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© Official White House Photo by Pete Souza

The Obama Years

Von ANDREAS ROSS, Fotos von PETE SOUZA

12. Oktober 2016 · Der Fotograf Pete Souza hat den amerikanischen Präsidenten acht Jahre lang beobachtet und verewigt. Nach zwei Millionen Fotos hört auch er bald auf. Ein Abschiedsbesuch im Weißen Haus.

Seit bald acht Jahren weicht Pete Souza nicht von Barack Obamas Seite. Meist schleicht er umher, drückt sich an Wände, wäre am liebsten unsichtbar. Dann wieder blödelt er mit Amerikas Oberbefehlshaber, spielt mit ihm Scrabble im Oval Office oder Basketball in Hawaii. Souza gehört im Weißen Haus zu den letzten Leuten der ersten Stunde. Er war schon an jenem kalten Tag im Januar 2009 dabei, als der Präsident zum ersten Mal am „Resolute Desk“ Platz nahm. „Danach wollte er seiner Familie den Kabinettsaal zeigen“, sagt Souza, „aber er wusste noch nicht, wo es langgeht. Ich zeigte es ihm.“

Neulich brachte eine der Luftwaffensoldatinnen, die in Obamas Jumbojet die Passagiere bedienen, Souza ein Tablett mit besonderer Gravur. „Wir gratulieren Pete Souza zum 1000. Flug mit Air Force One.“ Die Annehmlichkeiten, sagt Souza bedächtig, werde er bald wohl vermissen, wenn Obamas Präsidentschaft nach dem 20. Januar Geschichte ist. Nicht dagegen den Blackberry, der ihn selbst nachts oder sonntags zum Einsatz beordert. Und erst recht nicht die Äpfel. Souzas Miene verfinstert sich. „Die Äpfel hasse ich.“

© Official White House Photo by Pete Souza An diese Szene auf den Stufen der Residenz des amerikanischen Botschafters in Paris im Juni 2009 erinnert sich Souza kaum – in Europa wurde sein Bild damals Hunderte Male abgedruckt und als Ikone der Lässigkeit analysiert. „Ehrlich?“, fragt Souza. „Da muss ich jetzt aber lachen. Keine Ahnung, worauf wir damals gewartet haben, wahrscheinlich auf die Fahrzeugkolonne. Eine totale Alltagssituation!“

Pete Souza ist der Cheffotograf des Weißen Hauses, er ist der Mann, der Obama Tag für Tag als coolsten Präsidenten der Geschichte verewigt. Die Äpfel stehen auf dem Couchtisch im Oval Office. 2010 ließ Obama einen neuen Tisch anschaffen. Die Äpfel blieben. Souza hat Obamas Obst Zehntausende Male abgelichtet. Der Präsident empfängt einen Staatsgast? Anzugträger mit Äpfeln. Der Präsident erhält sein tägliches Briefing? Anzug- und Uniformträger mit Äpfeln. Der Präsident bespricht sich mit seinen Beratern? Berater mit Äpfeln. Ein seltenes Glück, wenn Obama seinen Basketball zur Sitzgruppe dribbelt oder eine Ministerin ihre rote Handtasche aufs Sofa legt. Sonst bleiben die Äpfel im beigefarben plüschigen Zentrum der Weltmacht konkurrenzlos schrill und ziehen die Blicke aller Betrachter auf ihre roten Bäckchen.

Vor 15 Jahren war Pete Souza einer der ersten Pressefotografen, die sich nach den Anschlägen vom 11. September bis Kabul durchschlugen. Zu Pferd überquerte er den Hindukusch. Seit fast acht Jahren hat er nun kaum ein Meeting des Präsidenten verpasst. „Da hocken jeden Tag dieselben Personen auf denselben Sitzgelegenheiten“, erläutert Souza. „Klar, manchmal finde ich meinen Job so aufregend, als guckte ich Farbe beim Trocknen zu. Aber die besten Motive ergeben sich unerwartet.“ Als moderner Hoffotograf setzt Souza den Präsidenten in Szene. Er tut es nicht mit Scheinwerfern und Regieanweisungen, sondern mit Geduld und Intuition. Er rückt den Präsidenten nicht ins rechte Licht, sondern er hofft auf einen Sonnenstrahl, der sich im Oberlicht des Oval Office bricht und eine Alltagssituation verzaubert. „Ich versuche einfach“, sagt Souza nüchtern, „allzeit bereit zu sein.“

Etwa zwei Millionen Fotos dürfte er seit 2009 gemacht haben. Auf den meisten ist Obama zu sehen. Dazu kommen noch die Bilder der drei Fotografen, die Souza zuarbeiten und vor allem der First Lady sowie dem Vizepräsidenten auf den Fersen bleiben. Kein einziges Foto wird gelöscht. „Wir schaffen ein historisches Bildarchiv seiner Präsidentschaft“, erklärt Souza. Seit John F. Kennedy ist Chronistenpflicht die offizielle Begründung für den Aufwand. Nie hätte Souza sich erdreistet, einen neuen Standort für den Apfelvorrat anzuregen. Er will dokumentieren, nicht inszenieren. Jedes Mal, wenn er den Auslöser einer seiner Canon-Spiegelreflexkameras drückt, entsteht ein zeitgeschichtliches Dokument, das man zu archivieren hat. Zwölf Jahre muss die Öffentlichkeit warten, bis sie die Dateiordner durchforsten darf. Denn nur eine winzige Auswahl der Fotos veröffentlicht das Weiße Haus.

© Official White House Photo by Pete Souza Zehn Bälle besuchen die Obamas am Abend ihrer Amtseinführung. Der Weg in die festlich geschmückten Säle ist für die Ehrengäste oft wenig glamourös. „Das ist so ein Foto“, sagt Pete Souza über seinen Schnappschuss aus dem Lastenaufzug, „das sich eigentlich selbst erklärt. Sie trägt sein Jackett, es muss also kalt sein. Und dann haben die beiden einen kurzen Moment der Zweisamkeit. Alle Leute versuchen wegzugucken. Nur ich halte drauf.“

Werden die Leute also in gut vier Jahren beginnen, einen ganz anderen Obama kennenzulernen? Einen Präsidenten, der auch einmal aus der Haut fährt, über Katastrophen verzweifelt oder wenigstens vor Langeweile in der Nase bohrt? „Nein“, sagt der Fotograf bestimmt. Wenn das Archiv im Jahr 2021 die ersten Serien von 2009 freigebe, „dann werden die Leute sagen, dass Pete Souza die Präsidentschaft stets akkurat dargestellt hat“. Gequält spreizt er die Mundwinkel: „Und sie werden sagen, dass Souza kein besonders guter Fotograf ist.“ Natürlich wurmt es ihn, dass auch verwackelte und unterbelichtete Fotos für alle Zeiten auf den Festplatten des Nationalarchivs gespeichert bleiben.

Für alle Zeiten – daran glaubt Souza fest. Sein großes Vorbild, Lyndon B. Johnsons Fotograf Yoichi Okamoto, habe das Ziel schon vor Jahrzehnten benannt: eine Präsidentschaft so zu illustrieren, dass sich die Leute in 500 Jahren eine genaue Vorstellung davon machen können. Werden sich die Menschen in einem halben Jahrtausend aber für Obamas Gesundheitsreform oder Nahostpolitik interessieren? Werden sich die Zeitgenossen des 144. Präsidenten der Vereinigten Staaten daran ergötzen, dass sich der 44. bisweilen auf den Fußboden herabließ, um Faxen mit Kindern zu machen? Können die Leute in ferner Zukunft ermessen, welch ungeheure Lässigkeit aus den Posen des ersten schwarzen amerikanischen Präsidenten sprach? Werden sie überhaupt einen Sinn für eingefrorene Momente haben, für zweidimensionale Fotografien ohne Ton, Bewegung oder Geruch? Souza duldet keine Zweifel. Natürlich könne man im Oval Office auch rund um die Uhr Videokameras laufen lassen und damit lückenlos den Regierungsalltag dokumentieren. „Doch ich bin ein erfahrener Beobachter. Ich würde meinem Blick mehr vertrauen als jeder Videoüberwachung.“

© Official White House Photo by Pete Souza Pete Souza sagt, er habe im Weißen Haus nie persönliche Spannungen zwischen Barack Obama und Hillary Clinton erlebt, seiner ehemaligen Vorwahl-Rivalin, neuen Außenministerin und späteren Wunschnachfolgerin. „Man merkte allerdings, dass sie sich im Weißen Haus bestens auskannte", sagt der Fotograf über die frühere First Lady, „am Anfang deutlich besser als der Präsident.“

Pete Souza hat in den achtziger Jahren schon einmal im Weißen Haus gearbeitet, im Fotografenteam von Ronald Reagan. „Der größte Unterschied ist, dass Reagan sehr viel älter war und ich sehr viel jünger.“ Der Präsident hatte ihm damals fast ein halbes Jahrhundert an Lebenserfahrung voraus. Obama dagegen ist gut sechs Jahre jünger als Souza, der an Silvester seinen 62. Geburtstag feiert. Obama hatte nie Scheu, sich in eine Reihe mit illustren Amtsvorgängern wie Lincoln, Roosevelt oder Kennedy zu stellen. Mit dem Republikaner Reagan pflegt er sich nicht zu vergleichen. „Dabei hatten beide ein ganz ähnliches Naturell", findet Souza. „Auch Reagan wirkte immer ausgeglichen und wurde nie wütend.“ Selbst Obama verliere natürlich gelegentlich die Beherrschung. „Aber bei ihm ist das nicht so sichtbar, wie es bei mir oder bei anderen wäre“, sagt Souza. „Schreit er Leute an? Nein, nie. Seine Emotionen sind subtiler.“

Im Jahr 2005 beauftragte die „Chicago Tribune“ Souza, den jungen Senator Barack Obama bei seinen ersten Schritten in Washington aus der Nähe zu beobachten. „An seinem ersten Tag im Kongress hat er mich überrascht“, berichtet Souza. „Er hat einfach sein Programm abgespult, als wäre ich gar nicht da. Die meisten Politiker wären befangen und würden auf jede Geste achten.“ Obama mochte Souzas Fotos. So entstand Vertrauen. Souza begleitete den Juniorsenator auf Delegationsreisen. Er hielt fest, wie Obama durch Moskau schlenderte, ohne dass ihn irgendwer eines Blickes würdigte. Das ist schon lange Geschichte. In einem Wort, Mister Souza: Wie war Obama damals, als junger Senator? Der Fotograf zögert elf Sekunden lang. „Er fühlte sich wohl in seiner Haut.“ Und als Präsidentschaftskandidat? „Selbstsicher.“ Als junger Präsident? Diesmal überlegt Souza noch länger. „Begierig, das Richtige zu tun.“ Und heute, nach manchen Erfolgen, aber auch vielen Krisen, Rückschlägen und ergrauten Haaren? „Er vertraut seinen Fähigkeiten.“ Als sie ihm den Job anboten, stellte Souza nur eine Forderung: Zugang überall und jederzeit. Kaum jemand im Weißen Haus kann es wie er wagen, einfach ins Büro des Präsidenten zu spazieren. Auch den „Situation Room“ im Keller des Westflügels, die besonders gesicherte Kommandozentrale neben der Kantine, betritt Souza nach Belieben. „Ich will in jedem Meeting sein." Beim Fotografieren aber schaffe er es kaum, dem Gespräch zu folgen. „Ich muss mich um die Belichtung und den Bildaufbau kümmern und darauf achten, dass ich im richtigen Moment auslöse.“

  • © Official White House Photo by Pete Souza Innerhalb von drei Monaten schießt Souza zwei ähnlich aufgebaute und doch grundverschiedene Fotos. Am 1. Mai 2011 verfolgt Obama mit seinen Beratern, wie Spezialkräfte in Pakistan Usama Bin Ladin zur Strecke bringen.
  • © Official White House Photo by Pete Souza Am 17. Juli sieht er mit seiner Frau sowie seinen Töchtern Malia (links) und Sasha im „Treaty Room“, einem Arbeitszimmer auf der Wohnetage des Weißen Hauses, wie die amerikanische Frauen-National-mannschaft im Frankfurter Finale der Fußball-Weltmeisterschaft den Japanerinnen unterliegt. Was die Blicke der Zuschauer bannt, sieht man in beiden Fällen nicht. „Bei dem Fußballspiel habe ich mich bemüht, den Fernseher ins Bild zu bekommen", erzählt Souza. „Aber es ging nicht. In dem Raum ist es ziemlich dunkel, der Bildschirm ist viel zu hell.“

Doch was ist der perfekte Augenblick? Welche Sechzigstelsekunde erklärt einen Sechzehnstundentag? Souzas gewichtigstes Bild begrüßt Berater und Besucher gleich in der Lobby des Westflügels. Es zeigt einen angespannt konzentrierten Obama sowie zwölf Minister, Militärs und andere Mitarbeiter, die am 1. Mai 2011 auf einem Bildschirm die Kommandoaktion in Pakistan verfolgen, bei der Usama Bin Ladin getötet wurde. Den Bildschirm selbst sieht man nicht. Ganze Symposien wurden über die Wucht dieses Fotos abgehalten, das so viel und doch so wenig offenbart. Zwischen Obamas Stabschef und dem Verteidigungsminister sitzt Hillary Clinton, die damalige Außenministerin, und hält sich die Hand vor den Mund. War Obamas Wunschnachfolgerin weniger hart im Nehmen als die Männer? Clinton selbst deutete einmal an, sie leide an Heuschnupfen und habe vielleicht niesen müssen. „Nein, so war es nicht“, sagt Souza, „ich habe mit ihr darüber geredet.“ Während der 40 Minuten, welche die Runde in dem engen Raum verbrachte, schoss Souza viele Fotos, doch nur das eine wurde veröffentlicht. Es sei entstanden, als die Navy Seals in Bin Ladins Anwesen eingedrungen waren und es keine Live-Bilder mehr gab. „Die Stimmung war angespannt. Wenn man sich alle Bilder ansieht, dann hat oft jemand die Hand vor dem Mund, nicht nur die Außenministerin.“ Es komme ihm darauf an, die Atmosphäre korrekt wiederzugeben. „Die Geschichte wird erweisen, dass wir das richtige Foto ausgewählt haben.“ Erst im Mai 2023 darf sich die Welt ein eigenes Urteil bilden. Dann müssen die Archivare die ganze Bildserie von 2011 freigeben.

© Official White House Photo by Pete Souza Nach dem zweiten Amtseid im Januar 2013 fuhren die Obamas in der Präsidentenlimousine zurück zum Weißen Haus. „Spontan habe ich gefragt, ob ich mitfahren darf“, sagt Souza. „Der Präsident frotzelte nur: ‚Aber Michelle und ich wollten doch knutschen.‛ Durch die gepanzerten Scheiben riefen sie den Schaulustigen alles Mögliche zu. Nur dass das draußen natürlich niemand hörte.“

Den Arbeitstag beginnt der Fotograf am frühen Morgen in seinem Büro, das direkt unter dem Oval Office liegt. Wie so viele Dienstzimmer wichtiger Präsidentenberater im engen Westflügel hat es kein Fenster. Dafür wirkt die Kammer erstaunlich großzügig, denn an der Wand hängt ein riesiger Spiegel. Bis zu Bill Clintons Präsidentschaft beschäftigte das Weiße Haus einen eigenen Barbier, und Souzas Büro war sein Salon. Yoichi Okamoto hielt fest, wie Präsident Johnson hier rasiert wurde und dabei Interviews gab. Obama würde das nicht tun. Wenn er vor Fernsehauftritten in der Maske sei, wolle der Präsident nicht fotografiert werden, sagt Souza. Das sei eine Ausnahme, aus Chronistensicht vertretbar. Reagan habe sich damals in ähnlicher Weise geniert, wenn er sich die Hörgeräte eingesetzt habe. Von anderen Präsidenten gibt es dagegen Fotos, wie sie im Pyjama im Bett liegen, umringt von Beratern im Anzug (Johnson) oder tobenden Enkeln (George Bush senior, der damals allerdings erst Vizepräsident war). Niemals würde Souza seinem Boss so auf die Pelle rücken. „Er würde aber auch keine Besprechungen im Schlafzimmer abhalten.“ Geschweige denn auf dem Klo. Johnson regierte auf der Herrentoilette weiter. „Ein Bild von Okamoto zeigt, wie Berater mit dem Präsidenten diskutieren, während der in der Kabine hockt. Man sieht seine bis zu den Knöcheln heruntergelassene Hose.“

Souza betritt die Wohnetage des Weißen Hauses nur auf Einladung. „Ich bin nicht jeden Tag, aber sicher jede Woche oben.“ Und er ist dabei, wenn Obama sich über Weihnachten in Hawaii als Bodysurfer versucht. Doch die wenigsten Privatbilder werden veröffentlicht. Auch bei anderen Motiven legt die Pressestelle ein Veto ein. Souza fotografierte einst Reagan, wie er vom hohen Balkon seines Hotels einen selbst gebastelten Papierflieger auf Los Angeles warf. Das Weiße Haus gab das Bild erst in Reagans letzten Amtstagen frei, als es keine Rolle mehr spielte, ob Linke den Republikaner damit als leichtfertigen Kriegstreiber verspotten würden.

  • © Official White House Photo by Pete Souza Als Souza den Präsidenten im August 2012 auf den Landsitz in Camp David begleitete und beim Tontaubenschießen mit Freunden fotografierte, dachte er nicht daran, das Bild zu veröffentlichen. „Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass das ein Politikum sein könnte.“ Im Januar 2013, kurz nachdem ein Amokläufer in Connecticut viele Grundschüler erschossen hatte, versuchte Obama in einem Interview den Ärger vieler Amerikaner über seine Forderung nach einem strengeren Waffenrecht zu dämpfen. Er bekundete „tiefen Respekt für die jahrhundertalten Traditionen der Jagd" und erzählte offenbar ungeplant: „In Camp David schießen wir ständig aufTontauben.“ Weil das viele Leute nicht glauben wollten, kramte Souza das Bild hervor. Aber er musste lernen, dass sich echte Zweifler im Zeitalter von Photoshop von einem Foto nicht besänftigen lassen. „Überall hieß es, wir hätten das Bild gefälscht.“
  • © Official White House Photo by Pete Souza Obama mit Vize Präsident Joe Biden auf dem Putting Green des Weißen Hauses
  • © Official White House Photo by Pete Souza Barack Obama telefoniert im Auto mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, März 2012.
  • © Official White House Photo by Pete Souza Der Präsident beim Annual Memorial Day am 31. Mai 2010
  • © Official White House Photo by Pete Souza Barack Obama mit Ghostwriter Cody Keenan im Piratengewand im Oval Office
  • © Official White House Photo by Pete Souza Auch das Gedeck zu einem Meeting im Weißen Haus wird fotografisch dokumentiert.

Vor vier Jahren befand sich Souza in der umgekehrten Lage. Obama hatte in einem Interview erzählt, dass er in der Freizeit auf Tontauben schieße. So wollte der Präsident den Vorwurf entkräften, er habe kein Verständnis für Sportschützen und Waffennarren. Souza durchstöberte seine Festplatten und fand ein monatealtes Bild aus Camp David, das den Präsidenten am Abzug zeigte. Das Weiße Haus veröffentlichte die Aufnahme, wenige Wochen nach dem Grundschulmassaker in Connecticut. „Aber dann hieß es überall, wir hätten es mit Photoshop gefälscht.“

Pressefotografen klagen, dass ihr vom Steuerzahler entlohnter und dem Präsidenten höriger Kollege nicht nur viel besseren Zugang erhalte, sondern die Bilder über soziale Netzwerke direkt verbreite. So betreibe das Weiße Haus Propaganda, während sich die meist ausgesperrte freie Presse im Briefing Room die Beine in den Bauch stehe. Scharf gingen Medienvertreter mit Obamas „Kontrollwahn“ ins Gericht. Souza versteht das Lamento. „Seit Jahrzehnten fordern Pressefotografen besseren Zugang, und sie sollten es weiterhin tun.“ Nur habe das nichts mit ihm zu tun. „So wie sich Franklin D. Roosevelt das Radio und Kennedy das Fernsehen nutzbar machten, so nutzt Präsident Obama die neuen Möglichkeiten im Internet, um sich an die Bürger zu wenden.“ Souza erinnert daran, dass Instagram nicht einmal existierte, als Obama sein Amt antrat. Jetzt aber versucht der Fotograf, immer auch ein paar quadratische Bilder mit seinem iPhone zu knipsen, die er auf der Plattform einstellt. Am liebsten Abseitiges: eine Flasche Bourbon mit Obamas Autogramm oder einen turmhohen Stapel von Gesetzentwürfen, die der Präsident immer in den letzten Tagen des Jahres unterzeichnen muss. „Meist geht es dabei nur um die Benennung von Postämtern oder ähnliches.“

© Official White House Photo by Pete Souza Der Präsident läuft mit Familienhund Bo durch denn Ostflügel des Weißen Hauses.

Am Anfang sorgten Obamas Töchter sowie Hund Bo dafür, dass Action vor die Linse kam. Mal schlich sich die kleine Sasha auf allen vieren an ihren Vater heran, mal spurtete der Oberbefehlshaber mit dem First Dog durch den Säulengang zwischen Oval Office und Rosengarten. Eines von Obamas Lieblingsfotos entstand ebenfalls in den ersten Monaten seiner Amtszeit. Ein fünf Jahre alter Afroamerikaner, Sohn einer scheidenden Angestellten im Nationalen Sicherheitsrat, fragte den Präsidenten, „ob mein Haar genauso ist wie deins“. Obama beugte sich herunter und bestand darauf, dass der Junge ihm durch die Frisur wuschelte. Wann immer Souza die Fotos auf den Fluren des Westflügels austauschte, untersagte Obama es ihm, die Aufnahme mit dem Jungen abzuhängen. Auf dem Demokraten-Parteitag im Juli trugen Obama-Fans die Szene als Anhänger am Sakko.

In jüngster Zeit beobachtet der Fotograf eine neue Verspieltheit beim Präsidenten. Je älter seine Töchter werden, desto häufiger bestehe Obama darauf, die kleinen Kinder langjähriger Mitarbeiter kennenzulernen. „Jeden Tag erfährt er in seinem Geheimdienstbriefing von all den üblen Dingen, die in der Welt los sind", sagt Souza. „Da ist es nur gesund, wenn der Präsident zwischendurch mal zwei Minuten lang herumalbert.“ Wenn Obama also hört, dass seine Kommunikationschefin ihre Tochter mit ins Büro brachte, weil die Tagesstätte geschlossen hatte, dann bestellt er beide zu sich. Und vor der Halloween-Party empfängt er kleine Spidermen oder Tiger. Bei Flickr klicken sich die Leute die Finger danach wund.

© Official White House Photo by Pete Souza 1880 schenkte die britische Königin Victoria dem amerikanischen Präsidenten Rutherford Hayes einen Schreibtisch, gezimmert aus dem Holz des demontierten Polarforschungsschiffs „HMS Resolute“. Heute steht er im Oval Office. „Manchmal sitzt Obama auf seinem Schreibtisch, wenn es eine spontane Besprechung gibt“, sagt Souza. „Ein reizvoller Kontrast: seine Beine und der 'Resolute Desk'.“

Meist jettet Souza mit dem Präsidenten herum oder gibt auf einem Sofa zwischen Oval Office und Roosevelt Room Acht, dass er nichts verpasst. Sogar geheiratet hat er hier vor drei Jahren, Obama bestand auf einer Feier im Rosengarten. Souza redet nicht gerne darüber, dazu ist er zu bescheiden. Und weil er so viel aufschnappt, was niemand wissen darf, wird er schmallippig, sobald es nicht um seine Fotos geht. In seinem Büro erinnert ihn ein Foto neben dem Friseurspiegel daran, dass es eine Welt jenseits der Präsidentenblase gibt: ein Selbstporträt von seiner Überquerung des Hindukuschs, damals, als Obamas Vorgänger George W. Bush die Taliban aus Kabul verjagen ließ. Man sieht Berge, zwei Pferde und Souzas Schatten im Schnee.

Pete Souza hatte zuvor bereits den Kosovo-Krieg dokumentiert. „Wenn sie im Situation Room erörtern, ob sie in Syrien oder im Irak dieses oder jenes bombardieren sollen, dann habe ich eine Vorstellung, was das bedeutet.“ In den Krieg will Souza nicht mehr ziehen. Aber der Enkel portugiesischer Einwanderer von den Azoren freut sich darauf, wieder auf eigene Faust zu reisen. Kuba hat ihn fasziniert, als er im März mit Obama dort war. „Nur war ich in der Blase, ich konnte das Land nicht kennenlernen.“ Er will es bald nachholen.

© Official White House Photo by Pete Souza Nach seinem letzten Termin in Jamaika war Obama am 9. April 2015 im Hubschrauber zum Flughafen zurückgeflogen. Pete Souza saß in einem zweiten – es sind aus Sicherheitsgründen immer zwei identische Helikopter in der Luft. „So konnte ich zunächst ein Foto machen, als der Präsident im Hubschrauber landete. An der Treppe zum Flugzeug stand das übliche Verabschiedungskomitee, dort musste ich die Handschläge fotografieren. Danach habe ich mich gefragt, wo er wohl winken wird. Ich rannte unter das Flugzeug – und ich hatte Glück. Mehr nicht.“ Oft ist Souza der Letzte, der an Bord hechtet, bevor die „Air Force One“ zur Startbahn rollt.

2010 durfte ein Fernsehteam Souza begleiten. „Pete und ich sind wie ein altes Ehepaar“, sagte Obama damals vor der Kamera. Souza meint: „Das ist bitter, dass er das vor sechs Jahren schon gesagt hat." Pete gehöre zur Familie, hatte Obama auch verkündet. Souza winkt ab: „Ich würde sagen, wir sind berufliche Freunde. Es ist irgendwie schräg, jeden Tag in der Gegenwart des Präsidenten zu verbringen.“ Souza hält inne. „Wahrscheinlich werde ich es ein wenig vermissen.“

© Picture Alliance Pete Souza, Enkel portugiesischer Einwanderer von den Azoren, hat seit fast acht Jahren als Cheffotograf des Weißen Hauses den Präsidenten beobachtet und verewigt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 12.10.2016 13:54 Uhr