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Prêt-à-porter : Stille Tage im Klischee

Unkonventionell und raffiniert zeigt sich die Kollektion von Jean Paul Gaultier Bild: Helmut Fricke

Abwarten und Champagner trinken als Daseinsform: Beim Prêt-à-porter herrschen zugleich Aufbruchstimmung und Unsicherheit. Notizen aus einer flauen Saison.

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          Am Ende einer langen Woche steht Annette Weber, frisch von Chanel kommend, um halb zwölf am Morgen schon im zweiten Kleid des Tages, vor der Pagode in Paris und zuckt mit den Schultern: Echte Modemomente hat sie nicht erlebt. Und wenn schon die Chefredakteurin der deutschen „Instyle“ zweifelt, die gewissermaßen von Berufs wegen zu Begeisterung verpflichtet ist: Kann dann überhaupt jemand diese Modesaison für Frühjahr und Sommer 2012 anders als flach nennen?

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Abwarten - und Champagner trinken. Das ist vielleicht die wichtigste Daseinsform des Prêt-à-porter. So viele Debüts, so viel Aufwand, so viele Partys, aber keine rechte Stimmung. Die teils unerträgliche Hitze macht die Sache nicht besser. In der Lanvin-Schau gibt es fast Ohnmächtige, weil sich das Modezelt in den Tuilerien mangels Klimaanlage und dank Überfüllung von außen und von innen aufheizt. „Wir brauchen keine Kühlung“, sagt eine Pariserin. „Wenn es heiß ist, fahren wir immer ans Meer.“

          Die unergründlich untergründig flaue Stimmung könnte auch daran liegen, dass das herrschende Modesystem an Autorität verliert. Diese Woche wird als die erste Prêt-à-porter-Saison in die Modegeschichte eingehen, in der mehr Fotografen draußen vor der Tür stehen als drinnen am Ende des Laufstegs. Vor den Schauen von Chloé, Céline, Dior, Lanvin, Chanel, Louis Vuitton überall das gleiche Bild: Die Laufstegfotografen, mal sind es 80, mal 100, mal 120, schleppen ihre Koffer, Stehleitern und Sechshunderter-Objektive ins Zelt - um brav jeden Look aufzunehmen und an die Nachrichtenagenturen, Internetseiten, Zeitschriften und Zeitungen zu senden.

          Marc Jacobs ganz klassisch

          Draußen vor der Tür stehen die Ich-AGs, die Blogger mit ihren kleinen Kameras, mal sind es 120, mal 150, die auf die besten Looks der Besucherinnen fliegen. Die Fotografen drinnen sind unsichtbar in ihrer schwarzen Ecke. Die draußen stehen im hellen Licht, werden auch selbst fotografiert und sind zu Stars geworden, mit Assistenten, Werbeaufträgen, „Vogue“-Verpflichtungen, Bilderbüchern: Tamu, Garance, Scott, Yvan, Tommy, Craig, Hanneli, Bill und all die anderen stellen das System der Komplettlooks und damit auch die großen Marketingstrategien in Frage. Der Weg in die ganz große Öffentlichkeit führt nicht mehr nur über den Laufsteg, sondern immer öfter über den Kies der Tuilerien: Die Pariserin schlechthin, Inès de la Fressange, vor der Chloé-Schau am häufigsten fotografiert, widerlegt mit ihrer Ich-weiß-nicht-von-wem-Hose für 60 Euro jede noch so kluge Markenstrategie.

          Was soll man da machen? Die Modehäuser müssen sich auf ihre Designer verlassen - zumal die Modemanager oft nicht vom Fach sind, wie etwa der kommende Mann bei Louis Vuitton, der bisher für Danone Joghurt vermarktet hat. „Qualität und Tradition“ macht Konzern-Chef und Berlusconi-Gegner Diego Della Valle geltend, der in Paris seine beiden großen Marken Tod’s und Hogan groß präsentiert. Delphine Arnault, die kommende starke Frau im LVMH-Konzern, zeigt stolz die von dem Künstler Anselm Reyle umgestalteten Dior-Taschen. Karl Lagerfeld hält gleich mehrfach hof. An neuen Produkten fehlt es nicht, an neuen Läden auch nicht, wie man allein am frischen DSquared-Laden an der Rue du Faubourg Saint-Honoré erkennt.

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