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Raumsonde Huygens : Spektakuläre Landung auf einer kalten Welt

  • Aktualisiert am

30 Huygens-Fotos von Titan kombiniert - aus Höhen zwischen 8 und 13 Kilometern Bild: Esa

Die Esa feiert ihren bisher größten Erfolg: Die kleine Landesonde Huygens geht auf dem Saturnmond Titan nieder und findet eine Welt, die der frühen Erde ähnelt: feste und flüssige Regionen, jede Menge Wetter und eine Vorstufe jener Ursuppe, aus der auf der Erde Leben entstand.

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          Die Landung der europäischen Raumsonde Huygens auf dem Saturnmond Titan ist auf der ganzen Welt als große Leistung der Raumfahrtbehörde Esa gewertet worden. Sean O'Keefe, Leiter der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa, gratulierte den europäischen Weltraumforschern von der Esa für ihren "spektakulären Erfolg". Die europäischen Kollegen hätten allen Grund, stolz zu sein.

          Nach Meinung der beteiligten Wissenschaftler wird es noch Jahre dauern, die von Huygens über die Nasa-Raumsonde Cassini zur Erde übertragenen Bilder und Meßdaten auszuwerten, obwohl ein Teil des umfangreichen Materials sein Ziel gar nicht erreicht hat. Einer der beiden Übertragungskanäle des bordeigenen Senders war ausgefallen. Für die Wissenschaftler ist das zu verschmerzen, weil die Sonde wesentlich mehr Daten geliefert hat, als erwartet worden war. Unter anderem hat Huygens 350 Bilder vom Titan übertragen.

          Länger gearbeitet als erwartet

          Huygens hat nach ihrer erfolgreichen Landung auf dem Saturnmond Titan Hinweise auf Wettergeschehen gefunden. Missionsanalytiker Michael Kahn sagte am Samstag im europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt, dies sei das wichtigste Ergebnis des Unternehmens. Es bestätige die Vermutung, daß auf dem größten Saturnmond Bedingungen herrschten, die denen in der Frühzeit der Erde ähnelten.

          Besonders überrascht und erfreut waren die Wissenschaftler darüber, daß Huygens nach der Landung auf dem Saturnmond noch zwei Stunden lang gearbeitet hat. Man hatte nur mit einer halben Stunde gerechnet, weil die Batterien an Bord bei der auf dem Titan herrschenden Temperatur von minus 180 Grad rasch einfrieren.

          Die längere Lebensdauer ist vermutlich vor allem der guten Isolierung der Sonde zu verdanken. Während der Durchquerung der Mondatmosphäre hat innerhalb von Huygens eine Temperatur von 25 Grad geherrscht, während außen unter minus hundert Grad gemessen wurden. Durch die Wärme wurden die Batterien geschont.

          Windgeräusche auf Titan

          Bei der bisherigen, vergleichsweise flüchtigen Sichtung der Daten haben die Wissenschaftler zahlreiche Hinweise auf Wettergeschehen gefunden, wie der Missionsanalytiker Kahn bei einer Veranstaltung in Darmstadt sagte. Dazu gehören unter anderem Windgeräusche, die mit einem Mikrofon aufgenommen worden sind, sowie Anzeichen für Bodennebel, Niederschläge und Flüsse. Die sich windenden und sich verzweigenden flußartigen Strukturen, die auf den von Huygens übertragenen Bildern erkennbar sind, scheinen in einen See zu münden. Flüssiges Wasser können sie wegen der niedrigen Temperatur nicht mit sich führen. Einige der Wissenschaftler glauben, daß sie Methan transportieren.

          Auf einem Bild sei sogar so etwas wie eine Küstenlinie zu erkennen, sagte Kahn. Das deute auf Seen oder matschiges Gelände. Die Sensoren des Landegerätes registrierten nach Angaben der Wissenschaftler der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa am Landeplatz einen weichen Boden, ähnlich nassem Sand oder Ton. Die Brocken an der Landestelle könne man als schmutziges Wassereis betrachten, das von Niederschlägen aus dem Dunst der Mondatmosphäre bedeckt sei.

          Bodennebel und Kohlenwasserstoffe

          Auf der orange-braunen Oberfläche von Titan fanden die Forscher auch Anzeichen für Bodennebel. Im dichten Dunst der Gashülle wurden Kohlenwasserstoffe gefunden, sowie längerkettige Moleküle aus Stickstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff. „Dabei könnte es sich um primitive Vorstufen von Verbindungen handeln, wie sie in der Frühphase der Erde zu Aminosäuren - den Bausteinen des Lebens - geführt haben“, sagte Kahn.

          Weitere Untersuchungen sollen jetzt klären, ob auf dem Titan tatsächlich Substanzen zu finden sind, die auch in der Ursuppe vor vier Milliarden Jahren auf der Erde die Entwicklung des Lebens anleiteten. Flüssiges Wasser, das als Voraussetzung für Leben gilt, gibt es auf dem Titan wegen der extremen Kälte von Minus 160 bis Minus 180 Grad Celsius nicht.

          Weniger Bilder, aber mehr Daten als erwartet

          Insgesamt hatte Huygens 350 Bilder aufgenommen. Weil einer der Übertragungskanäle des bordeigenen Senders ausgefallen war, konnte von den ursprünglich vorgesehenen 700 Bildern nur die Hälfte aufgenommen werden. Auswirkungen auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Unternehmens habe dies jedoch nicht, sagte Kahn. Man habe dadurch aber nicht von allen Daten Sicherheitskopien senden können. Huygens habe ohnehin sehr viel mehr Daten geliefert, als man erwartet habe. An deren Auswertung arbeiten weltweit Hunderte von Wissenschaftlern, allein bei der Esa sind es rund 150.

          Huygens ist Europas erste Sonde, die ins äußere Sonnensystem reiste. Bis zur Landung am Freitag hatte sie seit ihrem Start im Oktober 1997 rund dreieinhalb Milliarden Kilometer zurückgelegt. Sie war huckepack von der Nasa-Sonde Cassini mitgenommen worden, die den Saturn für die nächsten viereinhalb Jahre umkreisen und vermessen soll. Während Cassini mit über zweieinhalb Milliarden Euro zu Buche schlägt, belaufen sich die Kosten für Huygens alles in allem auf etwa 600 Millionen Euro.

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