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Qualmende Geschichte : Getrocknete Wutbürgerkunst

Paula Lutum-Lenger, die Ausstellungsleiterin, macht den Bauzaun historisch präsentabel Bild: dpa

Das „Haus der Geschichte“ in Stuttgart widmet einem 80 Meter langen Abschnitt des Bauzauns der „Stuttgart 21“-Gegner eine eigene Ausstellung. Unter erheblichem Aufwand und erst nach Klärung schwieriger politischer und juristischer Fragen.

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          Die amerikanische Historikern Barbara Tuchman hat in einem später berühmt gewordenen Aufsatz einmal die Frage gestellt, ob ein Historiker über Geschichte schon schreiben kann, wenn sie noch qualmt. Sie hat sie letztlich bejaht. Historiker könnten beides sein - Zeitgenossen des Ereignisses oder Angehörige einer späteren Zeit. Auch der deutsche Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz argumentiert ähnlich, der größere Abstand zu den Ereignissen könne die richtige Perspektive vermitteln, gleichwohl sei es fraglich, ob künftige Historiker wirklich findiger seien, die bessere Perspektive auf das historische Geschehen zu finden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Im Fall von „Stuttgart 21“ handelt es sich zweifelsohne um „Geschichte, die noch qualmt“. Frühestens Ende des Jahres wird sich zeigen, was aus dem gesellschaftlichen Großkonflikt geworden ist. Das „Haus der Geschichte“ in Stuttgart entschied Anfang des Jahres, sich der „qualmenden Geschichte“ der Protestbewegung anzunehmen und einem 80 Meter langen Abschnitt des Bauzauns eine eigene Ausstellung zu widmen. Unter erheblichen Aufwand und erst nach Klärung schwieriger politischer und juristischer Fragen ließ die Museumsleitung den Zaunabschnitt am 13. Januar vom Bahnhof in das Depot des Museums bringen.

          „Wir können alles außer Demokratie“

          Schneedurchnässt waren die 2506 Exponate, die an dem Zaun hingen, als er eingeliefert wurde. Anders als bei Akten und Nachlässen, die generell dreißig Jahre von den staatlichen Archiven verwahrt werden, bis sie die Historiker zu Gesicht bekommen, handelt es sich bei dem Zaun und die daran hängende getrocknete Wutbürgerkunst um eine Wandzeitung und somit eine der Form nach mittelalterliche oder frühneuzeitliche Publikation. Fristen der Archivgesetze sind nicht einzuhalten. Paula Lutum-Lenger, die stellvertretende Leiterin des Hauses und die Kuratoren der Ausstellung, Johannes Häußler und Sarah Stewart, haben die Exponate des Zauns sorgfältig analysiert. Es sind merkwürdige Exponate darunter, die sich einer klaren Interpretation entziehen, wie zum Beispiel eine Art Vogelhaus mit der Aufschrift „Piepshow 21“. Solche Exponate sind aber die Ausnahme.

          Um die Eskalation des Konflikts nachzuerzählen und die politische Mentalität der Bewegung nachzuzeichnen reicht das Material allemal. „Wir nehmen jedes Exponat als Quelle und fragen, wer hat was gemacht und welche Geschichte steht dahinter“, sagt Frau Lutum-Lenger. Die Erhöhung des Bauzauns, der fatale Polizeieinsatz am 30. September 2010, der Start einer neuen Werbekampagne für den Durchgangsbahnhof - der Zaun hat all diese Ereignisse memoriert. Der frühere Ministerpräsident Stefan Mappus ist die Person, die am häufigsten kritische Kommentare abbekommt, Thema der meisten Exponate ist die Politikverdrossenheit der Demonstranten und, wie Frau Lutum-Lenger sagt, die „gestörte politische Kommunikation“. „Wenn Rech zu Unrecht wird. Wird Recht zur Bürgerpflicht“, heißt es etwa über den früheren Innenminister Heribert Rech. „Wir können alles außer Demokratie“, steht unter einem mit Bananen und Gurken verunstalteten baden-württembergischen Landeswappen. Mit dem Zitieren nehmen es die Bahnhofsgegner nicht so genau, dafür finden sich in plastikversiegelten Pamphleten kaum Rechtschreibfehler. „Es gibt einen Hang zu bildungsbürgerlichen Inhalten. Die Exponate sind von gebildeten und protesterfahrenen Leuten“, sagt Johannes Häußler.

          Das passt zu den soziologischen Analysen über die Stuttgart-21-Bewegung und weniger zu den am Wochenanfang bei jeder Montagsdemonstration durch die Stuttgarter Fußgängerzone hallenden „Lügenpack-Rufen“. „Manches ist schräg, manche Vergleiche sind falsch, manche Zettel stimmen einen nachdenklich“, sagt Frau Lutum-Lenger. „Jeder denkt, sie sind perdü. Aber nein, noch regieren sie“, hat einer Wilhelm-Buchs nachgereimt und die Gesichter von Max und Moritz durch Bilder von Mappus und Schuster ersetzt.

          Dieser Kommentar ist seit der Landtagswahl keine „qualmende Geschichte“ mehr. So schnell kann es gehen. Am 15. Dezember wird die Ausstellung eröffnet. An den neuen Bauzaungittern hingen übrigens schon kurz nach der Demontage des Zauns neue Trouvaillen für die Historiker.

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