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Regionalwährung im Chiemgau : Noch so ein Schwundgeld

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Klingeln nicht in der Kasse, sind aber trotzdem viel wert: Chiemgauer-Noten Bild:

Der Chiemgauer ist die erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands. Er soll die heimische Wirtschaft stärken. Vielen Rosenheimern ist er aber zu kompliziert - obwohl es ihn inzwischen sogar bei der Sparkasse gibt.

          Hin und wieder zahlt die Kundschaft im Café Elisabeth in der Rosenheimer Innenstadt mit Chiemgauern. Kräutertee und Omelette? Zehn Chiemgauer, so viel wert wie zehn Euro, aber der Schein ist kleiner, rot und mit Erdbeeren auf der Rückseite. Münzen gibt es nicht. Also gibt die Bedienung dem Gast das Restgeld in Euro-Münzen zurück.

          Der Kunde ist Christian Gelleri. Er rief den Chiemgauer 2002 ins Leben, um die heimische Wirtschaft zu stärken. Die Währung gilt nur in der Region und soll dafür sorgen, dass das Geld in der Gegend bleibt. In Rosenheim gibt es Matratzen, Fleisch- und Backwaren, Schmuck, Hörgeräte und Spielzeug im Tausch gegen Chiemgauer. Auch einige Psychotherapeuten und Zahnärzte nehmen rote Scheine.

          Die Weltwirtschaftskrise brachte das Regionalgeld hervor

          Die ersten Regionalgelder in Deutschland entstanden um 1930 zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Danach verschwanden sie wieder von der Bildfläche. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts erlebten sie eine Renaissance: Knapp 40 Regionalwährungen gibt es heute zwischen Alpen und Küste, etliche weitere werden geplant. Der Chiemgauer hat alle abgehängt: Gelleri sagt, 179.916 Chiemgauer seien in bar in Umlauf, im vergangenen Jahr soll der Chiemgauer zu einem Umsatz im Wert von fünf Millionen Euro geführt haben. Angesichts des Euro-Krisengeredes, wegen des Griechenland-Problems nun wieder aktuell, ist es fast ein Menetekel, dass Gelleris Chiemgauer in jüngster Zeit so erfolgreich ist.

          Vor dem Hintergrund komplexer Ideen: Initiator Christian Gelleri

          Dabei ist das Neben-Geld nur in den beiden Landkreisen Rosenheim und Traunstein im Umlauf. 600 Unternehmen akzeptieren den Chiemgauer neben dem Euro. Manche Geschäfte weisen mit einem Aufkleber an der Tür darauf hin. „Der Chiemgauer soll den Euro ergänzen, nicht ersetzen“, sagt Christian Gelleri, der in den Neunzigern Betriebswirtschaftslehre studierte, Lehrer für Wirtschaft und Informatik wurde und mit seinen Oberstufenschülern das Geld erfunden hat. Inzwischen ist der Chiemgauer sein Vollzeitprojekt.

          Braucht man den Chiemgauer, um regional einzukaufen?

          Gelleri, ein ruhiger und ernster Mann, findet Globalisierung nicht grundsätzlich schlecht – aber eben auch nicht immer sinnvoll. Wenn es nach ihm ginge, bliebe globaler Austausch dort erhalten, wo es keine regionalen Alternativen gibt – zum Beispiel beim Bananenhandel. Und er würde dort zurückgefahren, wo ein regionales Angebot besteht. „Wenn Schweinefleisch aus der Gegend vergleichbar teuer ist wie das aus England, kann ich das doch von hier kaufen. Damit schaffe ich Arbeitsplätze hier und schone die Umwelt, weil die Transportwege kürzer sind.“ Den Konsum regionaler Güter könne man von 30 auf 50 Prozent erhöhen.

          Aber braucht man dafür eine eigene Währung? Gelleri sagt, dass sich Konsumenten über den Chiemgauer gegenseitig dazu verpflichten, ihn vor Ort wieder auszugeben. Wenn beispielsweise Annette Pailas, die Inhaberin des Café Elisabeth, Chiemgauer einnimmt, muss sie das Geld ortsnah wieder ausgeben, beispielsweise in der Metzgerei Lohberger oder in der Apotheke gegenüber. Zurücktauschen in Euro käme sie nämlich teuer zu stehen: Die Gebühr beträgt fünf Prozent des Betrags. Ein Teil davon dient der Finanzierung des Chiemgauer-Vereins, ein anderer kommt Einrichtungen der Region zugute, zum Beispiel dem Kindergarten Zwergerlburg, dem Heimat- und Trachtenverein Obing oder dem Ruderverein Babensham.

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