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Portrait : Alles unter ihrem Schirm

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Generelles Interesse an Politik

Der "Ablösungsprozeß" habe aber schon viel früher eingesetzt. Mißfallen habe ihr vor allem das zunehmende Bestreben der SPD-Führung bereitet, durch staatliche Regulierung soziale Gerechtigkeit zu schaffen, erinnert sich die Frau des Bundespräsidenten-Kandidaten von Union und FDP. Vermutungen, daß sie auf sanften Druck ihres Mannes die SPD verlassen habe, weist sie amüsiert zurück. "Im Leben nicht", sagt sie und schüttelt lachend den Kopf. "Schließlich habe ich ihm auch erlaubt, in die CDU einzutreten." Wichtig sei für sie beide das generelle Interesse des jeweils anderen für Politik und Gesellschaft.

Für die siebzehnjährige Eva Bohnet zählte anfangs freilich mehr das Aussehen. "Mein Mann war sehr attraktiv, und zwar ganz objektiv betrachtet", versichert sie. Die langersehnte Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen, ergab sich dann nach einem - getrennten - Kinobesuch dank eines heftigen Regenschauers. "Mein Mann, der einen ähnlichen Nachhauseweg hatte, fragte, ob er unter meinen Schirm kommen dürfte." Er durfte. "Bei diesem ersten gemeinsamen Spaziergang haben wir uns ausführlich über den Philosophen Eduard Spranger unterhalten. Ein hochgeistiges Gespräch war das", sagt sie lachend. "Geküßt haben wir uns damals noch nicht."

Ein Freund der offenen Worte

Ebenso wie Horst Köhler schätzt Eva Köhler offene Worte. "Wir sprechen Dinge, die wir zu bereden haben, schon klar an", beschreibt sie Gespräche mit ihrem Mann, der im übrigen "nicht cholerisch", sondern "ruhig und bestimmt" sei. Auch sei er derjenige, der eher nachgebe, wenn sie sich ausnahmsweise nicht einig werden könnten. "Aber das kommt nur ganz selten vor." An der Arbeit ihres Mannes hat die potentielle First Lady "eigentlich von Anfang an" regen Anteil genommen; schon damals, als Horst Köhler noch am Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen arbeitete, später, als er in die Politik wechselte und die Familie erst nach Meckenheim bei Bonn, dann nach Kiel und dann wieder nach Meckenheim zog, sowie während seiner weiteren Berufsstationen beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn, bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London und schließlich beim IWF in Washington. "Es ist schon wichtig für mich gewesen, daß ich mich mit seinen beruflichen Zielen identifizieren konnte", sagt sie, "vor allem, da unser Leben häufig durch Abwesenheit geprägt war." Sie habe sich schon überlegt: "Wofür ist er jetzt dauernd weg, und wofür mußt du jetzt viele Dinge alleine machen?"

Auf zahlreichen Auslandsreisen hat Eva Köhler ihren Mann freilich auch begleitet. Sie war zum Beispiel mit in Kenia, Mali, Tansania und Burkina Faso, wo sie Schulen, Kranken- und Waisenhäuser besuchte und sich in den Armenvierteln über Hilfsprojekte informierte. Ihre Eindrücke hätten mit dazu beigetragen, daß die Armutsbekämpfung unter Köhlers Führung zu einem wichtigen Pfeiler der Arbeit des IWF wurde, heißt es in Washington. Dem Kampf gegen die Armut würde sie sich auch gern als Bundespräsidentengattin widmen.

Auch einem Projekt für Blinde würde sie sich "sicher nicht verschließen", sagt Eva Köhler, die mit ihrer Tochter jahrelang von einem Arzt zum anderen fuhr, ohne daß die Mediziner den allmählichen Verlust der Sehfähigkeit aufhalten konnten. "Aber noch ist mein Mann ja gar nicht gewählt!" Deshalb wolle sie jetzt auch noch keine großen Pläne schmieden. Aber Visionen für die Amtszeit hat sie schon: Integration sei wichtig, die Einheit Deutschlands, ein friedliches Europa und vor allem das Bewußtsein, "daß die Freiheit, die wir genießen, ein ganz wertvolles und keineswegs selbstverständliches Gut ist". Wie es gelingen kann, den Menschen in Deutschland auch Mut zuzusprechen, darüber will Eva Köhler noch ein bißchen nachdenken. "Das soll ja schließlich kein hohles Geschwätz werden."

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