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Prozess um Sterbehilfe : Ich befreie dich

  • -Aktualisiert am

Jan H. im Landgericht: Der Angeklagte habe sich zum Erlöser gemacht, sagt die Staatsanwältin. Bild: dapd

Eine Frau wird nach einem Unfall zum Schwerstpflegefall. Der Sohn erträgt ihr Leiden nicht länger und zieht eines Tages die Atemkanüle. Nun muss er für drei Jahre ins Gefängnis.

          6 Min.

          Diese Geschichte hat viele tragische Momente, und dazu zählt sicher auch, wie dieser junge Mann jetzt auf der Anklagebank links neben seinem Pflichtverteidiger sitzt und mit den Worten ringt. Wie das mit der Mutter war, hat der Richter gefragt, er will die ganze Geschichte aus Sicht des Angeklagten hören, aber Jan H. antwortet nur leise und in kurzen Hauptsätzen. „Sie war schwerbehindert auf Lebenszeit“, sagt er, die Hände im Schoß, den Blick starr geradeaus auf einen Punkt vor dem Tisch gerichtet. Pause. „Es gab keine Aussichten auf Besserung.“ Er zieht die Schultern hoch, wie um seinen Kopf zu verstecken, schweigt lange.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Braunschweig ist es still, der Angeklagte dennoch kaum zu verstehen. „Soll ich vielleicht mal?“, fragt H.s Anwalt, doch Richter Ralf Polomski lässt sich Zeit, er befragt den Angeklagten einfühlsam, in beinahe väterlichem Ton zu seinem Leben, zur Familie und schließlich auch zur Tat. Die hat H., 26, bereits gestanden, als er sich am 4. Januar selbst der Polizei stellte. Die Staatsanwältin braucht deshalb nur wenige Minuten für die Anklage; seine Tat gilt juristisch als Totschlag, darauf stehen bis zu 15 Jahre Haft.

          Folgenschwerer Reitunfall

          Im Herbst 2004 erfährt Jan H. am Telefon von seinem Stiefvater, dass die Mutter im Urlaub in Italien einen schweren Unfall hatte. Die erfahrene Reiterin, damals 39, fällt bei einem Reitausflug vom Pferd und schlägt mit dem Kopf auf einem Stein auf. Sie wird notversorgt und kurz darauf in eine Klinik nach Hannover geflogen. Als H. sie dort wiedersieht, ist er schockiert. Die Mutter sieht furchtbar aus, der Kopf rasiert, ihr Gesicht verzerrt, der Körper spastisch gelähmt, sie röchelt, aber reagiert nicht, nicht auf ihren Mann, nicht auf ihre Mutter und auch nicht auf ihren Sohn.

          Die Ärzte haben ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit teilweisem Ausfall der Großhirnfunktion und eine schwere Bewusstseinsstörung diagnostiziert; der Zustand der Patientin ist nahe am Wachkoma, aber sie ist nicht hirntot. In solchen Fällen komme es auf die ersten Monate nach dem Unfall an, erläutert der Facharzt. Ändere sich nichts, sei die Chance auf künftige Besserung äußerst gering. Ein halbes Jahr lang tut sich bei der Frau nichts. „Je länger sie da lag, umso mehr hab’ ich verstanden, dass sie ein Pflegefall bleibt“, sagt ihr Sohn.  „Und wenn sie aufgewacht wäre?“, will der Richter wissen.

          „Mir kam sie vor wie abgeschoben“

          „Es wäre grausam gewesen für sie“, sagt der Arzt. Die Ärzte stellen die Behandlung von akut auf funktionserhaltend um. Per Atemhilfe und Magensonde bleibt die Mutter am Leben, sie ist ein Schwerstpflegefall, bekommt einen Blasenkatheter und muss gewindelt werden.

          Eine Patientenverfügung, mit der die lediglich lebenserhaltenden Maßnahmen straffrei beendet werden könnten, existiert nicht; die Familie hat nie darüber gesprochen, was passiert, wenn etwas passiert. Weil die Ärzte nichts mehr tun können, kommt Jan H.s Mutter im Frühjahr 2005 in ein Pflegeheim nach Wendhausen bei Braunschweig. Der Sohn ist damit nicht einverstanden. „Mir kam sie dort vor wie abgeschoben für den Rest ihres Lebens.“ Er fordert weitere Reha-Maßnahmen, will sich mit dem Zustand der Mutter nicht abfinden, hofft, dass sich noch irgendetwas ändern wird. Aber es wird nichts besser, im Gegenteil. Denn nun gerät er auch selbst in große Schwierigkeiten.

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