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Prozess vor 50 Jahren : Deutschland und die Welt – und Auschwitz

Beginn des Prozesses: Verhandlungssaal im Römer in Frankfurt, Dezember 1963 Bild: Lutz Kleinhans

Als heute vor 50 Jahren in Frankfurt der Auschwitz-Prozess begann, fand er zu seinem Lebensthema: Bernd Naumann, damals Ressortleiter der F.A.Z., ließ den Schrecken noch in der Distanz sichtbar werden.

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          Hinter all den Berichten standen persönliche Erfahrungen. In einer Selbstauskunft schrieb Bernd Naumann: „Marschierte nach dem Abitur durch den Zweiten Weltkrieg, wurde verwundet, geriet in amerikanische Gefangenschaft.“ Von seiner Klasse, so erzählte es der Journalist, der 1922 in Frankfurt geboren wurde und von 1953 bis zu seinem Tod 1971 Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, überlebten nur drei Mitschüler.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Ungnädigkeit der frühen Geburt führte Naumann, der gerade Leiter des Ressorts „Deutschland und die Welt“ geworden war, heute vor 50 Jahren, als in Frankfurt der Auschwitz-Prozess begann, zu seinem Lebensthema. Der Gerichtsberichterstatter begann mit einer einzigartigen Serie von Artikeln. „Keiner hat so ausführlich und genau berichtet“, sagt Staatsanwalt Gerhard Wiese, heute 85 Jahre alt, der damals zu den Anklägern um den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gehörte. Und schon wenige Wochen nach den Urteilen am 19. August 1965 (sechs Angeklagte mussten mit lebenslangem Zuchthaus büßen, elf erhielten Freiheitsstrafen, drei wurden freigesprochen) erschien Naumanns 552-Seiten-Buch „Auschwitz – Bericht über die Strafsache gegen Mulka und andere vor dem Schwurgericht Frankfurt“.

          Naumann, der 1946 Deutscher Meister im Hochsprung gewesen war und als Sport- und Lokalreporter begann, berichtete so nüchtern, dass die kommentierenden Passagen um so stärker hervortraten: „Im Auschwitz-Prozess vor dem Frankfurter Schwurgericht“, so hob er einmal an, „hat am Donnerstag der 68 Jahre alte Angeklagte Karl Ludwig Robert Mulka, ehemaliger SS-Obersturmführer und Adjutant des Kommandeurs im Konzentrationslager Auschwitz, seine Tätigkeit in diesem Vernichtungslager der Nationalsozialisten auf eine so kurze wie prägnante Formel gebracht: Er hat nichts gesehen und nichts befohlen.“

          Leitete das Ressort „Deutschland und die Welt“: Bernd Naumann
          Leitete das Ressort „Deutschland und die Welt“: Bernd Naumann : Bild: F.A.Z.

          Der beherrschte Stil und die kritische Strenge, die heute ein Vorbild für Gerichtsreporter sein könnten, versuchten den Schrecken noch in der Distanz sichtbar werden zu lassen. Hannah Arendt schrieb später, Naumann, der „die solidesten Berichte“ geschrieben habe, enthalte sich klugerweise „fast völlig jeder Analyse und jeden Kommentars“ und konfrontiere den Leser „damit um so direkter mit den Originaldialogen des großen Verhandlungsdramas“. Vielleicht war der sachliche Duktus auch auf die ungeheure Materialfülle zurückzuführen: Mehr als 16000 Seiten Akten und fast 360 Zeugenaussagen waren in den Griff zu bekommen und in Worte zu fassen. Schon rein arbeitstechnisch war das nicht so einfach. „Naumann blieb bis 13 Uhr im Prozess, schrieb dann in der Redaktion, und ich setzte mich in die Verhandlung, um kurz vor Redaktionsschluss noch ein, zwei Absätze hinzuzufügen“, sagt Günther von Lojewski, heute 78 Jahre alt, damals Politik-Redakteur. Auch weitere Redakteure arbeiteten dem Berichterstatter an den 182 Verhandlungstagen zu.

          „Für die Bewusstseinsbildung in Deutschland waren Naumanns Berichte enorm wichtig“, meint Lojewksi. Der Kollege, der später zum Fernsehen ging und 1989 Intendant des Senders Freies Berlin wurde, erkennt in dem Gerichtsreporter gar eine Art Vorreiter der Achtundsechziger-Bewegung: „Die Berichte brachten manche Söhne überhaupt erst auf die Frage, was denn ihr Vater in der Zeit gemacht hat.“

          Auch auf indirekte Art. Denn vieles von dem, was Naumann mitgeschrieben hatte, fand sich in dem schon im Herbst 1965 uraufgeführten Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. In seinen Tagebüchern wies der Theaterautor darauf hin, wie viel er Naumann zu verdanken habe: „Ich mache das Lesepublikum auf dieses wichtige Zeitdokument aufmerksam, in dem der Prozess, der in meinem Oratorium als Konzentrat aufklingt, in der Reichhaltigkeit der alltäglichen Verhandlungen beschrieben wird.“

          Für viele war das damals zu viel. Die Wut über die Berichterstattung entlud sich in unflätigen Leserbriefen gegen den Autor. Naumann, ein Baum von einem Mann, der schon anderes durchgestanden hatte, hielt es nicht von seinen intensiven und präzisen Artikeln ab, die übrigens aus gutem Grund nicht im Ressort Politik plaziert wurden: „Es war ja eben kein politischer Prozess, es war ein Strafprozess“, sagt Staatsanwalt Gerhard Wiese.

          Bernd Naumann wurde im Sommer 1970 Korrespondent der F.A.Z. in Südafrika. Im August 1971 wurde sein Wagen in der Nähe von Kapstadt bei Regen aus einer Kurve getragen. Er starb noch an der Unfallstelle an den schweren Verletzungen.

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