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Ramadan : Gut fasten und schlecht fahren

Gebet zu Beginn des Ramadan Bild: REUTERS

Für gläubige Moslems beginnt am Dienstag der Fastenmonat Ramadan. „Er ist ein Monat der Versöhnung“, heißt es. Das Fasten bringt die Menschen näher zueinander - und erhöht die Zahl der Unfälle.

          Der Ramadan gilt den Muslimen als der gnadenvolle Monat. Sie fühlen sich im Ramadan, wie zu keiner anderen Jahreszeit, als große Gemeinschaft. Ein Ausspruch ihres Propheten Muhammad legt ihnen nahe, die Tage mit guten Werken zuzubringen. Denn er soll gesagt haben: „Wenn jemand im Ramadan seine Pflicht erfüllt, gleicht dies in siebzig anderen Monaten erfüllten Pflichten. Er ist ein Monat der Versöhnung, er ist ein Monat, dessen Beginn Barmherzigkeit ist, dessen Mitte Vergebung und dessen Ende die Befreiung vom Höllenfeuer.“

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Tagsüber essen und trinken die Fastenden nicht. Mit dem Einbruch der Dunkelheit aber, wenn ein weißer Faden von einem schwarzen nicht mehr unterschieden werden kann, fallen die Verbote. Das gemeinschaftliche Fastenbrechen bringt die Menschen über alle Klassenschranken näher. Man besucht sich, und in den Nächten hören sich die einen lange Rezitationen des Koran an, andere zerstreuen sie sich mit Unterhaltungsprogrammen, die für den Ramadan zusammengestellt werden. Der Koran schreibt das Fasten als Pflicht vor. Für das soziale Leben in der Nacht haben sich in den Ländern des Islam aber verschiedene Bräuche entwickelt.

          Anstieg der Verkehrsunfälle

          Vor dem Morgengrauen beendet dann der Trommler, in der Türkei der Davulcu, den kurzen Schlaf, und man nimmt eine letzte Mahlzeit vor dem Sonnenaufgang ein. Dann beginnt ein Arbeitstag mit verminderter Produktivität - und nicht selten mit eingeschränkten Geschäftszeiten. Beharrlich haben die islamischen Rechtsgelehrten auch in der Moderne an den Fastenregeln festgehalten, die aus der Zeit der Entstehung des Islam stammen. Manche Länder wie Saudi-Arabien verbieten auch Nichtmuslimen das Essen, Trinken oder Rauchen in der Öffentlichkeit. Alle Versuche, Regelungen des Fastens zu finden, die das Arbeitsleben weniger einschränken, haben sie zurückgewiesen. Keine Praxis des Islam ist indessen so wenig mit den Erfordernissen einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft in Einklang zu bringen wie die des Fastens im Ramadan.

          Ein türkischer Mediziner hat nun ermittelt, daß das Fasten auch zu einem Anstieg der Verkehrsunfälle führt. Da der Ramadan dem muslimischen Mondkalender folgt, schiebt er sich im Gregorianischen Sonnenkalender jedes Jahr knapp zwei Wochen nach vorne. Über einen langen Zeitraum läßt sich damit zeigen, daß es - unabhängig von der Jahreszeit - immer im Ramadan mehr Unfälle gibt. Dazu hat Mahmut Tolon die Verkehrsstatistiken der Türkei seit 1984 ausgewertet. Er kam zu dem Ergebnis, daß die Zahl der Unfälle in den Monaten des Ramadan jeweils einige Prozentpunkte über dem Monatsdurchschnitt aus den anderen Jahren ohne Fasten liegt.

          Fasten zur Verlängerung der Lebenszeit

          Und noch etwas fiel Tolon auf: Stets geringer sind die absoluten Unfallzahlen, fällt der Ramadan in den Winter und nicht in den Sommer. Für die Zunahme der Unfälle im Ramadan und insbesondere beim Fasten im Sommer macht der in Izmir praktizierende Mediziner die Dehydrierung verantwortlich. Er verfolgt nun seine Hypothese weiter, daß eine Wasserarmut in den Zellen, auch in den Gehirnzellen, zu einer Sinnestrübung führe und das Reaktionsvermögen herabsetze.

          Interesse haben Tolons Studien bei Statistikern der amerikanischen Harvard University gefunden. Grundsätzlich verteidigt Tolon ein medizinisch richtiges Fasten als ein Mittel zur Verlängerung der Lebenszeit. Kaum Chancen wird aber auch er mit seinem Anlauf haben, die Praxis des Fastens zu ändern. Für eine Änderung tritt er auch deshalb ein, weil ein Muslim im Sommer länger fasten muß, teilweise viele Stunden mehr, und dabei nichts trinken darf, je weiter er im Norden lebt. Bisher haben jedoch die islamischen Rechtsgelehrten bei solchen Forderungen keine Flexibilität gezeigt.

          Manche sind vom Fasten ausgenommen

          Relativ gesehen, müßten also nach den Ergebnissen dieser Studie viele Frauen im Fastenmonat besser Auto fahren. Denn Schwangere, menstruierende Frauen und stillende Mütter sind - wie Reisende, Kranke und Kinder - von den Fastenvorschriften ausgenommen. Sie müssen das Fasten aber im Laufe des Jahres alleine nachholen. Insofern könnte sich der statistische Effekt dann wieder ausgleichen.

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