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Raf-Simons-Debüt bei Dior : Großer Glanz für Paris

Ein Kleid des Designers Raf Simmons Bild: dapd

Beim Prêt-à-porter kämpfen die beiden Marken Dior und Yves Saint Laurent mit Designer-Debüts um Aufmerksamkeit. Die Konkurrenz belebt das Design.

          4 Min.

          Raf Simons lässt Smokings sprechen. Ja, das können Smokings, wenn auch nur an diesem herrlichen Frühherbst-Freitagnachmittag in Paris, in einem großen weißen Zelt gleich neben dem Invalidendom, im Schatten Napoleons sozusagen. Da lässt der Modemacher gleich zu Beginn seines Prêt-à-porter-Debüts für Dior ein paar perfekte Smokings auftreten. Sie sprechen mehr zu uns als zum Beispiel Rapper Kanye West, der nach der fulminanten Schau nur diesen Kommentar übrig hat: „I don´t do press.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Man muss ausholen, um zu verstehen, was die Tuxedos sagen wollen. Denn sie antworten auf eine alte Geschichte, die natürlich mit Christian Dior begann, der die Mode nach dem Krieg mit dem schwelgerischen „New Look“ in andere Sphären führte. Dior starb viel zu früh. Nachfolger wurde sein junger Assistent Yves Saint Laurent, der wieder Begeisterung entfachte, aber schnell hinausgeworfen wurde und seine eigene Marke gründete – schon um dem Dior-Designer Marc Bohan zu zeigen, was eine Nadel ist.

          Im Hintergrund (links) schaut  Kanye West dem Dior-Model nach.
          Im Hintergrund (links) schaut Kanye West dem Dior-Model nach. : Bild: dapd

          Heute finden die Sticheleien zwischen den beiden Top-Marken auf einer ganz anderen Ebene statt – und auch das werden uns die Smokings noch erklären. Denn ausgerechnet die beiden Modehäuser, die in der jetzt stattfindenden Prêt-à-porter-Woche die Premiere eines neuen Designers feiern, gehören den beiden größten und größtmöglich konkurrierenden Luxuskonzernen an. Yves Saint Laurent, wo nach dem Abschied des Meisters zuletzt Stefano Pilati Designer war, ist im PPR-Konzern (zu dem auch Gucci, Bottega Veneta, Stella McCartney, Alexander McQueen gehören). Und Dior, wo John Galliano Chefdesigner war, bis zum Skandal Anfang 2011 („I love Hitler“), ist mit Marken wie Louis Vuitton, Givenchy, Pucci und Fendi im Reich von LVMH, in dem die Sonne nicht untergeht.

          Am Freitagnachmittag sollte also nicht nur die Hälfte der Frage beantwortet werden, wer nun der stärkere Modemacher ist: Raf Simons, der nach einem soliden Couture-Debüt im Juli erstmals beim Prêt-à-porter für Dior antritt? Oder Hedi Slimane, der am Montagabend erstmals den Nachnachnachfolger für Yves Saint Laurent geben wird?

          Das große weiße Dior-Zelt gleich neben dem Invalidendom
          Das große weiße Dior-Zelt gleich neben dem Invalidendom : Bild: REUTERS

          Nein, hier geht es eben auch darum, ob nun PPR-Chef François-Henri Pinault mehr Aufregung hervorruft als LVMH-Chef Bernard Arnault, den sein Luxuskonzern zum reichsten Mann Frankreichs gemacht hat. Es geht also bei diesem Kampf der Giganten um Image-Arbeit, Aufmerksamkeit, Medienpräsenz – und Marktanteile.

          Der Druck ist gewachsen wie die Luxusbranche. Arnault brauchte ein geschlagenes Jahr, um den Galliano-Nachfolger zu finden. Und Pinault gestand Hedi Slimane, der einst als Dior-Homme-Designer zum LVMH-Reich gehörte, wirklich alles zu. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Der neue Yves-Saint-Laurent-Designer hat sein Designstudio in Los Angeles. Und er hat durchgesetzt, dass das legendäre Markenkürzel YSL in SLP (Saint Laurent Paris) umbenannt wird. Die gesamte Modeszene lacht über diesen epochalen Hochmut.

          Weiß und schlicht: das Kleid von Raf Simons für den nächsten Frühling.
          Weiß und schlicht: das Kleid von Raf Simons für den nächsten Frühling. : Bild: REUTERS

          Hedi Slimane wird es am Montag also schwer haben. Denn die übergroße Selbstgewissheit dieses Designers, der bisher nur Herrenmode gemacht hat, steht im Gegensatz zur angenehmen Zurückhaltung von Raf Simons, der nach der Schau backstage schnell vor dem Ansturm flüchtet. Plötzlich steht er ganz allein in den Kulissen. Wie er sich nun fühlt? „Erleichtert.“ Zufrieden? „Ja.“ Alle Antworten ohne Ausrufezeichen.

          Die anderen sind um so stärker beeindruckt. Arnaults Tochter Delphine drückt ihn ungelenk. Seine Antwerpener Kollegin Veronique Branquinho findet die Kollektion „very fresh“. Seine Mutter wundert sich noch immer über ihren Sohn, der sich doch früher „nur für Möbel“ interessiert habe. Und sein Geschäftsführer, Dior-Chef Sidney Toledano, freut sich über den „starken Moment“ und die „neue Energie“, um gravitätisch zu verkünden: „Er nimmt den Geist des Hauses auf und bringt die Marke nach vorn.“

          Ausnahmsweise sagt uns auch diese lyrische Umschreibung etwas. Denn nach den Eröffnungs-Smokings entwickelt Raf Simons das Thema weiter zu Tuxedo-Kleidern, die Diors berühmter Bar-Jacke entspringen und als schulterfreies Minikleid einfach stark aussehen. Die weiterentwickelte Bar-Jacke mit den Schößchen, die für Cocktail-Nachmittage gedacht war (was es damals so alles gab!), ist das schönste Beispiel für Rafs Modekunst.

          Auf sonnenklar ausgewählten Models und vor dem Hintergrund treibender Musik, die Klang-Kompilator Michael Gaubert unter das Motto „Gefahr“ stellt, wie er später sagt, entfaltet sich ein spektakuläres Spektrum: Wie er die nur leicht ausgestellte Jacke durch ein streng plissiertes Seidenkleid konterkariert, wie er den Damen beiläufig noch den Umsatzbringer Krokotasche in die Hand drückt, wie er die Kollektion dann öffnet für eine Reihe metallisch bunt schimmernder Seidenkleider in verblüffender Kürze, wie er die Jacken in Blütenkelchform auslaufen lässt (als kleinen Gruß an den Blumenliebhaber Christian Dior), wie er eines der Bustierkleider aus blassroséfarbener Seide und metallicblauem Organza um Brust und Hüfte drapiert – das ist ganz großes Kino, ein Glanzpunkt von Paris und ein Feuerwerk der Referenzen.

          Nicht, dass er unfehlbar wäre. Das Finale mit den Ballkleidern, eher Ballonkleidern, wirkt ziemlich aufgeblasen. Aber ein Dior-Designer muss eben auch an Russland und China denken.

          Der Designer Raf Simons  zeigt sich am Ende der Show den Zuschauern.
          Der Designer Raf Simons zeigt sich am Ende der Show den Zuschauern. : Bild: AFP

          Der nette Herr Simons hat mit dieser Kollektion gleich mehrere Probleme gelöst. Er betet nicht – wie so viele andere – den neuen Minimalismus der in den letzten Jahren tonangebenden Marke Céline nach. Er hat aber auch mit dem barocken Überschwang John Gallianos nicht viel zu tun und vereinfacht in Fortsetzung seiner Jil-Sander-Kollektionen alles Aufgedonnerte. Er gibt also der Marke Dior einen neuen Sinn – und das lässt auf eine lange Epoche hoffen in Zeiten, in denen die Designer die Marken wechseln wie die Fußballtrainer die Vereine.

          Und noch mehr sagen uns die Smokings – Raf, der als Herren-Designer schon in den Neunzigern die engen Hosen vorwegnahm, die Hedi bei Dior Homme seit 2000 so populär machte, spricht eben mehr durch Textilien als durch Texte. Die Damen-Smokings, die eine Erfindung von Yves Saint Laurent sind, holen den zu Unrecht vertriebenen genialen Modemacher metaphorisch zu Dior zurück, betonen also die klassische Moderne statt des schwülstigen Klimbims. Und die Smokings rufen Hedi zu: Wir sind schon da! Raf Simons ist eben nicht nur ein Mega-, sondern auch ein Meta-Designer. Mal sehen, ob Hedi Slimane diese Botschaft verstanden hat.
           

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