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Politiker und ihre Brillen : Berlins neue Rahmenordnung

Frank-Walter Steinmeier geht modisch voran Bild: dapd

Die „Regierung der Randlosen“ ist gescheitert. Politiker tragen wieder mehr Masse auf der Nase. Ein Update.

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          Vor gut zwei Jahren, zu Beginn des schwarz-gelben Regierungsbündnisses, wurden die Leser dieser Zeitung auf eine „Regierung der Randlosen“ eingestimmt. Wesentliche Entscheidungsträger in der Wunschkoalition Angela Merkels - genannt wurden unter anderen Guido Westerwelle und Christian Wulff - hätten damals randlose Brillen getragen. Das sei Ausdruck von „Konturlosigkeit“ und einer „neuen Beliebigkeit der vorgeblich konservativen Kräfte der Berliner Republik“. Politiker liefen so Gefahr, selbst „den letzten Anschein eines noch vorhandenen Markenkerns einzubüßen“ und als „ewige Schwiegersöhne der Macht“ lediglich gleichsam Fußnoten der Geschichtsbücher zu bleiben.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Mittlerweile ist das politische Klima in Berlin und Brüssel rauher geworden. Maßgebliche Politiker sind bereits vor geraumer Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass sie dem Eishauch der Finanzmärkte mit Leichtbau-Gestellen nicht trotzen können. Wenn sie schon politisch „auf Sicht“ fahren müssen in der Krise, möchten sie zumindest äußerlich den Eindruck von Profil, Standfestigkeit und Charakterstärke vermitteln. Guido Westerwelle etwa, der wohl Leidgeprüfteste unter ihnen, wechselte von einem randlosen Modell auf eine Brille mit einer kräftigen, dunklen Vollrandfassung, als der Sturm der Empörung über ihn und die FDP hereinbrach.

          Ähnlich Rainer Brüderle: Die alte Tragrandfassung mit einem blassen Balken auf Höhe der Augenbrauen ersetzte er kurzerhand durch ein voluminöses Vollrandmodell. Dessen breite Bügel sehen aus, als hätte sie der harte politische Gegenwind rundgeschliffen. „Euro-Rebell“ Frank Schäffler ging im Verlauf der FDP-internen Auseinandersetzung auch optisch auf Konfrontationskurs. Ein kümmerliches Harry-Potter-Gestell wich einem dunklen, bedrohlichen Kraftpaket, der „Scharnhorst“ unter den Bundestagsbrillen. Eine vergleichbare Entwicklung ist im Gesicht des Gesundheitspolitikers Jens Spahn (CDU) zu vermerken. Mit Erfolg: Der Bekanntheitsgrad von Schäffler und Spahn stieg proportional zur Rahmenstärke.

          Pioniere der Randlosigkeit

          Woher kommt der Trend zu mehr Masse auf der Nase? In größerer Zahl wurden diese Gestelle bereits vor einigen Jahren in den Trend-Vierteln Berlins gesichtet. Sogenannte „junge Kreative“, oftmals aus ländlichen Gegenden Schwabens und Niedersachsens in die Hauptstadt zugezogen, trugen dort die raumgreifenden Brillen ihrer Vorväter auf. Aus Atavismen der alten Bundesrepublik wurden so Statements des Nonkonformismus.

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