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Reggae-Musiker Gentleman im Gespräch : „Meine Groupie-Zeit ist vorbei“

  • Aktualisiert am

Viele Mützen und Hüte besitzt er gar nicht: Diese trägt Gentleman nur wegen seiner Geheimratsecken. Bild: Michael Kretzer

Ein Gespräch mit dem Reggae-Musiker Gentleman über Frauen, Ayurveda-Kuren, Jamaika und seine Ungeduld.

          5 Min.

          Du bekennst dich in deinen Songs zum Christentum. Gehst du in die Kirche?

          Nee, das ist nicht der Ort, an dem ich Gott gefunden habe. Mein Vater ist Pastor, und seine Predigten waren stets inspirierend. Aber die Kirche als solche - es war immer kalt, und ich bin auch dreimal umgekippt, weil wir so lange stehen mussten. Ich glaube mehr an die göttliche Kraft als an Religion.

          Wie wird aus einem Pastorensohn ein gefeierter Reggae-Musiker?

          Da kamen verschiedene Faktoren zusammen, zum Beispiel ein Interesse an Reisen und anderen Kulturen - das hat mich nach Jamaika geführt. Mit Reggae habe ich dann eine Musikrichtung gefunden, die eine Wärme und einen Druck hat wie keine andere. Ich kannte Reggae-Musik zwar schon vorher, aber erst in Jamaika wurde mir klar, dass Musik viel mehr ist als Entertainment. Der Plan war allerdings nie, Reggae-Sänger zu werden. Erst spät habe ich begriffen: Ich mach jetzt Musik und das ausschließlich.

          Ist Bob Marley für Reggae das, was Jesus für die Kirche ist?

          Man sollte es nicht übertreiben. Bob Marley hat Reggae international bekannt gemacht und war sicher eine große Inspiration. Aber es gibt so viele Künstler, die ebenwertig sind.

          Du bist so etwas wie der deutsche Reggae-Botschafter - aber was ist die Botschaft von Reggae?

          Ach, der deutsche Reggae-Botschafter - das ist schon wieder ’ne Übertreibung! Klar werde ich gehört, stehe in der Öffentlichkeit und kann vielleicht Debatten auslösen. Aber ich gebe mir auch das Recht, Fehler zu machen und ein suchender Mensch zu sein. Zur Frage: Für mich ist Reggae eine sehr ehrliche Musik, die bewegen kann.

          Woran hast du zu knabbern?

          In meinem Beruf sind regelmäßige Abläufe unmöglich, und manchmal wünsche ich mir, dass das anders wäre. Dass Zeit für mich zum totalen Luxus wurde, ist eben die andere Seite der Medaille. Ich habe einen zwölf Jahre alten Sohn und bin hundertfünfzig bis zweihundert Tage pro Jahr unterwegs - eine superschwierige Situation.

          Falls du dafür sorgen könntest, dass ein Reggae-Klischee aus den Köpfen verschwindet, welches wäre das?

          Dieses Sunshine-Image: Wir laufen alle barfuß herum und kiffen uns die Birne weg. Der strahlende Rastamann unter der Palme, Cocktail schlürfend und alles „No Problem“. Das ist ein Klischee. Ich kenne keine Musik, die so radikal und politisch ist wie Reggae.

          Wie wirkst du auf andere?

          Ich habe das Gefühl, immer mehr mit mir im Reinen zu sein. Ich bin jetzt neununddreißig Jahre alt, und das ist ’ne gute Zeit. Außerdem komme ich frisch aus dem Ayurveda-Urlaub. Weil ich ein ziemlich ungeduldiger Mensch bin, gibt es für mich nur vor oder nach Ayurveda. Vor Ayurveda habe ich oft zur Hektik geneigt, was mit der Ungeduld zu tun hat. Da kann ich schnell an meine nervlichen Grenzen kommen. Nach Ayurveda ist das anders.

          „In Jamaika passieren unglaubliche Dinge.“

          Wo warst du zur Ayurveda-Behandlung?

          In Sri Lanka. Das ist wirklich unglaublich dort. Wir können jetzt auch gerne das ganze Interview über Ayurveda reden.

          Muss nicht sein. Uns würde mehr interessieren, ob es außer Singen noch etwas gibt, das du richtig draufhast.

          Skateboard fahren - in meiner Jugend bin ich die Treppen am Kölner Dom mit dem Skateboard heruntergesprungen. Heute träume ich nur noch vom Skaten. Stattdessen spiele ich leidenschaftlich gerne Fußball. Derzeit kicke ich in einer Benefizmannschaft.

          Was ist so toll an Jamaika?

          Wenn man das erklären könnte, hätte es nicht dieses Mystische. Es gibt ganz viele unglaubliche Dinge, die dort geschehen.

          Zum Beispiel?

          Dieses allgemeine Aufsaugen der Musik, dass sich alle einig sind - das ist einzigartig in Jamaika.

          Das geht doch auch hier.

          Nee, geht nicht. Wenn jetzt hier jemand ein Soundsystem aufbaut und laute Musik abspielt, ist in zwei Minuten das Ordnungsamt da. In Jamaika finden spontan Partys auf der Straße statt.

          Wie oft warst du schon dort?

          Ich bin nicht so der Zähler.

          Zwanzigmal - plus / minus?

          Plus, obwohl ich mich in Köln pudelwohl fühle.

          Gibt es ein Zerrissenheitsgefühl?

          Das gab es. Früher war das ein großes Thema, aber mittlerweile spüre ich den Jetlag nicht mehr, und die Grenzen zwischen den beiden Ländern zerfließen für mich immer mehr.

          Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie gut kennst du dich allgemein mit Musik aus?

          Vier.

          Wie anstrengend ist es, ein Album aufzunehmen?

          Neun.

          Wie sehr kannst du deine innersten Gefühle in die Musik legen?

          Sieben.

          Wie bekannt bist du in Deutschland?

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