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Aufstand der Radfahrer

Von LEONIE FEUERBACH und ANDREAS NEFZGER
Illustration: Mart Klein und Miriam Migliazzi

29.07.2019 · Landauf, landab pochen Aktivisten darauf, dem Radverkehr den Platz einzuräumen, der ihm gebührt. Das Problem: Bislang ist der Platz für Autos reserviert. Über einen Verteilungskampf in deutschen Städten.

Z wischen Radler-Himmel und Radler-Hölle liegt manchmal nur eine Straßenkreuzung. Wenn Alexander Breit auf sein Fahrrad steigt, um die vier Kilometer von seiner Wohnung im Stadtteil Eschersheim ins Frankfurter Zentrum zu fahren, passiert er gleich mehrere solcher Grenzen. Biegt Breit in die Friedberger Landstraße ein, eine der großen Einfallstraßen, über die täglich Zigtausende Pendler in die Metropole rollen, darf er sich kurz im Himmel wähnen: der Radweg breit genug zum bequemen Überholen, die Fußgänger mit einer durchgezogenen Linie von den Radlern getrennt, die Autos durch eine Parkbucht auf Abstand gehalten. Ein Radweg, wie ihn sich der studierte Stadtplaner Breit nicht besser ausmalen könnte.

Doch hinter der nächsten Ampel ist der Radweg plötzlich weg. Weiße Linien führen die Radfahrer auf den Bürgersteig, wo Fußgänger laufen, Anwohner aus ihren Hauseingängen treten und ein Lieferwagen den Weg versperrt. Hinter der nächsten Kreuzung beginnt der Radweg von neuem, aber dann wird es noch schlimmer. Erst wird der Radweg zu einer schmalen Spur auf der Straße, die nur durch eine gestrichelte Linie von der Autospur getrennt ist. Dann, an einer Engstelle, wo die Autos zwischen parkenden Fahrzeugen und Tramschienen zusammenrücken, endet die weiße Linie – und die Radfahrer sind mitten in der Hölle. „Das ist brandgefährlich“, sagt Breit. „Ich frage mich, wer so etwas geplant hat.“


„Die Autofahrer wurden über Jahrzehnte bevorzugt“
ALEXANDER BREIT, radelnder Stadtplaner

Kennt jeder Radler: Autos wollen unbedingt noch über die Ampel – und bleiben dann mitten auf der Radspur stehen. Foto: Stefanie Silber

Weil er sich das häufig fragt, seit er vor zweieinhalb Jahren nach dem Studium nach Frankfurt kam, ist der Stadtplaner zu einem Fahrradaktivisten geworden. Mit ein paar kosmetischen Korrekturen ist es in seinen Augen nicht getan. An der gefährlichen Stelle auf der Friedberger Landstraße etwa müssten die Parkbuchten am Straßenrand sowie eine Autospur weichen und Platz machen für einen anständigen Fahrradweg. Die Einwände dagegen hat Breit tausendmal gehört: Rund 370.000 Pendler kommen jeden Tag nach Frankfurt, mehr als die Hälfte davon mit dem Auto. Damit konfrontiert, wird Breit schnell grundsätzlich. „Die Autofahrer wurden über Jahrzehnte bevorzugt“, sagt er. „Es geht um die grundsätzlich Frage, wie das knappe Gut öffentlicher Raum gerecht verteilt werden kann.“

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