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Regensburg : Zum Frühstück beim Bruder des Papstes

Das Haus von Papst Benedikt XIV. in Pentling (Landkreis Regensburg) Bild: dpa/dpaweb

Georg Ratzinger ist betroffen. Er wird seinen Bruder Joseph in Zukunft sehr viel seltener sehen. Die Menschen im heimischen Umfeld des neuen Papstes sehen sein neues Amt mit einem lachenden und weinenden Auge.

          3 Min.

          „Als der Heilige Vater gestern abend versucht hat anzurufen“, sagt Frau Heindl, „ist er gar nicht durchgekommen.“ Nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst hatte sein Bruder Georg, der ehemalige Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen, das Telefon ausgehängt.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Haushälterin eilte vermittelnd zwischen der Wohnung des 81 Jahre alten Prälaten im Obergeschoß und den Fernsehjournalisten hin und her, die sich vor dem rötlich-braunen Haus in der Regensburger Innenstadt versammelt hatten. „Aber der Herr Domkapellmeister hat dagesessen wie ein Stein.“

          „Es war für uns selbstverständlich, daß er es nicht wird.“

          Jetzt, am Morgen danach, sitzt Georg Ratzinger beim Frühstück. Kaffee hat Frau Heindl gebracht und ein großes Stück Streuselkuchen. Mit seinem jüngeren Bruder, dem Papst, hat der Prälat gerade telefoniert. Das Gespräch dauerte bloß zwei Minuten, weil Benedikt XVI. um neun Uhr zum Hochamt mußte. „Wir haben ein bissl über praktische Sachen gesprochen“, erzählt Georg Ratzinger. Zum Beispiel darüber, daß er am Samstag nach Rom fliegen wird, um am Sonntag bei der Amtseinführung dabeisein zu können. Vielleicht fährt auch eine Abordnung der Diözese hin, der er sich anschließt. Georg Ratzinger hofft, daß er in der Krönungsmesse nicht konzelebrieren muß, weil er nicht mehr gut sieht und sich vor jedem Schritt am ungewohnten Altar fürchten müßte.

          „Ich kann schlecht Gefühle und Gemütszustände beschreiben, das bin ich nicht gewöhnt“, sagt der Prälat. „Daß ich schockiert bin, wäre vielleicht zuviel gesagt.“ Er entscheidet sich für das Wort „betroffen“: „Ich hätte nicht damit gerechnet. Normalerweise ist der Papst ja jemand, der in weiter Ferne ist.“ An Christi Himmelfahrt wollte Joseph Ratzinger, der seinen Bruder auch als Kardinal häufig besuchte, nach Regensburg kommen. „Daraus wird nun nichts.“ Noch vergangene Woche hielt Georg Ratzinger die Frage, ob sein Bruder wohl Papst werde, für albern. „Wir haben vorher überhaupt nicht über diese Möglichkeit gesprochen“, sagt er. „Es war für uns selbstverständlich, daß er es nicht wird.“ Seine Haushälterin hingegen hat es sich gedacht: „Da hat der Papst, der vorige, vom Himmel aus was gedreht - zusammen mit dem Heiligen Geist.“ Schon vor Jahrzehnten, berichtet Georg Ratzinger, habe er mit seinem Bruder „ganz abstrakt“ darüber gesprochen, daß Benedikt ein schöner Papstname sei. „Er schätzt den Heiligen Benediktus sehr hoch und verehrt auch Benedikt XV.“ Selbstverständlich nennt er dessen Nachfolger Benedikt XVI., seinen Bruder, weiterhin Joseph: „Alles andere wäre unnatürlich.“

          Wir haben einen Papst

          Am Vorabend hat Bischof Gerhard Ludwig Müller im Dom zu Sankt Peter einen Gottesdienst gefeiert. Frau Heindl mußte anderthalb Stunden lang stehen, aber es hat ihr nichts ausgemacht. „Was Freude für eine Kraft entfalten kann!“ Als der Bischof verkündet, Joseph Kardinal Ratzinger sei zum Papst gewählt worden, brandet Fünf-Minuten-Applaus auf. Feuerwehrvereine aus dem gesamten Landkreis sind da, in Uniform hissen die Mitglieder ihre Fahnen und Standarten. „Wo doch der Herr Ratzinger Ehrenmitglied der Feuerwehr Pentling ist“, sagt ein junger Feuerwehrmann. Es ist halb zwölf Uhr nachts, als der Gottesdienst zu Ende ist, es regnet, aber die Innenstadt ist voller Menschen. Erfüllt klingen ihre Gespräche unter den Schirmen und Kapuzen, freudetrunken die Handytelefonate. Wie taumelnd verabschieden sich zwei Geistliche: „Wir sehen uns morgen um drei in der Kirche!“ Ein Jugendlicher in Jeans, Springerstiefeln, Irokesenschnitt reckt einen Arm in die Luft, die Hand zur Faust geballt. Sein Grölen hallt über den Domplatz: „Wir haben einen Papst aus Regensburg!“

          Das sieht man nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt etwas anders. „Jetzt haben wir einen Pentlinger als Papst“, sagt der ältere Mann im Tankstellenshop des Vororts. „Ein Bayer wird Papst“, titelt die Regionalzeitung im Regal. „Bayern gehört auch zu Pentling“, entscheidet der stolze Bürger. Als der Tübinger Theologieprofessor Joseph Ratzinger Ende der Sechziger einem Ruf nach Regensburg folgte, baute er ein Haus in Pentling. Dort wohnt er bis heute, wenn er Regensburg und den Bruder besucht. Im Vorgarten des renovierungsbedürftig wirkenden Hauses an der Bergstraße leuchten Forsythien, im Garten steht ein Brunnen mit einer Muttergottes.

          Ein lachendes und ein weinendes Auge

          Die beiden älteren Pentlinger, die auf der Straße vor dem päpstlich gewordenen Anwesen stehen, wissen genau, welchen Weg Joseph Ratzinger immer nimmt, wenn er spazierengeht oder zur Bushaltestelle oder zu den Gräbern seiner Eltern und seiner 1991 gestorbenen Schwester Maria, die ihm bis zuletzt den Haushalt führte. Sie alle liegen auf dem Pentlinger Friedhof begraben. „Seit 1969 hat er hier gewohnt“, erzählt einer der beiden Männer. „Er hat die Einsatzwagen unserer Feuerwehr gesegnet und alle Kirchenglocken hier“, berichtet der andere. „Wir sehen das jetzt mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagen die beiden. „Jetzt wird er nicht mehr so oft nach Pentling kommen.“

          Frau Heindl hat den Kardinal oft mit dem Auto in den Vorort hinausgefahren, nachdem er bei seinem Bruder zu Mittag gegessen hat. „Jetzt verliere ich meinen Job“, scherzt sie. „Papstfahrerin werde ich wohl nicht werden.“ Als Georg Ratzinger den letzten Schluck Kaffee genommen hat, geht die Tür des Empfangszimmers auf, und der Bischof von Regensburg kommt in Begleitung eines Priesters herein. Bischof Müller trägt Ornat und ein silbernes Kreuz um den Hals. Domkapellmeister Ratzinger ist angetan: „Das ist aber eine Ehre, Exzellenz!“

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