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Raumfahrt : Wir müssen drunten bleiben

  • -Aktualisiert am

Wollen amerikanische Astronauten in den nächsten Jahren ins All, müssen sie ihren Flugschein bei russischen Kollegen buchen: Nach 30 Jahren startet zum letzten Mal ein Space Shuttle. Damit endet in Amerika die Ära der bemannten Raumfahrt - bis auf weiteres.

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          Über die hügelige Landschaft am Kap Arguello in Zentralkalifornien legt sich im Sommer nachts oft ein dichter Nebel, der sich erst spät am Morgen auflöst. An einem solchen verhangenen Vormittag taucht im fahlen Licht plötzlich aus den Nebelschwaden ein Betonblock auf, der aussieht wie ein riesiger Quader. Auf seine Südwand ist ein großes Sternenbanner gemalt. Kein Mensch ist zu sehen, wenn man sich dem mehr als 60 Meter hohen Gebäude nähert. Das ist die meiste Zeit des Jahres so. Nur alle paar Monate ist hier jeweils für einige Tage etwas los, wenn wieder einmal ein Wetter- oder Navigationssatellit gestartet wird. Sonst hört man am SLC-6, dem Herzen des Fliegerhorstes Vandenberg, nur das Kreischen der Möwen.

          Am „Space Launch Complex Six“ würden heute Tausende Techniker und Ingenieure arbeiten, wäre es nach den ursprünglichen Plänen der amerikanischen Luftwaffe und der Raumfahrtbehörde Nasa gegangen. Der verschlafene Fliegerhorst zwischen den Santa-Ynez-Bergen und der Pazifikküste wäre eine lebendige Stadt. Vor 30 Jahren gab die amerikanische Regierung nämlich mehr als vier Milliarden Dollar aus, um auf dem Militärgelände einen modernen Weltraumbahnhof entstehen zu lassen. Mehrmals im Monat sollten von dort Raumfähren zum Flug in den Orbit abheben.

          Auch für das Cape Canaveral an Floridas Atlantikküste gab es ähnliche Pläne. Dort, wo einst Astronauten an der Spitze der Saturnraketen Wernher von Brauns zu ihren Mondflügen abhoben, sollte bemannte Raumfahrt Alltag werden. Der Space Shuttle, die wiederverwendbare Raumfähre, war dazu ausersehen, nicht nur die Ära der Wegwerfraketen zu beenden. An Bord der Raumtransporter sollten auch Normalbürger in den erdnahen Weltraum fliegen können. Lehrer, Politiker und Journalisten sollten die ersten Nicht-Astronauten sein, die beim Blick durch die Bullaugen der Raumfähre den blauen Planten aus der Perspektive des Weltalls erleben würden.

          Bild: dpa

          Einer von ihnen ist Charlie Petit, ein Wissenschaftsjournalist, der im Jahr 1984 in die Endauswahl der Nasa kam. Damals arbeitete er für den „San Francisco Chronicle“, war sportlich und hätte gute Aussichten gehabt, sich als erster Vertreter der schreibenden Zunft einige Tage lang im Orbit aufzuhalten. „Eigentlich wollte ich längere Zeit in einer Raumstation verbringen“, sagt Petit, „aber außer Skylab gab es damals nichts.“ Dennoch wäre ein Flug mit dem Shuttle mindestens ebenso interessant gewesen.

          Der Preis für einen Flug zur ISS: 51 Millionen Dollar

          Aber weder Petit, der heute als Blogger in der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley aktiv ist, noch die vielen anderen zivilen Kandidaten sind je ins All geflogen. Denn die fünf Raumfähren, die Zubringerdienste ins erdnahe Weltall leisteten, flogen lediglich 134-mal und hatten dabei insgesamt 355 Passagiere an Bord. Allesamt waren sie gut ausgebildete, für die jeweilige Mission spezialisierte Astronauten. Nur für John Glenn, der 1962 als erster Amerikaner die Erde in einer Raumkapsel umrundet hatte, machte die Nasa eine Ausnahme. Im Alter von 77 Jahren durfte Glenn, der inzwischen als Senator von Ohio im Kongress saß, an Bord der Discovery 1998 noch einmal in den Orbit.

          Die vier Astronauten, die am Freitag unter dem Kommando des Marinefliegers Chris Ferguson an Bord der Raumfähre Atlantis vom Cape Canaveral zur Internationalen Raumstation (ISS) aufbrechen, bilden nun die letzte Mannschaft, die je die Beschleunigung von mehreren „g“ an Bord eines Shuttle erleben wird. Nach knapp 30 Jahren geht damit die Ära der amerikanischen Raumfähren zu Ende. Wollen amerikanische Astronauten in den nächsten Jahren ins All, müssen sie bei ihren russischen Kollegen einen Flugschein buchen. Der Preis für einen Flug zur ISS: 51 Millionen Dollar. Denn mit dem 135. Flug einer Raumfähre stellt die Nasa nicht nur die Shuttle-Flotte außer Dienst. Sie verabschiedet sich auch für absehbare Zeit aus der bemannten Raumfahrt.

          Die Einstellung der Raumfährenflüge wird in Vandenberg kaum Spuren hinterlassen. Pläne, dort einen Weltraumbahnhof einzurichten, wurden schon nach dem Absturz der Raumfähre Challenger im Jahr 1986 aufgegeben. Für die Gegend ums Cape Canaveral ist die vorläufige Einstellung der bemannten Raumflüge aber ein erheblicher wirtschaftlicher Verlust. Nach dem letzten Flug der Atlantis werden etwa 27 000 Beschäftigte am Kennedy-Raumfahrtzentrum und in den Zulieferbetrieben ihre Arbeitsplätze verloren haben. Von den 45.000 Einwohnern der unmittelbar am Cape Canaveral gelegenen Kleinstadt Titusville sind 8000 bei der Nasa und in der Raumfahrtindustrie tätig. Mehr als 2000 von ihnen sind schon arbeitslos oder stehen kurz vor der Entlassung, fast ausnahmslos gut ausgebildete Techniker, Ingenieure und Akademiker.

          Aussicht auf einen angenehmen Lebensabend verloren

          Die Wände der meisten Gasthäuser in Titusville sind voller Memorabilia der Raumfahrt. Auf handsignierten Fotos posieren Astronauten in orangefarbenen Weltraumanzügen, ihren Helm unter den Arm geklemmt. Autogramme zieren die Fotos von feurigen Raketenstarts. Das „King's Duck Inn“ liegt an einer der Zufahrtsstraßen zum Raumfahrtzentrum, viele Angestellte tranken dort nach Feierabend einen Absacker. So auch Garry Broughton, der als Ingenieur 32 Jahre für die Nasa und die Raumfahrtindustrie gearbeitet hat. Vor wenigen Monaten wurde er entlassen und hat im Alter von 55 Jahren keine Aussicht mehr auf eine Wiedereinstellung. Es sei eine Schande, sagt er, dass Präsident Barack Obama das Programm „Constellation“ gestrichen habe.

          Ursprünglich von Präsident George W. Bush 2004 nach dem Absturz der Raumfähre Columbia ausgerufen, sollten amerikanische Astronauten künftig im Rahmen von „Constellation“ auf den Mond zurückkehren und später sogar zum Mars fliegen. Aber weder Bush noch der Kongress in Washington genehmigten der Nasa das nötige Geld. Obama stellte das siechende Programm schließlich vollständig ein. „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Broughton und erzählt von ehemaligen Kollegen, die mit dem Job auch ihr Haus und die Aussichten auf einen angenehmen Lebensabend verloren haben.

          Dabei hatte alles am 12. April 1981 in einem nahezu euphorischen Taumel begonnen. Pünktlich um sieben Uhr zündeten damals auf der Startrampe 39A des Cape Canaveral die drei Haupttriebwerke der Columbia. John Young und Robert Crippen hoben zum Jungfernflug der Shuttle-Flotte ab. Young galt damals als erfahrenster Astronaut der Nasa überhaupt. Er war schon in Geminikapseln geflogen und mit Apollo 16 auf dem Mond gelandet. Crippen unternahm seinen Erstflug. Der Start der Columbia stellte alles in den Schatten, was vorher war. Der Space Shuttle sah eher aus wie ein Flugzeug als eine Rakete. Sein riesiger Außentank erinnerte mehr an einen Getreidesilo als an die aerodynamischen Pfeilspitzen, die bisher in den Weltraum abgehoben hatten. Und selbst den Starttermin hatten die Chefs der Nasa bewusst gewählt. Er fand genau 20 Jahre nach jenem Tag statt, an dem der russische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch überhaupt die Erde umrundet und das amerikanische Raumfahrtprogramm bloßgestellt hatte. Ins Kalendarium der Raumfahrt sollte der 12. April als Beginn einer neuen, von Amerikanern dominierten Ära eingehen.

          Erste Zweifel an den Space Shuttles kamen auf

          Wenn schon der Start damals außergewöhnlich war - die Landung war es erst recht. Am 14. April 1981 wartete kein Flugzeugträger im Pazifik auf eine kleine Kapsel, die irgendwo, an rotweißen Fallschirmen hängend, in der endlosen Wasserwüste aufschlug. Stattdessen steuerte Young die Columbia als überschallschnelles Segelflugzeug durch die Atmosphäre und setzte das Gefährt auf Landebahn 23 des Fliegerhorstes Edwards in der kalifornischen Mojavewüste auf. Dass er dabei 1800 Meter von dem vorgesehenen Landepunkt entfernt auftraf, tat dem Jubel keinen Abbruch. Zum ersten Mal waren Astronauten mit ihrem vollständigen Vehikel zur Erde zurückgekehrt. Kaum waren die Helden ausgestiegen, wurde die Columbia schon für ihren nächsten Start vorbereitet.

          Tatsächlich ging es danach Schlag auf Schlag. Es schien, als würden die Shuttle-Flüge bald ähnlich zur Routine werden wie die Überschallflüge der Concorde. Aber schon bald wurde der Nasa und dem Pentagon klar, dass die Flüge der Raumfähren nicht alltäglich waren. Viele Komponenten der Raumtransporter, darunter auch die Triebwerke und deren Steuerung, stellten die Grenze des technisch Möglichen dar. Bei jedem Flug wurden die Teile bis aufs Äußerste beansprucht und mussten viel öfter als vorgesehen repariert oder ersetzt werden. Die ersten Zweifel an den Space Shuttles kamen auf.

          Dann kam der 28. Januar 1986: Sieben Raumfahrer hatten sich frühmorgens in die Challenger gezwängt. Wie geplant zündeten um 10.38 Uhr die Triebwerke, und erstmals begab sich eine nicht als Astronautin ausgebildete Person, die Lehrerin Christa McAuliffe, auf den Weg ins All. Die Reise endete 73 Sekunden nach dem Abheben, als eine der Zusatzraketen explodierte und dabei die Challenger in Stücke riss. Alle sieben Raumfahrer kamen bei dem Unglück ums Leben.

          Zweieinhalb Jahre wurde das Shuttle-Programm danach ausgesetzt, anschließend durften nur noch ausgebildete Astronauten an Bord der Fähren fliegen. Auch als die Columbia im Jahr 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte und die sieben Besatzungsmitglieder umkamen, wurde das Shuttle-Programm unterbrochen. Zu den technischen Zweifeln traten die finanziellen Bürden: Jeder Flug eines Shuttles zur ISS schlug in den vergangenen Jahren mit bis zu 500 Millionen Dollar zu Buche. Dieses Geld kann die Nasa nun für andere Projekte ausgeben. Der Behörde werden aber nun jene aufregenden Momente fehlen, in denen Hunderttausende von Zuschauern die Straßen und Strände in Florida säumten, um zu verfolgen, wie Astronauten auf gewaltigem Feuerschweif in den erdnahen Orbit flogen.

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