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Pornoindustrie : Die Nackten und die Toten

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Vor zwei Jahren erschütterte ein Aids-Skandal die kalifornische Pornoindustrie. Ein Darsteller hatte sich mit dem HI-Virus infiziert und drei seiner Partnerinnen angesteckt. Danach sollten Kondome für sicheren Sex sorgen. Doch heute heißt es wieder: „Business as usual“.

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          „Pornywood“ ist auf keiner Landkarte zu finden - und doch nicht zu verfehlen. Man stößt nicht nur darauf, wenn man von Hollywood aus über den Laurel Canyon fährt, sondern auch in DVD-Regalen, dem Internet und den einschlägigen Sendern des Bezahlfernsehens. „Pornywood“, eine Umschreibung für das San Fernando Valley im Norden von Los Angeles, gilt seit den siebziger Jahren als Zentrum der amerikanischen Sexindustrie. Mehr als 10.000 Filme aller möglichen Spielarten von „Oral Ecstasy“ bis „Bondage“ werden von dort jedes Jahr in Wohn-, Schlaf- und Hotelzimmer auf der ganzen Welt geschickt und bescheren den Studios geschätzte zehn Milliarden Dollar Umsatz.

          Obwohl das Geschäft mit der sexuellen Phantasie dank Internet und Viagra-verkürzten Drehzeiten boomt, sind die Studiobosse des Valleys beunruhigt. Seit vor zwei Jahren die HIV-Infektion des Darstellers Darren James die Produktion für Wochen zum Stillstand brachte, versuchen Politiker und Gesundheitsexperten immer wieder, für das Geschäft mit dem Sex Regeln aufzustellen. Während kalifornische Politiker wie der Demokrat Paul Koretz Kondomzwang für alle Praktiken jenseits von Oralsex fordern, und Professor Thomas Coates, Aids-Experte an der University of California in Los Angeles, eine Liste sicherer Sexvarianten für die Pornoindustrie aufgestellt hat, lehnen die Studios jede Bevormundung von außen ab. „Wir sind eine Branche, die eigenverantwortlich auf das Einhalten der Regeln achtet“, meint Steven Hirsch. Seit er vor 22 Jahren die „Vivid Entertainment Group“, einen der weltweit erfolgreichsten Anbieter pornographischen Materials, gegründet hat, gilt der Dreiundvierzigjährige als „Porno-Pionier“. Nach der ersten Welle von HIV-Infektionen im San Fernando Valley ordnete er 1998 für alle „Vivid“-Produktionen Kondom-Pflicht an.

          Gleichzeitig machte sich Hirsch für die strikten Gesundheitskontrollen der „Adult Industry Medical Health Care Foundation“ (AIM) stark. Die von dem früheren Pornostar Sharon Mitchell eröffnete Klinik hat in Kooperation mit den etwa 1200 Darstellern und 200 Studios des Valleys einen Standard an Tests entwickelt. Darsteller, die vor Beginn des Drehs nicht die vereinbarten Atteste zu HIV und anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhö vorlegen, dürfen nicht vor die Kamera. Da „Dr. Mitch“ für die Produzenten abrufbereit alle Daten der einzelnen Darsteller speichert, kommt kein Talent der Pornozunft an ihr vorbei. Damit hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Mitchell schlage Kapital aus der Aids-Angst der Darsteller.

          Infektion mit ins San Fernando Valley gebracht

          Sharon Mitchell war es aber auch, die vor zwei Jahren bei Darren James das HI-Virus entdeckte. James hatte in Brasilien in einem „no-condom“-Film mitgewirkt und von dort die Infektion mit ins San Fernando Valley gebracht. Bevor das Virus bei einem der monatlichen Routine-Tests entdeckt wurde, hatte der Vierzigjährige schon drei seiner Partnerinnen angesteckt. Die Aufregung in „Pornywood“ währte jedoch nur kurz. In den Monaten nach James' Diagnose bestand jeder vierte Darsteller auf sicheren Sex, heute wird nur noch jede fünfte heterosexuelle Szene mit Kondom gefilmt. „Die Erwachsenen-Unterhaltung ist ein Geschäft, das auf Phantasie beruht. Kondome passen einfach nicht in diese Welt“, mußte auch Steven Hirsch erfahren. Wie man hört, haben sinkende Einnahmen ihn bewogen, bei „Vivid“-Filmen nicht mehr auf geschützten Sex zu bestehen. „Ich bin aber zuversichtlich, daß die Aids-Gefahr durch die verlangten Check-ups gebannt ist.“

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