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Psychiatrie : Da war sie schon gefesselt

Aufnahme unter Bedingungen: Der Eingang der psychiatrischen Tagesklinik der LWL Warstein Bild: Edgar Schoepal

Alte und kranke Menschen werden öfter als nötig in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Die Gerichte ebnen den Kliniken den Weg dazu. Denn die meisten Richter sind überzeugt: Ärzte wissen was sie tun. Ein Fallbeispiel.

          Die Glastür ist mit weißen Rollos undurchsichtig gemacht. Blaue geraffte Gardinen an den Seiten, ein Knauf als Klinke - ohne Schlüssel kommt hier niemand hinaus. Dahinter ein langer, gelbgestrichener Flur mit blankem Linoleumfußboden, von dem ein Frühstücksraum abgeht: Tische mit hellem Holzfurnier, rotbespannte Stühle, an der Wand handgearbeitete Libellen als Dekoration. Gegenüber liegt ein großer Aufenthaltsraum, dessen Eingang eine ältere Patientin versperrt, die in einem Rollstuhl „fixiert“ ist: Sie kann nicht heraus. Die Patientin ruft: „Hilfe, Hilfe!“ „Was ist los?“, fragt eine der Krankenschwestern. „Sie sperren mich immer ein!“, beklagt sich die Patientin. Die Schwester erzählt, dass die Patienten auf den geschlossenen Stationen „vereinzelt“ auch fixiert werden: „Aber nie für lange Zeit, maximal für zwei Tage, und auch nur bei massiver Eigengefährdung. Und wir gucken dann jeden Tag neu, ob das nötig ist.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Fall von Helga S., die von August vergangenen Jahres an etwa sechs Wochen lang in der Abteilung für Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Warstein behandelt wurde, sah die Realität etwas anders aus: Helga S. ist 84 Jahre alt und seit vielen Jahren sehr krank: Sie hatte mehrere Schlaganfälle, ist halbseitig gelähmt, inkontinent und kann kaum noch sprechen. Laufen kann Helga S. nicht mehr, sich im Bett umdrehen auch nicht. Dennoch war sie nach Angaben ihres Anwaltes Thomas Saschenbrecker und ihrer Schwester Ursula F. während ihres sechswöchigen Aufenthaltes auf der geschlossenen Station die meiste Zeit mit einem Gurt am Bett festgebunden, sobald sie darin lag - und in den letzten vier Wochen ihres Aufenthalts erfolgte diese Fixierung mittels Bauchgurt ohne richterliche Genehmigung. Denn bei Gericht war zwar Helga S.' Fixierung während ihres gesamten Aufenthaltes in der Klinik beantragt worden, der Richter hatte diese aber nur zwei Wochen lang genehmigt. Das alles, obwohl Helga S. überhaupt nicht fluchtfähig war: „Sie konnte nicht mal die Beine heben“, sagt Ursula F., die eine Vorsorgevollmacht für Helga S. besitzt und daher im Krankheitsfall über ihre medizinische Behandlung und ihren Aufenthaltsort zu bestimmen hat, „man hätte lediglich dafür zu sorgen brauchen, dass sie nicht aus dem Bett fällt. Dafür wäre ein Bettgitter ausreichend gewesen.“

          Die Psychiater haben sich als Richter in Weiß aufgespielt

          Doch nicht nur die Fixierung von Helga S. in den letzten vier Wochen ihres Klinikaufenthalts war rechtswidrig. Die gesamte Unterbringung der alten Dame in der geschlossenen Abteilung, so hat das Oberlandesgericht Hamm im Februar dieses Jahres durch Beschluss festgestellt und damit die Entscheidungen eines Amts- und eines Landgerichts aufgehoben, war illegal. Anwalt Saschenbrecker sagt: „Hier ist alles zusammengekommen. Die erste und zweite richterliche Instanz hat versagt. Und die Psychiater haben sich als Richter in Weiß aufgespielt.“ Wie konnte es dazu kommen?

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