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Prozeß : Küblböck geht ins Kloster

Geläutert: Daniel Küblböck im Amtsgericht von Eggenfelden Bild: AP

„Wahnsinnig leid“ tut Pop-Sternchen Daniel Küblböck der von ihm verursachte Unfall mit einem Gurkenlaster. Ein Gericht verurteilte den 18jährigen nun zu 25.000 Euro Geldstrafe.

          Amtsrichter Ritzers erste Frage ist, ob Daniel Küblböck sich als "Sänger" bezeichnen möchte. Der Angeklagte, bekannt als gesuchter und gewählter "Superstar", erwidert mit krächzender Stimme, "freischaffender Künstler" wäre ihm lieber. "Deutschlands berühmtester Quatschkopf" hätte es ebenfalls getan oder einfach "routinierter Nichtskönner". Doch vielleicht wird aus ihm noch etwas, denn er ist erst 18 und hat einen niederbayerischen Hauptschulabschluß.

          Roswin Finkenzeller

          Schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als Verkehrssünder ist Kühlböck Heranwachsender, was die Frage stellt, ob er ungeachtet seiner Namhaftigkeit nach Jugendrecht zu bestrafen sei. Eine halbe Minute lang tut Ritzer so, als erblicke er in dem Delinquenten einen ausgereiften Erwachsenen, der sich eine "achtbare Stellung in der Gesellschaft" erworben habe, was ohne irgendeine Substanz nicht möglich gewesen wäre. Der Amtsrichter spricht tatsächlich von "Substanz". Nun, das ist juristisch gemeint und betrifft nicht die zigtausend Kakerlaken, mit denen sich, nur um ein Beispiel zu nennen, Küblböck schon der Gaudi halber abgegeben hat.

          Doch Substanz hin oder her, vor dem Amtsgericht Eggenfelden geht es um einen Verkehrsunfall, der nicht heraufbeschworen worden wäre, hätte der Mann mit der achtbaren Stellung sich nicht einen "partiellen Rückfall in die Verhaltensweise eines Jugendlichen" geleistet. Daniel war bereits 18, konnte schon ein bißchen fahren, hatte jedoch keinen Führerschein, dafür aber das Auto einer ihn anhimmelnden Kiefernorthopädin zur Verfügung.

          Schwerer Gang: Küblböck eilt vorbei an Fotografen ins Amtsgericht von Eggenfelden

          Als er in Begleitung von Frau Doktor und einer weiteren Verehrerin am Steuer saß, mißachtete er an einer Staatsstraßenkreuzung die Vorfahrt und stieß im schönen Rottal mit einem Gurkentransporter zusammen, dessen geistesgegenwärtig reagierendem Fahrer es höchstwahrscheinlich zu danken ist, daß bei der Karambolage niemand zu Tode kam. Der Pkw war Schrott, der junge Mann am Steuer ein orthopädischer Fall und jeder der übrigen Unfallbeteiligten ein Leichtverletzter.

          Eindeutiger Tathergang

          Unter starker Anteilnahme seiner Fans, weil mit lädierter Schulter und schmerzender Halswirbelsäule, lag Küblböck vierzehn Tage lang in einem Passauer Krankenhaus. Er gestand. Wenn auch hinzugefügt werden muß, daß der Tathergang ohnehin so eindeutig war wie sonst nur noch der Umstand, daß eine Fahrerlaubnis nicht vorlag, sprachen die Zeichen schneller Reue zugunsten des Angeklagten. Aus der Klinik entlassen, besuchte Küblböck seinen unfreiwilligen Bekannten, den Lastkraftwagenfahrer, und versicherte diesem, daß es ihm leid tue. Seit den Unfallsekunden führte Daniel Küblböck ein Leben, an dem der Staatsanwalt nichts auszusetzen findet.

          Nichts auszusetzen findet auch der Verteidiger am einfühlsamen Plädoyer des Staatsanwalts. Eitel Harmonie herrscht im Gerichtssaal, denn die Prozeßbeteiligten haben sich ein wenig abgesprochen. Stellvertretend für alle Fans strahlt die Protokollführerin über das ganze Gesicht, als beide Seiten, Anklagevertretung und Verteidigung, die leidige Angelegenheit begraben, indem sie das Urteil akzeptieren. Es lautet auf eine Geldstrafe von 25.000 Euro sowie auf etwas, das die Christen tätige Reue nennen, nämlich acht Stunden Sozialdienst.

          Wieso 25.000? Weil der Richter die These übernommen hat, ein "freischaffender Künstler" wie Küblböck wisse selber nicht genau, was er demnächst und künftig an Gagen und Honoraren einstreichen werde. Und weil der Richter trotzdem Fortuna einzuschätzen hat und deshalb an ein rundes Sümmchen denkt, dessen Abzweigung einerseits schmerzt, andrerseits einen Scherzkeks nicht in den totalen Ernst des Lebens oder den Ruin treibt. Für den Sozialdienst kann der Angeklagte sich anfangs nicht erwärmen. Er gibt zu bedenken, daß Arbeit keine Strafe wäre, nicht einmal eine Buße, sondern nur Show, weil in dem Altenheim, das ihn beschäftigen würde, jeder Greis und jede Greisin in Daniel Küblböck nur Daniel Küblböck sähe, nicht aber den anonymen dienstbaren Geist. Doch Richter Ritzer zeigt sich von so viel Realismus unbeeindruckt und schlägt als Austragungsort ein Franziskanerkloster vor.

          Daniel darf den Führerschein machen

          Daniels Motto als Superstar: "Lebe deinen Traum!" Daniels letztes Wort als Angeklagter verweist ebenfalls auf einen Traum. In aller Einfalt und Freundlichkeit bekennt er, "was mir am Herzen liegt: mein Führerschein". Der Richter und der Staatsanwalt haben nichts dagegen, daß Daniel ihn macht, während das Landratsamt es offenbar für richtig gehalten hätte, eine Art Sperre zu verhängen. Doch so grausam will der Amtsrichter nicht sein, den Daniel aus alten, das heißt blutjungen Tagen kennt. Vier Jahre ist es her, daß er in einem Laden eine CD klaute, was ihm jetzt nicht zum Nachteil gereicht, weil er trotzdem nie als vorbestraft galt. Kaum jemand hat damals den kleinen Schlingel beachtet, ein Schicksal, das den Angeklagten auch diesmal ereilt hätte, wäre er nicht in der Zwischenzeit ein Publikumsliebling geworden.

          Aber einer, der auf seinen Verteidiger hört. Über Internet war Daniels Weisung an alle Fans ergangen, das Gerichtsgebäude nicht zu stürmen, ihm vielmehr fernzubleiben. Die Anhängerschaft spurt und straft eine Boulevardzeitung Lügen, die behauptet hatte, Niederbayern stehe kopf. In der benachbarten Stefan-Krumenauer-Realschule werden sogar Prüfungsarbeiten geschrieben. Nur die mit den Unfallgurken gefüllten Gläser sind weiterhin im Schwarzhandel und erzielen Liebhaberpreise.

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