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Rekord-Solarflug : Die Fliegerweihnacht fällt wohl aus

Sonnenflieger in der Abendsonne: Solar Impulse 2 im Landeanflug auf Kalaeloa bei Honolulu (Hawaii) Bild: AP

Das Solarflugzeug Solar Impulse fliegt um die Welt. Aber nun sind die Batterien beschädigt, und der Zeitplan wankt. Kritiker sehen sich bestätigt.

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          Bertrand Piccard ist etwas, was es früher wohl häufiger gab, was aber heute selten geworden ist: Arzt, Weltenbummler und Entdecker in einer Person. Auf seiner Homepage betrachtet sich der Spross der berühmten Piccard-Familie – der Großvater Auguste flog in einem Ballon so hoch wie noch niemand vor ihm, der Vater Jacques tauchte mit einem U-Boot so tief wie noch niemand zuvor – eher als „Erforscher des menschlichen Geistes“ denn als Abenteurer.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber wer sich in einen engen Flugzeug-Einsitzer zwängt, der nur mit Solarenergie fliegt, und damit die Welt umrunden will, der muss wohl ein ausgemachter Abenteurer sein. Der Siebenundfünfzigjährige philosophiert gern über das Verhältnis zwischen Abenteuer und Krise, das er so definiert: „Ein Abenteuer ist eine Krise, die man akzeptiert. Eine Krise ist ein Abenteuer, das man ablehnt.“ Das klingt gut. Freilich zeigt die Halbzeit des Fluges mit dem Sonnenflugzeug Solar Impulse, dass die Grenzen zwischen diesen beiden Zuständen unschön fließend sein können.

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          Fünf Tage und Nächte quer über den Pazifik

          Vor gut einer Woche landete Piccards Partner André Borschberg, mit dem er sich abwechselt, mit der Solar Impulse auf Hawaii. Es war die achte und längste Etappe der Erdumrundung. Für die fast 8300 Kilometer lange Strecke vom japanischen Nagoya aus quer über den Pazifik brauchte Borschberg fünf Tage und fünf Nächte.

          Die Solar Impulse ist mit 17 000 Solarzellen auf den Flügeln, die länger sind als die eines Jumbojets, zwar ein Hightech-Gerät. Doch die Reiseumstände sind nicht gerade modern. Das Flugzeug ist im Durchschnitt nur mit Tempo 60 unterwegs, eine echte Heizung fehlt. Die Piloten müssen extremen Temperaturen zwischen minus 20 und plus 40 Grad trotzen. Die Benutzung der Toilette – zu finden unter einem Deckel in der Sitzfläche – kommt einer logistischen Meisterleistung gleich: Es sind fünf Schichten Daunenkleidung abzulegen.

          Borschberg und Piccard haben vorher ausführlich geübt. Mit Fallschirm und Rettungsboot für den Fall eines Absturzes. Etliche Stunden im Flugsimulator, begleitet von Nasa-Technik. „Nach drei Tagen und drei Nächten bin ich in mein Auto eingestiegen und nach Hause gefahren. Mir ging’s wirklich gut“, sagt Piccard. Und auch der 62 Jahre alte Borschberg, der jetzt Rekorde aufgestellt hat (längster Soloflug, weiteste Distanz eines Solarflugzeugs) hat die echte Langzeit-Etappe gut überstanden. Es sei so wunderschön gewesen dort oben, über dem Ozean und den Wolken. „An einem Morgen, mitten im Flug, habe ich einfach geweint. Es war so besonders, dieser Moment. Ich war einfach voll mit Gefühlen“, schwärmt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sogar von Romantik spricht Borschberg – auch wenn klar wird, dass die nicht ohne Schmerzen zu haben ist.

          Piccard spricht gern von der Komfortzone, die es zu verlassen gelte – und das ist dann auch schon so etwas wie der Kern des Ganzen. Er macht es am Thema Schlaf fest. „Wenn ich zu Hause bin, brauche ich neun oder zehn Stunden Schlaf. Ich muss im Dunkeln schlafen, ohne Geräusche, flach im Bett.“ Das geht in der Solar Impulse nicht. Sie muss gesteuert und beobachtet werden. Deshalb pflegen sie dort den sogenannten polyphasischen Schlaf: 20 Minuten am Stück, und das zehn- bis zwölfmal je Tag. Kann das jemand schaffen, der sonst zehn Stunden schläft? Ja, sagt Piccard. „Das ist die interessante Erkenntnis für mich: Wenn man sich von seinen üblichen Gewohnheiten löst, wenn man die Komfortzone verlässt, ist man viel freier. Das ist für mich der Zauber des Abenteuers: Wir gewinnen an Leistungsfähigkeit, wenn wir Kontrolle verlieren. Wir sind in einer neuen Umgebung, inmitten von Unbekanntem, Unsicherem, mit vielen Fragezeichen. Und das stimuliert die Kreativität, die Performance.“

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