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Verheerende Waldbrände : Behördenversagen oder „Feuerterrorismus“?

Tödliches Feuerinferno: Portugal und Spanien werden von schweren Bränden erschüttert. Bild: Trigo/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Wieder werden Portugal und Spanien von schweren Waldbränden heimgesucht. Dutzende Menschen sind den Flammen zum Opfer gefallen. Tragen die Regierungen eine Mitschuld an der Katastrophe?

          Portugal trauert. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Regierung drei Tage Staatstrauer angeordnet. Noch brennen die letzten Feuer, doch schon die bisherige Bilanz ist verheerend: 37 Menschen kamen während der zweiten großen Brandkatastrophe innerhalb von weniger als vier Monaten ums Leben. Mitte Juni gedachte das Land mit Staatstrauer der 64 Menschen, die beim größten Waldbrand in der Geschichte des kleinen Landes bei Pedrógão Grande ihr Leben verloren hatten. Portugal bekommt die zahlreichen Feuer nicht mehr in den Griff: Am Sonntag brannte es gleichzeitig an gut 500 verschiedenen Stellen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ähnlich hilflos wie schon im Juni wirken auch nun wieder die Versprechen des portugiesischen Ministerpräsidenten António Costa. Die Reformen seiner sozialistischen Minderheitsregierung seit den Waldbränden bei Pedrógão Grande haben noch nicht gegriffen. Jetzt werde man aber damit Ernst machen, verspricht Costa und kündigt an, aus der schon verbesserten Brandprävention die beste überhaupt zu machen.

          Portugals Rettungskräfte sind überfordert

          Im Juli hat die portugiesische Regierung eine umfangreiche Forstreform beschlossen. Sie sieht zum Beispiel vor, die Fläche für den Anbau von Eukalyptus-Bäumen schrittweise zu verringern. Die Monokulturen mit den leicht entflammbaren Bäumen wirken wie Brandbeschleuniger. Portugal will zudem die Feuerwehren besser ausstatten und eigene Löschflugzeuge anschaffen. Im Parlament streiten die Parteien bis heute noch über einen Teil der Reformen, die bei den jüngsten Bränden in der Mitte und dem Norden Portugals noch keine Wirkung entfalten konnten.

          Wie sehr die portugiesischen Rettungskräfte überfordert sind, machte der Bericht deutlich, den am vergangenen Donnerstag ein von der Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss unabhängiger Fachleute zur Brandkatastrophe bei Pedrógão Grande vorlegte. „Ein frühzeitiger Alarm hätte die Mehrheit der Todesfälle verhindern können“, heißt es. Die Koordination der ungenügend vorbereiteten Rettungskräfte habe schlecht funktioniert, ihr Kommunikationssystem versagt. Die Behörden hätten zudem die Gefahren der ersten Feuer unterschätzt und dadurch wertvolle Zeit verloren. Viele Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren seien schlecht ausgebildet.

          Experten warnen vor einfachen Erklärungen

          Mit deutlichen Worten warnen die Fachleute die Politiker davor, es sich mit ihren Erklärungen der Ursachen zu einfach zu machen und zu wenig zu unternehmen: Es sei ein „Mythos“, der vor allem in sozialen Netzwerken im Internet kursiere, dass die meisten Waldbrände einen kriminellen Hintergrund hätten. In Pedrógão Grande gibt es jedoch bis heute keine Beweise für Brandstiftung. Dort halten Experten die Blitze eines Trockengewitters weiterhin für die wahrscheinlichste Ursache.

          Über die Gründe für die Waldbrände, die am vergangenen Wochenende ausbrachen, gehen die Meinungen auseinander. Während der Feuerwehrverband eine „terroristische Organisation“ am Werk sieht und ein Staatssekretär im Innenministerium bei den meisten Feuern von Brandstiftung spricht, warnt die Ressortleiterin Constança Urbano vor voreiligen Schlüssen: Es könnte sich auch um Fahrlässigkeit gehandelt haben, sagt die portugiesische Innenministerin. Nach Einschätzung der portugiesischen Zivilschutzbehörde sind in mehr als 95Prozent der Fälle Menschen die Verursacher – ob absichtlich oder aus mangelnder Vorsicht. Die mehreren hundert nachgewiesenen Fälle der vergangenen Jahre ermöglichten es den Ermittlern, ein Profil der Brandstifter zu erstellen. Die meisten von ihnen sind demnach alleinstehende und oft arbeitslose Männer mit geringer oder keiner Schulbildung im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Viele haben eine kriminelle Vergangenheit, waren in psychiatrischer Behandlung und haben Alkoholprobleme. Rachsucht und Frustration werden als Motive genannt.

          Spanischer Brandschutz offenbart Lücken

          Auch hinter den verheerenden Bränden in Spanien vermuten die Behörden Brandstifter. Einige der insgesamt mehr als 160 Feuer in Galicien und Asturien hatten sich aus Portugal über die Grenze hinweg ausgebreitet. Starker und warmer Wind trug dazu bei, dass sich die Feuerwalzen schnell über ganze Landstriche hinwegbewegten und in Spanien vier Menschen töteten. Hinzu kam die große Trockenheit, die seit Wochen auf der Iberischen Halbinsel herrscht und den Flammen viel Nahrung bot. „Wir sind darauf vorbereitet, Brände zu löschen. Aber wir sind nicht auf Brandstifter vorbereitet“, sagte die spanische Landwirtschaftsministerin Isabel García Tejerina, nachdem auch in Spanien die Rettungskräfte kritisiert worden waren: 95 Prozent der Brände seien diesmal auf menschliche Einwirkung zurückzuführen; die Hälfte davon sei mit Absicht gelegt worden. Wobei es sich auch um Waldbesitzer handeln kann, die kleine Feuer entfachen, um Unkraut und Dickicht zu vernichten. Der Chef der galizischen Regionalregierung, Núñez Feijóo, sprach sogar von „Feuerterrorismus“. Die Polizei ermittelt laut Presseberichten gegen 20 Verdächtige, die auf organisierte Weise Brände gelegt haben sollen.

          Doch auch beim spanischen Brandschutz gab es offenbar Lücken. Galicische Oppositionspolitiker wiesen darauf hin, dass vor kurzer Zeit die befristeten Arbeitsverträge von mehr als 400 Feuerwehrleuten abgelaufen seien, obwohl die Brandgefahr nicht abgenommen habe.

          Am Dienstag kam der Feuerwehr in Nordspanien und in Portugal zumindest das Wetter zur Hilfe. Sinkende Temperaturen, abnehmende Winde und einsetzende Regenfälle trugen dazu bei, dass sich die Feuer nicht mehr weiter ausbreiteten und die Rettungskräfte die meisten Brandherde unter Kontrolle bekamen.

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