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Reemtsma-Entführer Drach : Und wo ist das Lösegeld?

Bild: reuters

Mit der Entführung des Millionen-Erben Jan-Philipp Reemtsma wollte sich Thomas Drach seinen Traum von einem Leben in Reichtum und Luxus erfüllen. Stattdessen kam er für mehrere Jahre ins Gefängnis. Nun ist der 53 Jahre alte Mann wieder frei.

          Um 6.30 Uhr öffneten sich am Montag die Gefängnistore in Hamburg-Fuhlsbüttel. Deutschlands „skrupellosesten Verbrecher“ ist seitdem wieder auf freiem Fuß. Sein Anwalt holte Thomas Drach ab. Den Behörden hatte der Reemtsma-Entführer gesagt, er wolle ins Ausland.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Drach ist inzwischen 53 Jahre alt. Er saß fünfzehn Jahre lang in Haft. Eigentlich hätte er schon im vergangenen Jahr entlassen werden sollen. Aber dann gab es ein neues Gerichtsverfahren. Drach hatte 2009 mit Briefen aus dem Gefängnis zwei Bekannte anstiften wollen, seinen jüngeren Bruder Lutz zu erpressen. Die Komplizen sollten Lutz offenbar unmittelbar nach seiner Haftentlassung entführen, damit er Geld besorge. Es war nicht klar, wie ernst das gemeint sein mochte. Drach bezeichnete seinen Bruder in einem Brief an die Mutter als „dummes feiges Versagerschwein“. Drachs Haftzeit verlängerte sich jedenfalls damals um ein Jahr und drei Monate – und Lutz sitzt inzwischen auch wieder wegen Drogenhandels im Gefängnis.

          Schon in den Jahren zuvor war Drach mehrfach wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu zusätzlichen kurzen Haftstrafen verurteilt worden. Als er einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung stellte, bot er der Vorsitzenden Richterin mit der für ihn typischen großen Geste eine halbe Million Dollar an. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft hatte beim letzten Verfahren 2011 auch Sicherungsverwahrung beantragt. Dazu jedoch kam es nicht. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte Drach, seine Taten nicht im Affekt begangen, sondern sorgfältig und kaltblütig geplant zu haben.

          Thomas Drach, der aus der Nähe von Köln stammt, wurde mit 13 Jahren zum ersten Mal von der Polizei aufgegriffen. Schon damals zeigte sich auch seine Großspurigkeit. Seine kriminelle Karriere begann mit einem Banküberfall. Zeitweise lebte er im Ausland mit gefälschtem Pass. Am 25. März 1996 entführte er zusammen mit Komplizen den Hamburger Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma, den Erben des bekannten Tabak-Unternehmens. Sie ergriffen ihr Opfer brutal auf dessen Grundstück und hinterließen eine Lösegeldforderung über 20 Millionen Mark, beschwert mit einer Handgranate. Reemtsma wurde in einen Keller bei Bremen gebracht. 33 Tage lang blieb er in der Gewalt seiner Entführer, angekettet und ständig bedroht, man werde ihn verstümmeln.

          Drach als Kopf der Bande, zu der auch Bruder Lutz gehörte, schraubte die Lösegeldforderung schließlich auf 30 Millionen Mark, zu zahlen zum Teil in Schweizer Franken. Eine Geldübergabe scheiterte, weil die Polizei das Gelände umstellt hatte. Schließlich verhandelten drei Männer – ein bekannter Hamburger Pfarrer, ein Soziologe aus Kiel und ein Sozialarbeiter aus Hamburg – hinter dem Rücken der Polizei mit den Entführern. Gezahlt wurden 15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken. Daraufhin kam Reemtsma am 26. April wieder frei, begleitet von Drachs Worten, er habe „die Luxusversion“ einer Entführung erlebt. Später vor Gericht sagte Drach auch: „Dass Herr Reemtsma heute so unversehrt hier sitzt, ist einzig und allein den besonnenen Tätern zu verdanken.“ Man hätte Reemtsma auch einen Finger abschneiden können, habe aber nur die Lösegeldforderung erhöht.

          Thomas Drach gelang es, mit gefälschter Identität bis nach Lateinamerika zu fliehen, wo er ganz nach seinem Geschmack auf großem Fuß lebte mit weitläufiger Villa und vielen Autos. Als er zwei Jahre später Kontakt zu einem alten Freund in einer deutschen Justizvollzugsanstalt aufnahm, wurde sein Handy geortet. Damit wussten die Ermittler allerdings zunächst nur, dass sich Drach in Buenos Aires befand und dort ein Konzert der Rolling Stones besuchen wollte. Schon war geplant, alle Konzertbesucher zu kontrollieren. Aber dann rief Drach von einem leicht zu ortenden Hotelzimmer aus an und ging so in die Falle. Am 28. März 1998 mitten in der Nacht stürmte die argentinische Polizei das Zimmer und nahm Drach fest. Es dauerte dann noch einige Zeit, bevor er den deutschen Behörden überstellt wurde. 2000 wurde der Prozess in Hamburg gegen ihn geführt. Drach schwieg beharrlich über den Verbleib des Lösegelds.

          Die Ermittler hoffen nun, dass Drach sich um die Millionen bemühen werde. Drach wurde unter Auflagen entlassen. Er muss eigentlich eine Fußfessel tragen und sich regelmäßig bei einem Bewährungshelfer melden. Aber noch hat er die Fußfessel nicht und wird sie wohl auch nicht bekommen, ist er erst im Ausland. Eine Reisebeschränkung hat er nicht. Die Fußfessel diene nur dazu, weiteren Straftaten in Deutschland vorzubeugen, sagte ein Justizsprecher. Drach darf sich seinem früheren Opfer Reemtsma nicht nähern. Auch ist es ihm verboten, Waffen zu besitzen.

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