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Psychoanalyse : Das Unbewußte, Jahrzehnte nach Freud entdecken es alle

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400 Millionen Menschen sind, laut WHO, von einer ernsten psychischen Erkrankung betroffen: Im Vergleich dazu ist die Zahl derer, die professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, verschwindend gering. Und trotzdem höher als je zuvor.

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          Immer mehr Menschen brauchen nach Einschätzung des Weltverbandes für Psychotherapie die Hilfe von Psychologen, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, daß weltweit etwa 400 Millionen Menschen von einer ernsten psychischen Erkrankung betroffen sind.

          Die Zahl derer, die unter Störungen leiden und die Hilfe eines Psychiaters oder Psychotherapeuten nötig hätten, gilt als deutlich höher. „Die Psychotherapie boomt“, sagt der Verbandspräsident Alfred Pritz in Wien. Als Vater der Psychoanalyse gilt Sigmund Freud - am 6. Mai vor 150 Jahren wurde er geboren.

          „Enormer Aufschwung“

          Für die Arbeit Freuds, der schon zu Lebzeiten die Gemüter erregte und dessen Jünger und Nachfolger heute weltweit in zahllose Verbände und Vereinigungen gespalten sind, ist der Boom wie eine nachträgliche Bestätigung. „In den Industrieländern bräuchten vermutlich etwa drei Prozent der Bevölkerung eine Psychotherapie“, sagt Pritz. Doch behandelt würden deutlich weniger: „Tatsächlich in Behandlung sind in Österreich nur etwa 0,6 bis 0,7 Prozent.“ In Deutschland sei der Anteil der behandelten Kassenpatienten sogar nur halb so groß.

          Europas Psychotherapie habe in den vergangenen Jahren einen „enormen Aufschwung“ erlebt. Die Ausgaben für die von Freud entscheidend geprägte Behandlung psychischer Störungen steigen in Deutschland und Österreich ebenso an wie etwa in Schweden, Holland, Frankreich oder Italien. Das Gleiche gelte für Lateinamerika. Einen unerwartet großen Andrang auf die Therapie gibt es mit dem Fortschreiten der industriellen Entwicklung und dem Zusammenbruch der „Sippengesellschaft“ inzwischen auch in Japan, China und Thailand, erklärt Pritz. Auch in Teilen Afrikas wächst die Nachfrage nach Seelenforschern. In den Vereinigten Staaten sinkt der Stellenwert der von Freud geprägten Wissenschaft allerdings.

          „Säkulare Art der Seelsorge“

          „Ich glaube, die Amerikaner haben es versäumt, die Psychotherapie als gesellschaftliche Kraft zu institutionalisieren. Die Psychoanalyse war trendy in amerikanischen Filmen, aber nie in der amerikanischen Bevölkerung, wo es einen enormen Bedarf gäbe“, sagt Pritz. Gerade die Ärmeren aber könnten sich in den Vereinigten Staaten eine Therapie nicht leisten. In Deutschland und Österreich dagegen sei die Behandlung auf Krankenschein möglich.

          Die Gründe für den Andrang zu Psychoanalyse und -therapie liegen nach Einschätzung von Experten nicht zuletzt im Trend zur Vereinzelung und zur Kleinfamilie begründet. „Freud hat die Psychotherapie einmal eine säkulare Art der Seelsorge genannt“, erläutert Pritz. In einer Zeit, in der die religiösen Strukturen nicht mehr diesen Stellenwert haben, suchen Menschen nach einem Sinn, und Psychotherapeuten helfen vielen Patienten, ihn zu finden.

          „Vater der Psychoanalyse“

          Freuds grundlegender Beitrag zur Entwicklung der verschiedenen Behandlungsformen scheint dabei heute - trotz der stark miteinander rivalisierenden Schulen in der Psychoanalyse - wenig umstritten. Eric Kandel, amerikanischer Neuro-Wissenschaftler und Nobelpreisträger für die Erforschung der Erinnerung, nennt den „Vater der Psychoanalyse“ einen „Giganten“ und großen Forscher des 20. Jahrhunderts. Zwar seien einige seiner Kernthesen - so über die Sexualität der Frau - heute als falsch erkannt. „Seine Entdeckung des Unbewußten, der frühkindlichen Sexualität und der Traumdeutung sowie die Tatsache, daß man durch sorgfältiges Zuhören Einblicke in das Unbewußte eines Patienten bekommt, waren aber revolutionär.“

          Härter geht der Psychiater und Buchautor Peter D. Kramer mit dem Entdecker des Unbewußten um: „Es klingt wie persönlicher Verrat (an Freud), das zu sagen: Aber jedes Einzelne dieser Details ist falsch: Die Universalität des Ödipuskomplexes, der Penisneid, die frühkindliche Sexualität.“

          Er ist kein Säulenheiliger

          Pritz, der in Wien die erste Privatuniversität für Psychotherapie leitet, sieht in der fast ein Jahrhundert alten Spaltung des Lagers der Psychoanalytiker keinerlei Schmälerung der Bedeutung Freuds: „Ich würde Freud jetzt nicht verherrlichen als einen Halbgott oder Gott. (...) Wenn man ihn in den Status eines Säulenheiligen erhebt, dann tut man sowohl ihm Unrecht als auch der Psychoanalyse. Denn worum wir uns bemühen, ist ja eine wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit, und in dieser Tradition sollte Freud gesehen werden: Als ein wesentlicher Forscher in diesem Sektor im 20. Jahrhundert.“

          Mit der fast hundert Jahre alten, tiefen Spaltung im Lager der Psychoanalyse hat Pritz selbst kein Problem: „Für den therapeutischen Effekt ist nicht in erster Linie die Schule entscheidend, sondern die therapeutische Beziehung. Es ist auch bekannt, daß sehr viele Patienten nicht einmal wissen, welche Methode der Therapeut anwendet. Sie wissen nur, „er spricht mit mir“. Und das genügt erst einmal.“

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