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Portugal : Casa-Pia-Angeklagte verurteilt

  • -Aktualisiert am

Tränen der Erleichterung: Ein früheres Opfer nach der Urteilsverkündung Bild: dpa

Nach fünf Jahren und zehn Monaten wird das Urteil im „Casa Pia“-Prozess gefällt. Die sieben Angeklagten, welche Waisenkinder der gemeinnützigen Institution „Casa Pia“ missbrauchten, erhalten die Höchststrafe von 25 Jahren.

          Die Verbrechen in dem unfrommen Haus zu Lissabon bleiben nun doch nicht ungesühnt: nach einem endlos anmutenden Prozess – er dauerte fünf Jahre und zehn Monate – sind am Freitag alle sieben Angeklagten des Missbrauchs von Waisenkindern in der gemeinnützigen Institution „Casa Pia“ schuldig gesprochen worden. Unter ihnen sind der einstmals beliebteste Fernsehmoderator des Landes Carlos Cruz und der mit zahlreichen Auszeichnungen geehrte frühere Botschafter Jorge Ritto und der Unternehmer Manuel Abrantes. Die Verlesung des Urteils, das Hunderte Seiten umfasst, nahm allein Stunden in Anspruch, so dass das genaue Strafmaß – Höchststrafe 25 Jahre Haft – erst am Abend bekannt gegeben werden sollte. Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Freiheitsstrafe für die Angeklagten gefordert

          Es waren Leute aus Portugals Elite, die, wie das umfangreiche Beweismaterial an den Tag brachte, die Schwächsten auf der sozialen Leiter aus- und benutzten, um ihre pädophilen Begierden zu befriedigen. 32 der Opfer, die als inzwischen als zum Teil schon erwachsene Zeugen der Anklage aussagten, hatten über nächtliche Autofahrten zu Orgien mit Druck und Gewalt berichtet. Ein Junge gab an, von dem Fernsehmann einmal fünftausend Escudos – es war vor der Euro-Zeit – als Belohnung erhalten zu haben. Manchen Zeugen im Laufe des Verfahrens der Mut, weil die Verschleppungstaktiken der einflussreichen Beschuldigten und die schiere Trägheit der lusitanischen Justiz nicht zu einem Ausweg aus dem Labyrinth zu führen schienen. Die Furcht, gar als Lügner dazustehen, reichte bis zu Selbstmordversuchen.

          Von den sieben Angeklagten war nur einer geständig

          Der Albtraum ist jetzt vielleicht noch nicht einmal vorüber. Die Verurteilungen in dem längsten Verfahren der portugiesischen Justizgeschichte ist jedoch für das Land nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine gesellschaftspolitische Zäsur. Von den sieben Angeklagten – die sechs Männer und Gertrudes Nunes, eine als Zuhälterin und Quartierbeschafferin fungierende Frau – war nur einer geständig: der Gärtner. Carlos Silvino alias Bibi war als Faktotum der Casa Pia ein Allzweckmann. Er gab zu, bei Organisation und Logistik sowie als direkt Beteiligter eine Schlüsselfigur gewesen zu sein. Seine „Kundschaft“ stritt alles als böswillige Erfindung ab.

          Erste Mutmaßungen, dass in dem Kinderheim seltsame und unanständige Dinge passierten, waren schon in den achtziger Jahre in Umlauf gekommen. Es sollte aber bis zum Jahr 2002 dauern, bis ein „Ehemaliger“ einer portugiesischen Journalistin Einzelheiten berichtete. Im November jenes Jahres wurde dann als Erster „Bibi“ festgenommen. Er gestand in der Untersuchungshaft. Im Dezember wurden dann die jetzt Verurteilten und zwei weitere Verdächtige, unter ihnen der sozialistische Politiker Paulo Pedroso, der Kinderschändung beschuldigt. Nur gegen die beiden Letztgenannten fand sich offenbar kein hinreichendes Beweismaterial. Die Anderen kamen nach einer Weile auch alle wieder auf freien Fuß, weil die gesetzlichen Fristen für die Untersuchungshaft längst überschritten waren.

          Acht Jahre Ermittlungen und schließlich 461 Sitzungstage mit der Anhörung von fast tausend Zeugen und Sachverständigen zogen sich hin. In der Zwischenzeit wurde das portugiesische Strafrecht zur Pädophilie vom Gesetzgeber mehrfach geändert und verschärft. Was die Delikte aus den neunziger Jahren anging, so waren die Richter indes gehalten, sie nach den früheren Regeln so günstig wie möglich für die Angeklagten auszulegen.

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