : Bild: F.A.Z.

          Eine Stunde zuvor haben Staatsanwaltschaft und Polizei in Kaiserslautern in einer Pressekonferenz den rekonstruierten Ablauf der Tat geschildert, der am Montagnachmittag die Ärzte Peter M. und Alexander M. in ihrem Sprechzimmer zum Opfer fielen. Die Oberstaatsanwälte Helmut Bleh und Hans Bachmann sowie Kriminalhauptkommissar Hans Maaßen liefern auch eine mögliche Erklärung für das Verbrechen, wonach der 78 Jahre alte Rentner Adolf N. die Mediziner womöglich im Verfolgungswahn erschossen hat.

          Nach Angaben Maaßens ging um 16.13 Uhr in der Polizeileitstelle in Kaiserslautern ein Notruf ein, dass im Ärztehaus im nahen Weilerbach Schüsse gefallen seien. Zehn Minuten später trafen die ersten Polizeibeamten ein, Rettungssanitäter und Notärzte kämpften da schon um das Leben der Schwerverletzten.

          Weilerbach : Erklärungsversuche nach Todesschüssen

          Gegen 16 Uhr hatte Adolf N. die Praxis betreten, bei der Arzthelferin seine zehn Euro Praxisgebühr bezahlt und sich ins Wartezimmer gesetzt. Einer der mit ihm wartenden Patienten erzählt der Polizei später, dass sich N. über die Wartezeit beschwerte. Dass er zwei Pistolen in seiner Tasche dabeihatte, bemerkte niemand. Dann wurde er in das Sprechzimmer seines 48 Jahre alten Hausarztes Alexander M. gerufen, er ging hinein, und sofort hörten Arzthelferin und Patienten aus dem Raum laute Rufe, Sekunden später fielen Schüsse. Die Sprechstundenhilfe und Alexander M.’s Onkel, der 63 Jahre alte Peter M., eilten in das Zimmer. Dort streckte N. die beiden ebenfalls mit einer Pistole PPK 7,65 Millimeter nieder.

          Wie sein Neffe erlag der Onkel wenig später seinen Verletzungen, die 60 Jahre alte Arzthelferin wurde nur leicht verletzt. Erst einem dritten Arzt gelang es, dem Täter die Waffe zu entwinden. Mit seinem Motorroller floh N. in sein zwei Kilometer entferntes Haus. Dort verschanzte er sich und schoss beim Eintreffen der Polizei durch das Küchenfenster. Die Kugel traf einen Beamten als Streifschuss am Hals. Als ein Sondereinsatzkommando gegen 17.57 Uhr das Haus stürmte, war N. bereits tot. Er saß leblos auf einem Stuhl in der Küche. Mit seiner zweiten Pistole hatte er sich in den Kopf geschossen. Auf dem Tisch lag ein kurzer Abschiedsbrief, der nach Angaben der Staatsanwälte nichts über das Motiv sagt, aber zeigt, dass die Tat geplant war: „Mein Sohn soll alles regeln. Ich will kein Grab. Ich will verbrannt werden, aber ich will keine Urne. Es sollen keine Erinnerungen übrig bleiben.“

          Im Keller findet die Polizei ein Waffenarsenal. Drei Pistolen, neun Gewehre, viel Munition und zehn lange Messer. Für die Waffen habe der Rentner, über dessen früheren Beruf die Polizei bislang nichts weiß, keinen Waffenschein und keine Waffenbesitzkarte besessen. Staatsanwalt Bleh berichtet, dass N. strafrechtlich ein unbeschriebenes Blatt gewesen sei. Mit Nachbarn habe es aber Streit gegeben, wie etwa um das Beschneiden einer Hecke im Garten. Die Nachbarn hätten den alleine lebenden und seit mehr als 20 Jahren geschiedenen Mann als „schwierig und zunehmend verwirrt“ geschildert. Blehs Kollege Bachmann sprach von einer „Wesensveränderung“ des Rentners. Am 16. Februar rief der Mann nach Angaben der Staatsanwälte die Polizei, weil er sich von seinen Nachbarn durch „Strahlenangriffe“ bedroht fühlte. Er schilderte den Beamten, dass er durch die Strahlenattacken Herzrasen und Schweißausbrüche bekomme. Sein Haus könne er nicht mehr bewohnen und müsse im Hotel übernachten.

          Tatsächlich verbrachte N. nach Angaben der Ermittler die Nacht von Sonntag auf Montag in einem Hotel. Wochen zuvor hatte er auch beim Amtsgericht Kaiserslautern gegen seine Nachbarn einen Antrag auf „Schutz vor Gewalt“ gestellt. Der von der Polizei informierte sozialpsychologische Dienst konnte dem Mann offenbar nicht helfen. Der Hausbesuch eines Mitarbeiters des Dienstes, der N. zur Behandlung riet, blieb ohne Ergebnis. Zu seinen Ärzten habe er kein Vertrauen, habe N. geantwortet. „Er hat in zunehmendem Maße seine Umwelt als feindselig wahrgenommen - vielleicht auch seine Ärzte“, sagte Staatsanwalt Bleh am Dienstag. Womöglich habe bei N. eine wahnhafte Persönlichkeitsstörung vorgelegen, die zu dem unvorhersehbaren Ereignis geführt habe. Bei dem Internisten Alexander M. war der Rentner wegen einer Kehlkopfkrebserkrankung in Behandlung. „Ob das der Grund für die Tat gewesen ist, wissen wir nicht.“

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