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Portrait : Alles unter ihrem Schirm

  • -Aktualisiert am

Eva Köhler in ihrem Haus in Washington Bild: Christoph Bangert

Ist sie die passende „First Lady“ für Deutschland? Zu Besuch bei Eva Köhler, Frau des Bundespräsidenten-Kandidaten Horst Köhler, in Washington.

          7 Min.

          "Das Schild stört", sagt Eva Köhler und schüttelt bedauernd den Kopf. In der Tat ist die große Tafel des Immobilienmaklers nicht gerade eine Zierde für den Vorgarten, in dem Azaleen, Hartriegel und Männertreu blühen. Aber schließlich muß ein Käufer für den zweistöckigen Backsteinbau mit den cremefarbenen Sprossenfenstern in der Nähe der National Cathedral von Washington gefunden werden.

          Das Ehepaar Köhler wird künftig in Berlin wohnen. "Dort wollten wir ohnehin irgendwann hin", sagt Eva Köhler. "Aber daß es so schnell gehen würde, hatten wir natürlich nicht gedacht." In vier Wochen, am 23. Mai, wird Horst Köhler wahrscheinlich zum neunten Bundespräsidenten gewählt und seine Frau damit Deutschlands neue "First Lady".

          "Ein sehr angenehmer Mensch"

          Schon jetzt sieht Eva Luise Köhler, wie die gebürtige Ludwigsburgerin aus Baden-Württemberg mit vollem Namen heißt, sehr repräsentabel aus. Ihre Garderobe an diesem warmen Frühlingstag - der enggeschnittene weiße Strickrock und das schwarze kurzärmelige Oberteil, die schwarzen Sandalen mit halbhohem Absatz und die mehrreihige Silberkette mit grauen und weißen Perlen - würde auch die Ehefrau des Bundespräsidenten gut kleiden.

          Eva und Horst Köhler am Cospudener See bei Markkleeberg nahe Leipzig. Hier verbrachte Horst Köhler acht Jahre seiner Kindheit
          Eva und Horst Köhler am Cospudener See bei Markkleeberg nahe Leipzig. Hier verbrachte Horst Köhler acht Jahre seiner Kindheit : Bild: dpa

          Eva Köhlers elegant-sportliche Erscheinung ist in Washington auch jenen aufgefallen, die sie nicht als "First Lady" des Internationalen Währungsfonds (IWF) kannten. "Vornehm" im besten Sinne des Wortes sei sie: freundlich, interessiert und trotzdem diskret; "ein sehr angenehmer Mensch". Für die neue Aufgabe in Berlin bringt die Frau des bisherigen IWF-Chefs aber nicht nur Weltläufigkeit vom internationalen Parkett mit, sondern auch Erfahrungen, die sie mit zahlreichen Frauen in Deutschland teilt. Vor allem weiß die ehemalige Grundschullehrerin, deren Tochter an der unheilbaren Augenkrankheit "Retinitis Pigmentosa" leidet und deren Sohn mit 17 Jahren überraschend Vater wurde, welche Anstrengung es kostet, Beruf, Kinder und die Karriere des Mannes unter einen Hut zu bringen und dabei sämtliche Familienmitglieder einschließlich der pflegebedürftigen Schwiegermutter und sich selbst bei guter Laune zu halten.

          Fehlende Flecken

          Zur Zeit beschäftigt Eva Köhler natürlich vor allem der Umzug nach Berlin. Im Haus in der Fulton Street ist von dem bevorstehenden Aufbruch aber noch nicht viel zu spüren. Auf dem Eßtisch, vor einem Spiegel mit gewaltigem Silberrahmen, steht ein Strauß frischer Rosen, und die Arbeiten des Frankfurter Künstlers Reinhard Roy, mit dem Eva und Horst Köhler befreundet sind, hängen noch an der Wohnzimmerwand.

          Neben dem Sofa, das ebenso wie die anderen Sitzmöbel so hell bezogen ist, daß man sich über die fehlenden Flecken wundert, steht nach wie vor die Skulptur Giorgio de Chiricos, und auf dem Tischchen in dem kleinen Gartenzimmer liegt ein Buch von Hans Magnus Enzensberger, das die Hausherrin schnell durch eine Schale mit Bahlsen-Keksen ersetzt. Wenn es im Hause Köhler herumliegende Zeitungen und herumstehende Schuhe oder Inseln lästig-unentbehrlichen Kleinkrams mit Notizzetteln, Schlüsseln und Kleingeld gibt, dann jedenfalls nicht hier, wo der bisherige IWF-Chef und seine Frau ranghohe Gäste zum Dinner empfangen, bei dem mit weißen Handschuhen serviert wird.

          In Deutschland zu Hause

          Privat werden Eva und Horst Köhler demnächst wahrscheinlich im Berliner Bezirk Charlottenburg wohnen, wo sie vor eineinhalb Jahren eine Altbauwohnung kauften. "Mit der Entscheidung für die Wohnung war zugleich klar, daß wir nach Deutschland zurückkehren würden", sagt die potentielle First Lady. "Mit dem Amt des Bundespräsidenten hatte das natürlich gar nichts zu tun. Aber ich hab' an mir festgestellt, daß ich doch immer noch sehr nach Europa und Deutschland orientiert bin, daß mein Denken sehr mit Deutschland verbunden ist." Zum Beispiel liest sie täglich deutsche Zeitungen im Internet.

          Und so weiß Eva Köhler auch, daß "Big Brother" "die Sendung mit dem Container" ist, auch wenn sie das "nicht wirklich interessiert". Vor allem aber bekomme sie durch ihre beiden Kinder, die in Deutschland studieren, und durch Gespräche mit ihren Schwestern, denen sie sehr nahestehe, mit, was in Deutschland passiere. Mit den Kindern, der 31 Jahre alten Ulrike, die in Frankfurt Germanistik, Englisch und Italienisch studiert, und dem 27 Jahre alten Sohn Jochen, der wie sein Vater Volkswirt werden will und in Köln studiert, telefoniert sie etwa jeden zweiten Tag. "Das hier ist zwar jetzt das Zuhause", sagt Eva Köhler und beschreibt mit dem Arm eine Runde durch Küche, Garten- und Wohnzimmer. "Aber wirklich zu Hause sind wir eigentlich in Deutschland."

          Repräsentieren, Gäste empfangen und sich engagieren

          Nach Washington kam das Ehepaar Köhler vor vier Jahren, nach einem zweijährigen Aufenthalt in London, wo Horst Köhler Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung war. Zu Amerika und den Amerikanern habe sie "eine sehr positive Grundeinstellung", sagt Eva Köhler. Die Nachbarn seien reizend. "Und daß Kassiererinnen Ihnen im Supermarkt Komplimente zu Ihren Ohrringen machen, würde bei uns in Deutschland wahrscheinlich so nicht passieren." Froh ist die potentielle First Lady aber darüber, daß sie bislang keine Bekanntschaft mit der amerikanischen Polizei machen mußte, "die ja nicht gerade zimperlich vorgeht". Nicht geheuer ist ihr auch, daß es in Amerika recht einfach sei, an Waffen heranzukommen. Außerdem findet sie es "nicht gut", daß man in den Vereinigten Staaten so leicht verklagt werden könne "und entweder ganz reich oder ganz arm sein muß, um das dann auszuhalten".

          Eva Köhlers Pflichten in Washington ähnelten in vieler Hinsicht den Aufgaben, die sie demnächst wahrscheinlich in Berlin erwarten: repräsentieren, Gäste empfangen und sich für gute Zwecke engagieren. Als Frau des IWF-Chefs war sie zum Beispiel Ehrenvorsitzende der Vereinigung, die sich um die Partner und Familienangehörigen der IWF-Mitarbeiter kümmert. Zu Eva Köhlers Lieblingsprojekten gehörte ein Buch, das Jugendlichen die Arbeit der Organisation besser verständlich machen soll.

          Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und in der Zeit, als die Heckenschützen im Umkreis von Washington ihr Unwesen trieben, war sie im IWF außerdem als Ratgeberin, Trösterin und Mutmacherin gefragt. Überdies waren unter ihrer passionierten Vorgängerin Brigitte Camdessus zahlreiche Initiativen und Projekte für die Familienangehörigen der Fondsmitarbeiter entstanden. Deshalb gab es hochgesteckte und womöglich auch übertriebene Erwartungen an die neue Ehrenvorsitzende, die zum Teil in Spannungen und Enttäuschungen mündeten.

          Musik liegt in der Luft

          Wenn Eva Köhler sich und anderen eine Freude machen will, dann singt sie. "Am liebsten Motetten und Requien." Musik spielte schon in ihrem Elternhaus eine wichtige Rolle. Die Mutter, Irma Bohnet, spielte Klavier, und der Vater, Albrecht Bohnet, ein Bankkaufmann, der gerne Sänger geworden wäre, stimmte dazu Lieder an. Er komponierte auch selbst Liedchen, die seine drei Töchter zum besten gaben und die dann sogar auf Schallplatte aufgenommen wurde. Ein Kompendium dieser Hausmusik gibt es noch.

          Zum 50. Geburtstag habe sie von ihrem Mann eine CD mit den alten Liedern bekommen, erzählt Eva Köhler. Im Elternhaus wurzelte auch ihre Neigung zu den Sozialdemokraten. Ihre Examensarbeit an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, wo die angehende Lehrerin Literatur, Geschichte und Politik studierte, schrieb sie über die Anfänge der Gewerkschaftsbewegung. Anfang der siebziger Jahre, nach Heirat und Geburt ihrer Tochter in Herrenberg-Mönchberg bei Tübingen, wo die Familie ein Haus gebaut hatte, wurde sie SPD-Mitglied. Die Begeisterung für Willy Brandts Ostpolitik sei der Grund dafür gewesen, erläutert Eva Köhler. Die Politik von "Brandt-Enkel" Oskar Lafontaine gefiel ihr dagegen überhaupt nicht mehr. Deshalb gab sie 1990 ihr Parteibuch zurück.

          Generelles Interesse an Politik

          Der "Ablösungsprozeß" habe aber schon viel früher eingesetzt. Mißfallen habe ihr vor allem das zunehmende Bestreben der SPD-Führung bereitet, durch staatliche Regulierung soziale Gerechtigkeit zu schaffen, erinnert sich die Frau des Bundespräsidenten-Kandidaten von Union und FDP. Vermutungen, daß sie auf sanften Druck ihres Mannes die SPD verlassen habe, weist sie amüsiert zurück. "Im Leben nicht", sagt sie und schüttelt lachend den Kopf. "Schließlich habe ich ihm auch erlaubt, in die CDU einzutreten." Wichtig sei für sie beide das generelle Interesse des jeweils anderen für Politik und Gesellschaft.

          Für die siebzehnjährige Eva Bohnet zählte anfangs freilich mehr das Aussehen. "Mein Mann war sehr attraktiv, und zwar ganz objektiv betrachtet", versichert sie. Die langersehnte Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen, ergab sich dann nach einem - getrennten - Kinobesuch dank eines heftigen Regenschauers. "Mein Mann, der einen ähnlichen Nachhauseweg hatte, fragte, ob er unter meinen Schirm kommen dürfte." Er durfte. "Bei diesem ersten gemeinsamen Spaziergang haben wir uns ausführlich über den Philosophen Eduard Spranger unterhalten. Ein hochgeistiges Gespräch war das", sagt sie lachend. "Geküßt haben wir uns damals noch nicht."

          Ein Freund der offenen Worte

          Ebenso wie Horst Köhler schätzt Eva Köhler offene Worte. "Wir sprechen Dinge, die wir zu bereden haben, schon klar an", beschreibt sie Gespräche mit ihrem Mann, der im übrigen "nicht cholerisch", sondern "ruhig und bestimmt" sei. Auch sei er derjenige, der eher nachgebe, wenn sie sich ausnahmsweise nicht einig werden könnten. "Aber das kommt nur ganz selten vor." An der Arbeit ihres Mannes hat die potentielle First Lady "eigentlich von Anfang an" regen Anteil genommen; schon damals, als Horst Köhler noch am Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen arbeitete, später, als er in die Politik wechselte und die Familie erst nach Meckenheim bei Bonn, dann nach Kiel und dann wieder nach Meckenheim zog, sowie während seiner weiteren Berufsstationen beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn, bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London und schließlich beim IWF in Washington. "Es ist schon wichtig für mich gewesen, daß ich mich mit seinen beruflichen Zielen identifizieren konnte", sagt sie, "vor allem, da unser Leben häufig durch Abwesenheit geprägt war." Sie habe sich schon überlegt: "Wofür ist er jetzt dauernd weg, und wofür mußt du jetzt viele Dinge alleine machen?"

          Auf zahlreichen Auslandsreisen hat Eva Köhler ihren Mann freilich auch begleitet. Sie war zum Beispiel mit in Kenia, Mali, Tansania und Burkina Faso, wo sie Schulen, Kranken- und Waisenhäuser besuchte und sich in den Armenvierteln über Hilfsprojekte informierte. Ihre Eindrücke hätten mit dazu beigetragen, daß die Armutsbekämpfung unter Köhlers Führung zu einem wichtigen Pfeiler der Arbeit des IWF wurde, heißt es in Washington. Dem Kampf gegen die Armut würde sie sich auch gern als Bundespräsidentengattin widmen.

          Auch einem Projekt für Blinde würde sie sich "sicher nicht verschließen", sagt Eva Köhler, die mit ihrer Tochter jahrelang von einem Arzt zum anderen fuhr, ohne daß die Mediziner den allmählichen Verlust der Sehfähigkeit aufhalten konnten. "Aber noch ist mein Mann ja gar nicht gewählt!" Deshalb wolle sie jetzt auch noch keine großen Pläne schmieden. Aber Visionen für die Amtszeit hat sie schon: Integration sei wichtig, die Einheit Deutschlands, ein friedliches Europa und vor allem das Bewußtsein, "daß die Freiheit, die wir genießen, ein ganz wertvolles und keineswegs selbstverständliches Gut ist". Wie es gelingen kann, den Menschen in Deutschland auch Mut zuzusprechen, darüber will Eva Köhler noch ein bißchen nachdenken. "Das soll ja schließlich kein hohles Geschwätz werden."

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