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Psychologie : „Lotto ist vollkommen irrational“

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Erforscht das Glück: Psychologe Stephan Lermer Bild: Christopher Thomas

Den Lotto-Jackpot mit 35 Millionen teilen sich zwei Tipper. Sie stehen nun vor einer Wende in ihrem Leben. Was tun mit dem neuen Vermögen? Über den Fluch des vielen Geldes sprachen wir mit dem Psychologen Stephan Lermer.

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          Herr Lermer, Sie sind Psychologe und erforschen das Phänomen Glück. 35 Millionen Euro waren Jackpot - hatte das Lotto-Fieber auch Sie erfasst?

          Eigentlich spiele ich seit zwanzig Jahren nicht mehr Lotto, aber diesmal habe ich wieder einen Schein ausgefüllt. Mit 35 Millionen Euro kann man so viel bewegen, da wäre es doch schade, die Chance zu vertun. Doch eigentlich demotiviert mich der Lottoschein bei der Arbeit. Ich habe gelegentlich das Gefühl, nichts mehr machen zu müssen, da ich sowieso bald reich bin.

          Ist das nicht komisch? Je höher der Jackpot steigt, desto mehr Menschen spielen mit. Obwohl mit zunehmender Teilnehmerzahl die Chance sinkt, das Geld ganz allein zu gewinnen.

          Das ist vollkommen irrational. Aber der Mensch ist eben ein homo irrationalis. Lotto ist nichts als ein Spiel. Das ist wie bei der Fußball-WM: Es macht Spaß, dabei zu sein und mitzufiebern. Man will nichts versäumen. Dazu kommen die Vorfreude und der Kitzel während der Ausspielung, denn es könnte ja tatsächlich sein, dass man gewinnt. Das sind immerhin drei Highlights, für die sich der Kauf des Lottoscheins zu lohnen scheint.

          Was geht in einem Menschen vor, der plötzlich um mehrere Millionen reicher ist?

          Er wird es erst einmal nicht glauben. Dann muss er drei Sachen richtig machen: Er darf nicht gleich von seinem Glück erzählen. Er sollte sich ein paar Wochen Auszeit nehmen, um sich zu überlegen, was er in seinem Leben beibehalten oder was er verändern möchte. Außerdem braucht er einen Lebensberater und einen klugen Profi aus einem Bankhaus, der ihm sagt, wie er das Geld anlegen soll.

          Mit 35 Millionen ist man reich. Kann man damit aber tatsächlich auch glücklich werden?

          Geld haben und es ausgeben - das allein macht definitiv nicht glücklich. Doch in der Forschung unterscheiden wir drei Szenarien, in denen unerwartetes Geld durchaus glücklicher machen kann: Wenn dadurch finanzielle Not beseitigt werden kann, wenn also Miete, Essen und Kleidung plötzlich problemlos bezahlbar sind. Auch wenn das Geld für soziale Zwecke verwendet wird. Das klingt zwar kitschig und trivial, aber andere glücklich zu machen macht einen selbst glücklicher. Die dritte Möglichkeit ist der Kauf von aktiver Freizeit und Ereignissen. Man kann das Geld in die eigene Bildung investieren, Sprachen lernen, einen Malkursus besuchen oder eine Weltreise machen.

          Kann der unerwartete Geldsegen auch ein Fluch sein?

          Ja, das kennen wir von zahlreichen Stars, die allzu plötzlich reich und berühmt wurden, zuvor aber nicht gelernt hatten, damit umzugehen. Kurt Cobain, Elvis Presley . . . Sie sind alle an Geld und Ruhm zerbrochen. Auch ein Lottogewinn kann eine Art goldener Schuss sein. Es besteht durchaus die Gefahr, völlig durchzudrehen und am Ende unglücklicher zu sein als zuvor.

          Kommt mit dem Geld gleichzeitig die Angst, es wieder zu verlieren?

          Dieser Gedanke wohnt vor allem uns Deutschen inne. Wir haben Angst vor Neid und davor, dass Erpresser unsere Kinder entführen. Aber diese Angst birgt auch etwas Gutes: Sie schärft das Bewusstsein, dass Geld, Macht und Einfluss auch mit Verantwortung verbunden sind. Eigentum verpflichtet.

          Sollten Sie nun das Glück getroffen haben, was gönnen Sie sich: eine Weltreise, einen Ferrari?

          Ich behalte meinen alten Porsche, der ist nicht ersetzbar. Und dann würde ich wohl ganz schlicht versuchen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

          Psychologe Stephan Lermer betreibt eine Praxis in München. Er ist Bestseller-Autor und doziert an der Universität Augsburg über Glück.

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