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Potzlow-Prozeß : "Ich habe schon einen umgebracht"

In Neuruppin endet der sogenannte Potzlow-Prozeß gegen die Mörder des Schülers Marinus Schöberl mit hohen Haftstrafen. Das Gericht verurteilte die Angeklagten, den 16jährigen zunächst gequält und schließlich getötet zu haben.

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          Mit hohen Haftstrafen ist am Freitag der sogenannte Potzlow-Prozeß zu Ende gegangen. Das Gericht hatte drei Angeklagte zu verurteilen, die am 12. Juni des vergangenen Jahres im uckermärkischen Potzlow einen sechzehn Jahre alten Jungen zunächst gequält und schließlich getötet hatten.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Einer der Angeklagten, der zum Tatzeitpunkt schon erwachsene Marco Sch., hatte bereits verschiedene Vorstrafen. Er muß für fünfzehn Jahre ins Gefängnis. Sein Bruder Marcel, der das Opfer umgebracht hatte, bekam acht Jahre und sechs Monate. Der dritte Angeklagte Sebastian F. muß für zwei Jahre ins Gefängnis. Die Urteile blieben deutlich unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Die Tat sei ein Mord aus niedrigen Beweggründen gewesen und habe deshalb "moralisch auf tiefster Stufe gestanden". Es habe sich an jenem Abend, ausgelöst durch eine enorme Menge Alkohol, eine "Spirale der Gewalt" ergeben.

          An dem 12. Juni hatten sich Marcel Sch. und Sebastian F. in Potzlow getroffen. Sie kannten sich aus einer gemeinsamen berufsvorbereitenden Ausbildung. Zusammen mit dem älteren Bruder von Marcel, der gerade eine Haftstrafe verbüßt hatte, begannen sie zu trinken. Nach den ersten Bieren und Schnäpsen im Haus der Eltern der beiden Brüder begaben sich die drei zu Bekannten, um dort auf einer Veranda weiterzutrinken. Dort trafen sie auf ihr späteres Opfer. Marinus Schöberl kannte Marcel Sch., weil er früher in Potzlow gewohnt hatte.

          Ohne Grund gequält

          Irgendwann in der Nacht begannen die Angeklagten, ihr Opfer zu quälen. Einen ersichtlichen Grund gab es nach Auffassung des Gerichts nicht, bestenfalls das Aussehen: Schöberl trug blondgefärbte Haare und weite Hosen. Die Angeklagten zwangen ihn, ein Bier-Schnaps-Gemisch zu trinken und zu sagen, daß er Jude sei. Daran, so das Gericht, sei erkennbar gewesen, daß auch rechtes Gedankengut bei der Tat eine Rolle gespielt habe. Marco Sch. und Sebastian F. gehörten, was Auftritt und Musikgeschmack betrifft, zur rechten Szene.

          Marco Sch. schlug auch als erster auf Marinus ein. Sebastian F. folgte und schlug derart zu, daß Schöberl vom Stuhl fiel. Später urinierte Sebastian F. auf das wehrlose Opfer. Schließlich ließen die drei von ihm ab und wollten nach Hause. Unterwegs kam Marco Sch. der Gedanke, Schöberl zu holen und ihm weiter Angst einzujagen. Die Absicht, ihn zu töten, konnte das Gericht da noch nicht erkennen.

          Filmszene nachgestellt

          Schöberl wurde auf das Gelände eines ehemaligen Landwirtschaftsbetriebs mitgenommen und abermals geschlagen. Schließlich zwang Marcel Sch. das Opfer, in einen Steintrog zu beißen. Das Gericht sah es als erwiesen an, daß er eine Szene aus dem Film "American History X" nachstellen wollte, den sogenannten Bordstein-Kick. In dem Film zwingt ein Polizist einen Schwarzen, in eine Steinkante zu beißen, und springt ihm dabei auf den Hinterkopf.

          Marcel Sch. spielte die Szene nach. Er hatte Springerstiefel an, als er auf den Hinterkopf seines Opfers sprang. Das Gericht meint, Marcel Sch. habe dabei fühlen wollen, wie es ist, einen Menschen zu töten. Auch habe er aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus den anderen beiden imponieren wollen, vor allem seinem älteren Bruder. Ob und wie lange das Opfer danach noch lebte, ist nicht mehr nachweisbar.

          Nach Auffassung des Gerichts zielgerichtet gehandelt

          Marcel Sch. gab vor Gericht an, nach dem Fußtritt sei Schöberl zur Seite gefallen und habe noch geröchelt. Marco Sch. sagte: "Den können wir keinem Arzt mehr vorstellen." Zusammen mit seinem Bruder suchte er einen Gasbetonstein und ließ diesen noch zweimal auf den Kopf von Schöberl fallen. Das Gericht stellte fest, daß die Brüder trotz des Alkoholspiegels zielgerichtet handelten. Marcel Sch. habe in Kauf genommen, daß er sein Opfer tötete. Sebastian F. hatte zwar zu den Brüdern gesagt, er wolle nichts mit dem Tod von Schöberl zu tun haben. Er beteiligte sich aber anschließend daran, das Opfer in einer ehemaligen Güllegrube zu verscharren.

          Das Verbrechen wurde erst Monate später, im November des vergangenen Jahres, bekannt, weil Marcel Sch. sich mit der Tat gebrüstet hatte, so mit den als Drohung gegenüber anderen gemeinten Worten: "Ich habe schon einen umgebracht."

          Das Gericht gab in der Urteilsbegründung an, daß alle drei Angeklagten ein geringes intellektuelles Niveau hätten und Alkohol bei der Handlung eine große Rolle gespielt habe. Bei dem älteren Bruder Marco Sch. wird eine Alkoholabhängigkeit angenommen.

          Der achtzehn Jahre alte Marcel Sch. wurde wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung in zwei Fällen verurteilt. Für strafmildernd hielt das Gericht nur, daß er sich von Anfang an zu der Tat bekannt und ein Geständnis abgelegt hatte. Sein sechs Jahre älterer Bruder wurde wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung in vier Fällen verurteilt. Der ebenfalls achtzehn Jahre alte Sebastian F. wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung in vier Fällen verurteilt. Das Gericht machte deutlich, daß es allen drei Verurteilten keine gute Sozialprognose gibt.

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