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Reise nach Panama : Abseits des Papiers

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Arm und reich sitzen eng beieinander: Blick auf die Skyline von Panama-Stadt, die weiter in den Himmel wächst Bild: Thorsten Konrad

Alle reden über die dubiosen Finanzgeschäfte, doch was ist Panama eigentlich für ein Land? Es schreibt Geschichte, nicht bloß mit Briefkastenfirmen – sondern auch mit wachsender Skyline, wiederbelebten Boutiquehotels und Ökotourismus.

          Das luxuriöse American Trade Hotel imponiert mit seiner neoklassizistischen Fassade schon von außen. Innen wird’s noch besser, mit riesiger Lobby samt Restaurant, die so hoch ist wie ein Tropenhaus, mit ähnlich großer Pflanzenvielfalt. Dazwischen stehen Bertoia Side Chairs neben maßgefertigten Holztischen auf ornamental gemusterten Fliesen. Und auf den Zimmern zirkuliert der Sound des schwarzen Deckenventilators mit dem Krächzen des Kofferradios im Midcentury Design um die Wette.

          Wer das vor zwei Jahren eröffnete Hotel in der Altstadt von Panama City betritt, reist mitten hinein in die Ästhetik der Kolonialzeit, selbst wenn Panama seit mehr als 200 Jahren keine Kolonie mehr ist. Beim Melonensaft fragt man sich, wann Clark Gable oder George Clooney im Leinenanzug durch die Glastür kommen.

          Das American Trade Hotel steht wie kein anderes Gebäude für die Geschichte des alten Panama: 1917 von Leonardo Villanueva Meyer als „American Trade Developing Building“ kurz nach der Fertigstellung des Kanals erbaut, war es mit seinen vier Stockwerken das höchste Gebäude im Land – im Erdgeschoss ein Kaufhaus, darüber Büros und Apartments. Schnell war es the place to be für die neue Wohlstandsgesellschaft. Als die aber in den Sechzigern dank der Motorisierung in die Vororte gezogen war, begann die Altstadt langsam zu verwahrlosen.

          Kugelgelenk zweier Kontinente

          Kaum vorstellbar, dass dort, wo heute Martinis geschüttelt werden, noch vor 15 Jahren Müll, Ratten und eine Streetgang dominierten. Das Gebäude fand seinen Retter in Gestalt der Immobilienfirma Conservatio. Sie renoviert nach und nach die Altstadt. Gemeinsam mit der Kreativabteilung der amerikanischen Ace Hotels, die von Palm Springs bis Portland für eine eklektische Mischung aus Alt und Neu stehen, sollte das Haus seinen alten Glanz wiedergewinnen. Heute schillert es heller denn je, nicht nur, wenn gerade wieder eine Hochzeitsgesellschaft ein Feuerwerk über der Plaza Herrara entzündet.

          An der Schleuse: Der Kanal wird ausgebaut, so dass noch mehr Geld nach Panama fließen kann.

          Die verantwortliche Architektin Hildegard Vasquez sanierte die Grundmauern und fügte gemeinsam mit dem Atelier Ace örtliche und internationale Stilelemente ein. Das Gesamtbild einer Epoche oder einem Stil zuzuschreiben, fällt schwer. Mal ist es ein Palast in Marrakesch, mal ein Townhouse in New Orleans. Die verschiedenen Einflüsse stehen für ein Land, das ein Kugelgelenk zweier Kontinente bildet. Auch das American Trade Hotel ist zum Bindeglied für die kosmopolitische Klasse geworden, die in den höheren Altersklassen eine Hermès-Tasche so selbstverständlich dabei hat wie ein Hemingway-Buch. Touristisch wirkt es trotzdem nicht.

          Der Distrikt Casco Viejo, entstanden als Ersatz für die erste Altstadt, die 1671 von Piraten dem Erdboden gleich gemacht wurde, hat teilweise sein altes Ansehen zurück, seit er 1997 von der Unesco als Weltkulturerbe ausgerufen wurde. Beim Spaziergang durch die schachbrettartig angelegten Gassen, hin zur Kanaleinfahrt und vorbei an Kathedralen im spanischen Kolonialstil und Art-Déco-Gebäuden, erkennt man die Aufbruchstimmung. Hier wird gebohrt und gestrichen, vom Haus daneben stehen nur die Außenwände. Noch hat Casco seine Patina. In zehn Jahren könnte alles so glattpoliert sein wie in der Altstadt von Dubrovnik, wo heute fast keine Einheimischen mehr wohnen, weil die Mieten zu horrend sind. Das zumindest wollen die neuen Bewohner wie das American Trade Hotel mit Community-Projekten verhindern, indem sie Arbeitsplätze und Schulungen anbieten.

          Die Grenze zwischen Arm und Reich verläuft in Calle 15

          Conservatio hebt hervor, man wolle die Vielfalt der Gegend erhalten und die Menschen nicht vertreiben. Doch schon 300 Meter hinter dem American Trade Hotel verläuft die Grenze zwischen Arm und Reich, die Calle 15. Dort trägt keiner einen Panama-Hut für 20 Dollar und dazu eine helle Leinentunika – im Casco sind sie das Erkennungszeichen der Touristen. Hier trägt man Basecaps und Trikots des FC Barcelona. Auf den Straßen sammelt sich der Müll, der Putz bröckelt von den bunten Häusern. Wo einst auch Manuel Noriega zugange war, ist die kriminelle Aura geblieben. Eigentlich paradox, dass gerade in dieser Gegend alle Häuser vergittert sind.

          „Wir Panamaer haben generell ein Faible dafür, uns einzuriegeln“, sagt Javier Reina auf dem Weg zum Panama-Kanal. Er leitet die Ausflüge von Ancon Expeditions, einem Reisevermittler für Ökotourismus. Die Tour durch den Kanal beginnt an den Miraflores-Locks, der größten Schleusenanlage auf der Pazifikseite. Am Morgen, bevor die Ebbe den Verkehr lähmt, ist am meisten los. Gerade wird ein Containerschiff durchgeschleust, an den Seiten ist weniger als eine Armlänge Platz. Anders als im „Schneider von Panama“ wird hier Maßarbeit geleistet.

          Für naturverträglichen Tourismus: Tourleiter Javier Reina

          Irgendwann ist aber auch damit Schluss. Die neuen Kreuzfahrtkolosse, Frachtschiffe und Flugzeugträger passen längst nicht mehr durch den vor mehr als 100 Jahren von den Amerikanern erbauten Kanal. Seit Jahren wird an der Erweiterung gebaut. Dieses Jahr soll sie zu Ende gebracht werden. Der 80 Kilometer lange Kanal hat sich als Abkürzung der gefährlichen Kap-Hoorn-Umschiffung längst bewährt. Die Expansion soll Geld ins Land fließen lassen und Arbeitsplätze schaffen. Schließlich ist der Kanal die Lebensader eines Landes, das so viele Einwohner wie Berlin hat und der Größe der Tschechischen Republik entspricht. Panama hatte die Wasserstraße lange nicht unter Kontrolle. Erst 1999 bekam die Republik den Kanal, das letzte Kolonialpfand, von den Amerikanern zurück.

          Ein Krokodil im Kanal

          Nicht nur an den Wasserwegen wird gebaut. Der Flughafen Tocumen soll expandieren, er bekommt ein neues Süd-Terminal. Und das Stadtbild wandelt sich: Immer neue Stahlträgerskelette sprießen in der ohnehin schon eindrucksvollen Skyline. Das Bankenzentrum im Steuerparadies floriert, der Handel ebenfalls. Mit jeder neuen Mall sind weniger Menschen auf den Straßen. Javier Reina, der Touristenführer, hält wenig vom schnellen Wachstum seiner Heimat: „Der Kommerz beschleunigt alles. Das macht das Leben stressiger und für die Einwohner zu teuer.“ Solange er, Vogel-Lexikon und Fernglas in der Hand, im größten Binnensee des Kanals, dem GatunSee, nach Vögeln Ausschau hält, ist die Welt für ihn in Ordnung. „Nirgends sonst gibt es eine so reichhaltige Flora und Fauna, weil unser Land Knotenpunkt zweier Ozeane und zweier Kontinente ist.“ In anderen Ländern, sagt man, schauen 20 Touristen auf einen Vogel, in Panama schaut ein Tourist auf 20 Vögel. Und wer hätte gedacht, dass mitten im Kanal ein Krokodil schwimmt!

          Auf dem Inselarchipel Bocas del Toro im Nordwesten ist das Ökokonzept zum Geschäftsmodell geworden. Der Flughafen auf der Hauptinsel Isla Colón liegt so nah an der Stadt, dass neben dem Flugfeld Fußball gespielt wird. 200 Meter dahinter befindet sich die Hauptstraße mit Restaurants, Bars und Hostels in Regenbogenfarben, die teilweise auf Stelzen direkt über dem Wasser gebaut sind. Sie sind in die Jahre gekommen, das kümmert aber niemanden. Denn die Stimmung ist entspannt – zur Happy Hour gibt es zwei Balboa-Bier zum Preis von einem.

          Vor 500 Jahren setzte Christoph Kolumbus für ein paar Tage vor Bocas Anker. Heute sind es Profisurfer, Rucksackreisende, junge Paare aus aller Welt sowie ein paar amerikanische Ruheständler, die auf Bocas entspannen, Faultiere beobachten, Wellen reiten oder einfach das suchen, was sie anderswo in der Karibik oder in Südostasien mittlerweile vermissen: den „laid-back vibe“.

          Nachhaltige Eco-Lodges am Sandstrand

          Am sieben Kilometer langen Bluff Beach haben Betsy und Gary Wilkins vor zwei Monaten ihr Bed & Breakfast The Hummingbird eröffnet: ein zweistöckiges Haupthaus und zwei Bungalows, alles aus Holz der Region gebaut. Sechs Paare können darin wohnen. Viel ist das nicht, aber für Betsy und Gary genau richtig. Sie betreiben eine der rund 25 Eco-Lodges von Bocas, Nachhaltigkeit ist für sie wichtig: Ventilatoren statt Klimaanlage, gefiltertes Wasser statt Plastikflaschen. Am Morgen schauen einen die Faultiere verschlafen aus dem Baum an, am zehn Meter entfernten Sandstrand fallen die Kokosnüsse von den Palmen, im Dschungel hinter der Lodge brüllen die Kapuzineraffen, und die Gastgeberin serviert warmen French Toast aus Kokosnussbrot und dazu eine Kanne Kaffee.

          In ihr altes Leben eines Ingenieurs und einer Verkaufsmanagerin wollen die beiden Mittvierziger nicht zurück. „Ich war der Natur noch nie so nah“, schwärmt Pflanzenund Tierfreund Gary. Das bleibt auch so, denn Nachbarn hat das Hummingbird noch nicht. Das größte Hotel in Bocas Town, mit 120 Zimmern, ist bislang auch das einzige in dieser Größe. Sonst schlummert der Inselarchipel noch, der einst größter Bananenexporteur der Welt war, bevor Chiquita seine Plantagen aufs Festland verlegte.

          Auswanderer: Lodgebetreiber Henry Escudero

          Als einer der Ersten wanderte vor zwölf Jahren der Amerikaner Henry Escudero nach Bocas aus. Mit seiner britischen Frau Margaret Ann zog er auf die Insel Bastimentos, übernahm dort eine Kakaoplantage und errichtete mittendrin die Lodge La Loma. Erst nach kurzem Spaziergang vom Bootssteg durch den Dschungel gelangt man zum Haupthaus, wo das Abendessen serviert wird. Die vier Gästebungalows verstecken sich dahinter. „Als wir nach Bocas zogen, gab es nur ein öffentliches Boot“, sagt Escudero, als er durch seine Kakaoplantage führt und mit dem Auge des ehemaligen Archäologen jede Veränderung seiner Pflanzen erkennt. „Mittlerweile ist mehr los, aber die Ruhe ist geblieben. Unsere Gäste schätzen die Abgeschiedenheit.“ Wifi gibt’s natürlich trotzdem.

          Wenn man auf dem Rückweg von La Loma zur unbewohnten Insel Zapatilla fährt, fragt man sich, wie lange das gut gehen kann mit Bocas. Die Inselgruppe hat alle Vorzüge der Karibik und ist im Vergleich zu Curaçao oder Cancun nahezu unberührt. Der Abflug vom Flughafen in Bocas-Stadt verzögert sich um eine Stunde. Man hätte nichts dagegen, wenn es länger dauern würde.

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