https://www.faz.net/-gum-8vx8f

Rassismusvorwürfe : Großes Theater

  • -Aktualisiert am

Hauptmann von Altenburg: Oueglo Téné in der Rolle des Wilhelm Voigt Bild: dpa

Die Stadt Altenburg wehrt sich gegen die Rassismusvorwürfe. Die Bewohner sehen sich als Opfer einer Hetzkampagne. Die Schuld liege stattdessen bei den Medien und der Flüchtlingspolitik.

          Altenburg ist in die Schlagzeilen geraten, weil hier angeblich ausländische Schauspieler vor Rassisten fliehen und Kleingärtner schwarz-weiß-rote Fahnen hissen – was auch Claus Kleber neulich im „Heute-Journal“ berichtete, weshalb ihn ein Gärtner wegen Verleumdung und übler Nachrede anzeigte. Überhaupt ist der Aufruhr groß in der Kleinstadt. Vom Bürgermeister bis zum Bürger fühlen sich nun viele überrumpelt, verunglimpft und falsch verstanden. Auf der Suche nach Schuldigen nennen sie immer wieder und in dieser Reihenfolge: die Medien, den Schauspieldirektor und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auch am Dienstagabend ist das zunächst so, als der Bürgermeister aus aktuellem Anlass zum „Kulturpolitischen Dialog“ geladen hat. Gut 200 Altenburger sitzen da im Kreis im großen Ratssaal unter schweren Deckenbalken mit der Jahreszahl 1564 in einem der prachtvollsten Renaissance-Rathäuser Deutschlands. Dem Glanz der Stadt kann man sich kaum entziehen: Residenzschloss, Hoftheater, prächtige Bürgerhäuser – kaum etwas wurde hier zerstört, fast alles ist heute picobello saniert. Auf den zweiten Blick aber ist die Stadt auch: leer, am Abend fast ausgestorben, beinahe wie eine Kulisse, die belebt und bespielt werden will.

          Die Stille war auch das Erste, das Bernhard Stengele auffiel, als er 2012 als Schauspieldirektor aus Würzburg nach Altenburg kam. Das Theater stand damals vor dem Aus. Stengele erarbeitete sich mit einem Mix aus regionalen und internationalen Stoffen ein treues Publikum, ein meist volles Haus und überregionale Anerkennung. Er engagierte dafür neben örtlichen auch junge Schauspieler aus dem Ausland, so aus Griechenland, der Türkei und Burkina Faso, von denen einige nach dieser Spielzeit mit ihm das Haus verlassen.

          Entscheidung mit weitreichenden Folgen

          Diese Entscheidung setzte eine Kettenreaktion in Gang. Stengeles Nachfolger hätte die Schauspieler gern behalten. Doch diese machten klar, dass sie sich weiterentwickeln und andere Bühnen und Städte ausprobieren wollten, und bei der Gelegenheit sprachen sie auch die veränderte Stimmungslage in Altenburg an. Es ging dabei weniger um Gewalt als um schiefe Blicke und dumme Sprüche, denen sie sich vermehrt ausgesetzt sahen. Der Intendant des Theaters schilderte der Stadt und dem Landkreis als Gesellschaftern des Hauses in einem Bericht die Lage, der von der Piratenpartei im Internet veröffentlicht wurde.

          Danach gab es kein Halten mehr. „Nach Rassismus-Übergriffen: Mitarbeiter flüchten“, schrieb „Bild“, andere Medien berichteten von Rassismus, der in Altenburg „allgegenwärtig“ sei, und dass es ausländische Künstler dort, tief im Osten Thüringens, nicht mehr aushielten. Das wiederum brachte nun viele Einwohner auf und rief das „Bürgerforum Altenburg Land“ auf den Plan, eine Truppe, die im Pegida-Stil gegen Flüchtlinge mobil macht und zu einem Boykott des Theaters aufrief. Die Entwicklung gipfelte in einer öffentlichen Erklärung des Oberbürgermeisters Michael Wolf (SPD), der sich Ende Februar gegen „eine verzerrte, einseitige Darstellung von Altenburg“ wehrte und zugleich Stengele bezichtigte, „aus Gründen der medialen Aufmerksamkeit“ die Stadt „mit rassistischen Denkweisen in der Bevölkerung in Verbindung“ zu bringen. Dabei haben sich die Schauspieler bis heute nicht öffentlich dazu geäußert. Keiner von ihnen hat der Stadt oder den Einwohnern einen Vorwurf gemacht.

          Weitere Themen

          Israels Botschafter sorgt sich wegen Antisemitismus Video-Seite öffnen

          Jeremy Issacharoff : Israels Botschafter sorgt sich wegen Antisemitismus

          Israels Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, hat sich in einem Interview besorgt über einen zunehmenden Antisemitismus in Europa geäußert. Er unterstütze den Vorschlag von CDU-Chefin AKK für mehr Besuche von Schülern in Holocaust-Gedenkstätten, halte aber Besuche von Deutschen in Israel für genauso wichtig.

          Prellungen, Zerrungen, Brüche

          FAZ.NET-Hauptwache : Prellungen, Zerrungen, Brüche

          Herrscht in Frankfurt bald die pure Roller-Anarchie? Warum Schauspielerin Uschi Glas sich nie verbiegen musste und wie der Hessische Rundfunk den digitalen Wandel plant. Was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.