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Preisdruck : Das Kalkül der Hühnerbarone

  • Aktualisiert am

Weltweit werden 40 Milliarden Eier pro Jahr produziert Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Hühnerzucht ist ein Milliardengeschäft. Die Hühnerbarone beteuern, daß das Vogelgrippe-Virus bisher noch auf keinen deutschen Zuchtbetrieb übergegriffen hat und die Produkte unbedenklich sind. Skepsis bleibt - zu Recht.

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          Auch wenn die Deutschen sich zur Zeit vor toten Schwänen, Katzen oder Mardern fürchten: Den eigentlichen Grund zur Sorge haben die Hühnerbarone im Weser-Emsland und anderswo. Sie wissen längst, was ihnen droht, wenn H5N1 auch in Deutschland den Sprung in die Massentierhaltung schaffen sollte. Schon vor den ersten Vogelgrippefällen auf Rügen waren die Alarmpläne aus den Schubladen geholt worden; die Seuchenschutzmaßnahmen wurden auf allen Höfen noch einmal verschärft.

          Seit Jahren hatten Fachgremien in Brüssel darüber gebrütet, welche Lehren sich aus dem Geflügelpestausbruch 2003 in den Niederlanden ziehen lassen. Damals löste ein H7N7-Virus einen verheerenden Seuchenzug aus, an dessen Ende 30 Millionen Stück Geflügel gekeult werden mußten (siehe „Lehren aus Holland“). Auch damals soll das Virus auf dem Umweg über Stockenten in einen Hühnerstall gelangt sein und sich erst dort unter den Legehennen in einen aggressiven Erreger verwandelt haben.

          Sachlicher Dialog findet kaum statt

          Eine solche Mutation muß der Stamm H5N1 nicht einmal mehr erwerben. Der aus Asien stammende Erreger tötet Hühner schon jetzt. Um so bedenklicher ist es, daß er derzeit vermehrt in Tafel- und Reiherenten gefunden wird. Weil Wildenten, anders als lebendes oder totes Importgeflügel, nicht durch Grenzkontrollen an der Einwanderung nach Deutschland gehindert werden können, stellt sich die Frage, was mit der Geflügelproduktion generell geschehen soll, wenn sich H5N1 auf Dauer in heimischen Entenbeständen breitmachen sollte.

          Bild: F.A.Z.

          Das Thema Hühnerhaltung ist seit Jahrzehnten ideologisch belastet. Ein sachlicher Dialog zwischen den Hühnerbaronen und der Öffentlichkeit findet kaum noch statt. Die einen reden anklagend von „KZ-Hühnern“, die anderen von wachsender Importabhängigkeit. Der Streit um die neue Haltungsverordnung für Legehennen wird von beiden Seiten in zäher Lobbyistenarbeit geführt; die Tierschutzorganisation Peta schickt dafür sogar Pamela Anderson ins Rennen. Wer am Ende die Oberhand behält, ist nicht abzusehen.

          Vogelgrippe: Argument gegen „Öko-Unfug

          Die deutsche Geflügelindustrie steht tatsächlich unter einem enormen Preisdruck. Auf dem Billigsektor wurde in den vergangenen Jahren weniger Geld durch den Verkauf von Eiern und Broilern verdient als durch den Export der Technik der Massenhaltung nach Osteuropa und Asien. Nicht wenige Betriebe verlagerten die Produktion gleich ganz ins Ausland, um von dort wieder nach Europa zu exportieren. In Nudeln oder ähnlichen Fertigprodukten findet sich ohnehin kein Bio-Ei wieder, sondern preiswertes Pulver oder Flüssigei, dessen Herkunft der Verbraucher nicht nachvollziehen kann.

          Die Großbetriebe sehen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hühnerhalter seit Jahren durch Tier- und Umweltschutzauflagen bedroht. Da verwundert es kaum, daß die Bedrohung durch die Vogelgrippe flugs zu einem neuen Argument gegen den „Öko-Unfug“ wird. Hans Wilhelm Windhorst, Direktor des Instituts für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten an der Hochschule in Vechta, arbeitet gerade an einer Studie über jene europäischen Regionen, in denen die Hühner in besonders großer Zahl ihr Dasein fristen. Dort sei eine Einschleppung von pathogenen Influenzaviren natürlich „sehr gefährlich“, sagt Windhorst. Nun müsse die Politik ernsthaft darüber nachdenken, „ob die Freilandhaltung nicht zumindest in diesen Regionen ganz verboten oder wenigstens stark eingeschränkt werden muß.“

          „Das Ganze ist schon lange pervers“

          Windhorst sagt voraus, daß „die alternativen Haltungsformen einen massiven Rückgang erleben werden“, wenn das Virus sich nicht wieder zurückzieht. Komplett geschlossene Produktionsketten böten eben den besten Schutz. Eines der wenigen beinahe erfolgreichen Projekte der alten Bundesregierung - „Weg vom Käfighuhn!“ - wäre dann wohl auch noch gescheitert. Aus dem Kreis der Agrarminister ist zu hören, daß die Übergangsfrist bis zur Einführung neuer, artgerechterer Haltungsmethoden von Käfighennen wohl demnächst verlängert werden dürfte. Der Bundesrat könnte das schon im April beschließen. Horst Seehofer, als oberster Landwirtschafts- und Verbraucherminister, wird dann die nötigen Argumente schon parat haben.

          Die Frage ist nur, ob der Fehler nicht im System steckt. „Das Ganze ist schon lange pervers“, sagt der Leiter eines staatlichen Forschungsbetriebes. Seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen.

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