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Provisorische Asylbewerberheime : Dein Freund und Flüchtlingshelfer

Alltag in der Fremde: Bürgerkriegsflüchtlinge in der Turnhalle der Landespolizeischule Schloß Holte-Stukenbrock Bild: Finger, Stefan

In einer Polizeischule in NRW sind 400 Flüchtlinge untergebracht. Die Beamte kümmern sich um sie. Ist das eine Zumutung oder ein humanitärer Einsatz?

          5 Min.

          Zuerst dachte Oberkommissar Dirk Schmeichel, das nordrhein-westfälische Innenministerium erlaube sich einen Scherz. Schmeichel ist seit 25 Jahren Polizist, er ist Fahrsicherheitstrainer, unterrichtet aber auch Verteidigungs- und Festnahmetechniken und Spurenkunde in der Landespolizeischule im westfälischen Schloß Holte-Stukenbrock. Ein Job, der ihm Spaß macht.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anfang September aber hieß es plötzlich, in die Polizeischule würden 250 Flüchtlinge einziehen - es kämen ja momentan so viele nach Deutschland, da müssten eben auch neue Wege gegangen werden. Betreut werden sollten sie von den Beamten, die normalerweise die Polizisten ausbilden. Also von Schmeichel und seinen Kollegen. „Wie soll das gehen?“, fragte sich Schmeichel. „Die Küche, die Logistik! Die Schießübungen, die Kurse zur Selbstverteidigung und zum Verhalten bei Demonstrationen! Da wird es doch auch schon mal laut!“

          Der Pressesprecher der Landespolizeischule, Victor Ocansey, sprach von einer Einschränkung, einer Herausforderung, einer zeitlich begrenzten „Ultima Ratio“. Und dann ging es los: Betten in der Turnhalle aufbauen, Spielzeug besorgen, den Rasen mähen, damit die Kinder darauf spielen können. Und einen Lichtmastwagen aufstellen, damit die ankommenden Flüchtlinge Licht hätten, wenn sie nachts aus ihrem Bus ausstiegen. „Die waren ja auf der Flucht und haben Angst. Viele haben keine guten Erfahrungen mit der Polizei“, weiß Ocansey. „Das war schon befremdlich“, sagt Schmeichel.

          Polizei und der Kontakt zum wirklichen Leben

          Seit gut fünf Wochen sind sie jetzt da. Mal 250, mal 400 Flüchtlinge, aus Syrien, Albanien, Mazedonien, Eritrea und 23 anderen Ländern. Viele haben Schwielen an den Händen, vom Festhalten auf einem Flüchtlingsschiff. Sie leben in den hellen und modernen Apartments, in denen normalerweise die Studenten untergebracht sind. Außerdem leben sie auch in älteren Unterkünften, die normalerweise leer stehen, und in der Turnhalle. Essen und Arzt stellt das Rote Kreuz, für den Rest sorgen zehn Polizisten in Uniform. „Wir gehen hier so rum und warten drauf, dass wir angesprochen werden. Wenn zum Beispiel eine Decke fehlt oder so“, sagt Schmeichel.

          Unterricht findet momentan nicht mehr statt. Erst wieder im Januar. Das sei immer so, sagt Ocansey - wegen der inneren Abläufe bei der Polizeiausbildung. Schmeichel und die anderen Lehrenden wären jetzt normalerweise auch gar nicht hier, sondern auf Fortbildung. Damit sie den Kontakt zum wirklichen Leben nicht verlieren. Den können sie in diesem Jahr erst wieder herstellen, wenn die Flüchtlinge weg sind. Ende Oktober ist angedacht.

          „Natürlich gibt’s hier Traumatisierung“

          Also alles kein Problem? Der Polizist als Sozialarbeiter? Das Foyer des Apartmenthauses, in dem viele der Flüchtlinge untergebracht sind, fungiert als eine Art Aufenthaltsraum. Hier sitzen die Menschen in Gruppen an Tischen, in der Mitte des Raumes spielen Kinder. Ein Mann aus Bosnien ruft auf Deutsch: „Ich werde hier schlecht behandelt. Ich bin traumatisiert. Ich brauche Psychologen, aber ich bekomme keinen.“ Er zeigt einen dreiseitigen Arztbrief einer großen deutschen Klinik, auf dem ihm bescheinigt wird, dass er traumatisiert ist und ambulante Hilfe braucht. Ocansey fragt, ob er das Schreiben fotografieren darf, und versichert, er werde sich darum kümmern. Schmeichel sagt: „Es waren schon zwei Ärzte hier, die sich mit ihm beschäftigt haben.“

          Er selbst habe noch bei keinem Flüchtling, mit dem er zu tun hatte, das Gefühl gehabt, dass er traumatisiert sei. „Aber man wird als Polizist auch draußen mit den seltsamsten Dingen konfrontiert. Ich war zum Beispiel mal bei einer alten Dame, die dachte, sie hätte Geister in der Wohnung.“ Pressesprecher Ocansey unterbricht: „Natürlich gibt’s hier Traumatisierung“, beeilt er sich zu sagen.

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