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Urteil im Tugce-Prozess : Nervige Groupies, merkwürdige Zeugen, unklarer Schlag

Im Landgericht Darmstadt mit der Justitia auf dem Dach wird das Urteil im Tugce-Prozess gefällt. Bild: dpa

Wie war die Stimmung im Gerichtssaal und handelt es sich um Körperverletzung mit Todesfolge? Fragen und Antworten zum Prozess um den Tod von Tugce Albayrak – heute wird in Darmstadt das Urteil gesprochen.

          3 Min.

          An diesem Dienstag wird nach zehn Verhandlungstagen das Urteil im Prozess um die getötete Tugce Albayrak gesprochen. Fragen und Antworten zum Prozess:

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Wie war die Stimmung im Gerichtssaal?

          Die Prozessparteien gingen weitgehend respektvoll miteinander um. Besonders bedrückend war, wenn die Freundinnen Albayraks deren Zustand nach der Tat schildern sollten. Aber es gab auch heitere Momente. Etwa, als von der serbischen Region „Sandschak“ die Rede war und der Richter „Sandsack“ verstand. Oder als er zu einem Zeugen sagte: „Dann also gehen Sie raus“ – gemeint war der Offenbacher McDonald’s, auf dessen Parkplatz die Tat verübt wurde. Der Zeuge jedoch glaubte, dass er gehen solle, und stand auf, um den Gerichtssaal zu verlassen.

          Wie war die Stimmung im Publikum?

          Diszipliniert, gemessen an den Umständen. Denn im Zuschauerraum saßen Angehörige des Täters und Angehörige des Opfers teils stundenlang nebeneinander. Nervig waren die Sanel-Groupies, die mit dem Angeklagten zwar in keiner nachvollziehbaren Verbindung stehen, aber trotzdem meinten, ihre Sicht der Dinge verbreiten zu müssen.

          Welches Ziel verfolgte die Nebenklage?

          Die beiden Anwälte der als Nebenkläger auftretenden Familie Albayrak zeichneten M. als eine Art tickende Zeitbombe, die über kurz oder lang explodieren musste. Im Schlag sahen sie das Endprodukt eines planvollen und letztlich brutalen Vorgehens. Dessen Ursache liege in der Szene auf der Damentoilette („Albayrak kommt jungen Mädchen zu Hilfe“). Dort sei der Angeklagte seiner eigenen Wahrnehmung nach gedemütigt worden, erst durch eine junge Frau, dann durch kräftige Männer, die ihm ebenfalls seine Grenzen aufgezeigt hätten. Das habe er, ganz in seiner Macho-Welt gefangen, nicht auf sich sitzenlassen können. Die Anwälte der Nebenkläger glauben überdies, der Angeklagte empfinde keine wirkliche Reue. Er habe kein umfassendes Geständnis hinsichtlich der Geschehnisse vor der Tat abgelegt. Auf diese Weise habe er nichts dazu beigetragen, den Prozess abzukürzen und ihn damit für die Familie Albayrak erträglicher zu machen.

          Welche Strategie verfolgte die Verteidigung?

          Die drei Verteidiger M.s interpretierten die Ereignisse des 15. Novembers als größtenteils normale Offenbacher Nacht, die keineswegs unausweichlich in die Katastrophe führte. Insbesondere nach der Szene auf der Toilette hätten sich die Gemüter bei den jungen Frauen und bei den jungen Männern beruhigt, weshalb der Schlag eben nicht geplant, sondern Ergebnis „spontaner Wut“ gewesen sei. Wer an der finalen Eskalation Schuld trägt, lasse sich nicht sagen, die Provokationen seien von beiden Seiten gekommen. Zwischenzeitlich war offenbar geplant, dass sich der Angeklagte vor Gericht ausführlich über den Tathergang äußert. Seine Anwälte rieten ihm schließlich davon ab. Ihre Begründung: „Hätte sich M. umfassend erklärt, wäre das als taktisches Kalkül ausgelegt worden.“ Das kann man bezweifeln. Es stützt aber die These der Verteidigung, dass der Angeklagte einer beispiellosen Vorverurteilung durch die Medien ausgesetzt gewesen sei.

          Wie hilfreich waren die Zeugen?

          Es gab ein paar gute Zeugen aus beiden „Lagern“. Insgesamt waren die Befragungen aber so schwierig, dass der Oberstaatsanwalt vorschlug, im Sinne einer „Nullhypothese“ erst einmal davon auszugehen, dass alle Angaben unwahr sind. Zu einem Freund M.s hatte er im Prozess gesagt: „Ihr Aussageverhalten ist äußerst merkwürdig. Wir haben hier schon einiges erlebt, aber Sie schlagen dem Fass den Boden aus. Das ist kein Spaß, jetzt reißen Sie sich mal zusammen.“

          Welche Rolle spielten die an die Öffentlichkeit gelangten Überwachungsvideos?

          Sie waren Fluch und Segen. Fluch, weil fast alle Zeugen mindestens ein Video bereits vor ihrer polizeilichen Vernehmung gesehen hatten und ihre Erinnerung darauf abstimmten. Segen, weil die Tat zu sehen war. Aber auch Bilder sind nicht eindeutig. So kann man etwa die Beobachtung, dass der Angeklagte mehrfach auf das spätere Opfer zugeht, auch so deuten: Er geht mehrfach wieder vom Opfer weg.

          Wird M. nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt?

          Der Angeklagte war zum Tatzeitpunkt erst wenige Tage volljährig, er lebte noch bei den Eltern, war finanziell von ihnen abhängig, ging keiner Arbeit nach. Auch sein Freizeitverhalten – kicken, abhängen, Fitness – entspricht eher dem eines Jugendlichen als dem eines Erwachsenen. Vieles deutet also darauf hin, dass Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen wird. Dabei geht es weniger um den Strafaspekt als vielmehr um die Frage: Was ist aus erzieherischer Sicht zu tun, um dem Täter doch noch den rechten Weg zu weisen?

          Handelt es sich um Körperverletzung mit Todesfolge?

          Im gängigsten Kommentar zum entsprechenden Paragraphen 227 StGB heißt es: „Entscheidend ist, ob vom Täter in seiner konkreten Lage und nach seinen persönlichen Möglichkeiten der Todeseintritt im Ergebnis vorhergesehen werden konnte.“ Staatsanwaltschaft und Nebenklage sagen: ja. Wer einem anderen Menschen mit gewisser Wucht einen Schlag gegen den Kopf versetzt, der müsse damit rechnen, dass dieser k.o. gehe und – wie Albayrak – ungebremst auf dem Boden aufschlage. Es spricht viel dafür, dass sich der Richter dem anschließen wird. Man kann es aber auch anders sehen. So führte einer der Verteidiger aus, dass es keineswegs Allgemeingut sei, dass eine Ohrfeige – viele Zeugen hatten den Schlag so genannt – zu Ohnmacht und schließlich zum Tod führen könne. Immerhin hätten Ohrfeigen jahrhundertelang als „probates Mittel der Kindererziehung“ gegolten.

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