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„Post-it“ : Zettelchens Traum

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3M-Vorstand McNerney Bild: AP

Vor 25 Jahren erfand der Amerikaner Art Fry die „Post-it“-Haftnotizen. Heute sind die Zettelchen in der halben Welt bekannt. Sie zählen wohl zu den wichtigsten Erfindungen des erfindungsreichen zwanzigsten Jahrhunderts.

          3 Min.

          Sie kleben an Computern, am Telefon, in Zeitschriften und auf dem Kühlschrank. Sie dienen als Einkaufszettel, sie markieren Sehenswertes im Stadtplan und weisen auf das nächste Reiseziel im Urlaubskatalog hin. Die „Post-it“-Haftnotizzettel sind Gedächtnisstütze und Organisationshilfe. Sie zählen wohl zu den wichtigsten Erfindungen des erfindungsreichen zwanzigsten Jahrhunderts. Und nicht nur das, die Zettel weisen auch über sich hinaus: Ihre Ordnung, mal wohl ausgerichtet, mal wild durcheinander, ermöglicht einen guten Blick auf den Arbeitsstil des Benutzers.

          Die Zettelchen, die zu den fünf gebräuchlichsten Büroartikeln gehören und mittlerweile in der halben Welt bekannt sind, wurden Ende Mai 1980, vor 25 Jahren also, erfunden. Mittlerweile gibt es sie nicht mehr nur als kleine fahlgelbe Blöcke, sondern in mehr als 400 Formen und Farben. Der Hersteller - die Minnesota Mining & Manufacturing Company, landläufig eher als 3M bekannt - setzt damit auf der ganzen Welt dreistellige Millionenbeträge um. In Deutschland werden Jahr für Jahr rund viereinhalb Millionen Blöcke verkauft.

          Kleben ohne Spuren

          Deren viereinhalb Milliarden Blatt treiben den jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland pro Jahr auf immerhin 55 Klebezettelchen. Dabei schienen die Anfänge gar nicht erfolgversprechend. Folgt man der Legende, dann beginnt die Geschichte im Jahr 1974, in einer Kirche Minnesotas. Dort war Art Fry, Mitarbeiter der 3M-Forschungsabteilung, ein begeisterter Chorsänger. Immer wieder ärgerte sich der gelernte Chemotechniker, daß die Papierschnipsel, mit denen er im Gesangbuch seine Einsätze markierte, ständig verrutschten. Bei der Lösung des Problems half, wie häufig in der Wissenschaft, der Zufall.

          Fry erinnerte sich seines Kollegen Spencer Silver, der beim Versuch, einen neuen Superkleber zu entwickeln, nur eine schwach klebrige Masse zustande gebracht hatte. Er begann zu experimentieren, baute sich die passenden Apparate und suchte den Kleber so zu verbessern, daß er zwar gut haftete, sich aber, ohne Spuren zu hinterlassen, wieder entfernen ließ. Art Fry hatte Erfolg. Doch zunächst mochte niemand einsehen, daß sich mit dieser Idee auch Geld verdienen ließ. Sogar für den ehemaligen Konzernchef waren die ersten Laborexemplare zunächst nur „ein klebriges Stück Papier“.

          „Das macht süchtig“

          Beim Kaffee, so wird kolportiert, kam die Erleuchtung. Zuvor hatten Fry und dessen Chef Bob Molenda begonnen, via Haftnotiz Informationen auszutauschen: Fry schrieb eine Bemerkung auf einen seiner Klebezettel, heftete es auf einen Aktenstapel und schickte es an seinen Chef. Der antwortete auf dem gleichen Zettel, geklebt auf andere Papiere. Nach häufigem Hin und Her stand auf einer der Notizen: „Hey, das macht süchtig!“ Ein neues Kommunikationsmittel war geboren. Das aber mochte trotz intensiver Werbung zunächst kaum jemand kaufen.

          Bei 3M entschied man sich zu einer ungewöhnlichen Aktion. Die Klebeblöcke wurden an die Chefs von rund 500 Unternehmen geschickt. Trainer erklärten den Mitarbeitern, wie man sinnvoll Zettelchen klebt. Tatsächlich führte die Aktion „Innovation zum Anfassen“ zum Ziel. Die Haftnotizen wurden zum Renner. In mehr als 100 Ländern wird heute geklebt. Würde man die „Post-it“-Jahresproduktion Zettel für Zettel aneinanderkleben, so käme man auf rund zehn Millionen Kilometer. Die Strecke zum Mond wäre damit gleich fünfundzwanzigfach zugepflastert.

          Zwischenlager für Gedanken

          Erfolgreiche Innovation müssen den Alltag erreichen. Nicht nur mit den „Post its“ hat 3M das geschafft. So wurde dort 1923 das wasserfeste Schleifpapier erdacht. Das erste Klebeband für die Automobilindustrie entwickelte man 1925, um bei zweifarbig lackierten Automobilen die bereits fertig gestellten Teile abzudecken. 1930 brachte das Unternehmen die ersten transparenten Klebebänder auf den Markt. Das erste Audio-Magnetband präsentierte man 1947. Und auch die Erfindung des Overheadprojektors, 1960, reklamiert 3M für sich.

          Aber nichts von alledem haftet so im Gedächtnis wie die kleinen gelben Dinger. Die Zettel, Zwischenlager für Gedanken, haben den Alltag erobert, haben es vom Büro ins traute Heim geschafft und auf diesem Weg schrille Neonfarben angenommen und feines Pastell. Heute treten sie in Herzform auf, als Glücksschwein oder Kleeblatt, vom Indexstreifen bis zum übergroßen Meeting-Chart von etwa 61 mal 51 Zentimetern, der größten Haftnotiz der Welt. Sogar eine Softwareversion, mit der man Dokumente im PC markieren und verschicken kann, soll demnächst zu haben sein.

          Schwer kopierbar

          Was man heute zwischen Portugal und der Mongolei, zwischen Finnland und Südafrika verklebt, wird rund um die Uhr in Beauchamp nahe Paris produziert. Die Produktion erinnert an eine kleine Papierfabrik. Was einmal eine Haftnotiz werden soll, wird dort als 800 bis 900 Kilogramm schwere etwa 9000 Meter lange Papierrolle angeliefert, zunächst mit Haftgrund und Kleber beschichtet und in anderthalb mal anderthalb Meter messende „Mastersheets“ geteilt. Zu jeweils hundert Seiten gestapelt, wird das Papier dann aufs richtige Format zugeschnitten - und fertig sind die „Post-it“-Blöcke.

          Noch immer tun sich Wettbewerber schwer, die Marktführerschaft von 3M zu brechen. Offenbar ist es nicht einfach, einen Kleber herzustellen, der sich rückstandsfrei lösen und umkleben läßt und der dabei trotzdem gut haftet. Vor zwei Jahren wurde gar ein Material patentiert, dessen Chemie die Klebenotizen auch auf rauhem Untergrund und in der Vertikalen sicher fixiert, aber trotzdem leicht wieder zu entfernen ist. Auch hierfür gilt, was der heute 74 Jahre alte Art Fry einmal sagte: „Nicht alles, was simpel erscheint, ist es auch.“

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