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Poker : Geblufft mit Kreuz, abgezockt mit Herz

  • -Aktualisiert am

Boris Becker in der Pokerrunde Bild: AP

Früher stand Pokern für dunkle Casinos und süchtige Zocker. Jetzt hat das verruchte Spiel Zulauf, nicht nur in Amerika. Auch Prominente trauen sich heran - nicht immer mit Erfolg.

          Der englische Regen soll schuld gewesen sein. Bekanntlich kommt es beim Tennisturnier in Wimbledon ja regelmäßig zu Unterbrechungen, wenn Schauer den Platz unter Wasser setzen. Dann hocken die Tennis-Profis in der Umkleidekabine, beißen lustlos in ihr Sandwich und sind bemüht, nicht die Nerven zu verlieren. In dieser Lage verfiel Tennis-Champion Boris Becker, der unvergessene „blonde Leimener“, eines Tages auf die Idee, sich mit einem Kartenspiel abzulenken, genauer: mit Poker.

          Partner in Gestalt von Masseuren und Assistenten standen bereit. Becker lernte schnell, und sein Spiel ohne Rückhand verbesserte sich zusehends. Der Einundvierzigjährige erinnert sich: „Ich habe, wie viele andere Tennisprofis, hin und wieder zwischen den Spielen gepokert. Auch in Wimbledon, wenn es geregnet hat.“ Auf diese Weise habe er sich „mental fit gehalten“ – um nach der unfreiwilligen Unterbrechung den Gegner umso entschlossener mit seinem Aufschlag in die Enge zu treiben.

          Hollywood hat vorgelegt

          Becker ist nicht der Einzige, der sich als Spielernatur outet. Hollywood hat wieder einmal vorgelegt: Schon vor drei Jahren diagnostizierte das amerikanische Magazin „Vanity Fair“ einen dort rapide grassierenden „Poker-Virus“. In den Villen im San Fernando Valley und in Bel Air treffen sich regelmäßig Schauspieler der A-Liste, um zu zocken, bis die Luft brennt. Zigarillos sind erlaubt, Alkohol hingegen, heißt es, sei verpönt.

          Matt Damon, der schon 1998 in dem Film „Rounders“ überzeugend ein durchtriebenes Pokergenie darstellte, trat bereits mehrfach bei Turnieren auf, allerdings nicht ohne vorher Nachhilfestunden bei Poker-Star Phil Hellmuth genommen zu haben. Häufig mit von der Partie sind Brad Pitt, Tobey Maguire und Elliott Gould. Sie alle beneiden Ben Affleck, der 2005 die kalifornischen Poker-Meisterschaft gewann.

          Sexy und cool

          Pokern ist sexy, Pokern ist cool – und ein sehr männeraffines Thema sowieso, sagt ein Experte, der bis vor kurzem als Croupier in einem deutschen Casino gearbeitet hat. Dort konnte er miterleben, wie das Spiel immer neue Freunde fand. 52 Karten von der Zwei bis zum Ass, Pik, Kreuz, Karo, Herz, zwei auf der Hand, drei bis fünf in der Mitte des Tischs, aufgeblättert vom Spielleiter, dem Dealer. Und dann heißt es, eine von neun Karten-Kombinationen zu erwischen, um die Gegner aus dem Feld zu schlagen. Den Einsatz erhöhen, mit der Konkurrenz mitgehen oder aussteigen? Immer wieder gilt es, sich zu entscheiden, Spannung garantiert.

          Reichlich Gelegenheit bietet sich dafür auf Kreuzfahrtschiffen. Als der Hamburger Koch Tim Mälzer als Gast der „Queen Mary“ neulich an Bord die Karten austeilte, stieß sein Spiel-Stil allerdings auf Befremden: „Da sind mehrmals Leute vom Tisch aufgestanden und gegangen.“ Er spiele eben „sehr mutig“ und sei dabei „nicht berechenbar“. Der chaotische Verlauf der Runden war nicht nur dem Wellengang zuzuschreiben.

          Grüner Filz gilt als rückständig

          Zu ergänzen ist, dass es unter jüngeren Poker-Nasen heute als hoffnungslos rückständig gilt, auf grünem Filz mit echten Karten zu pokern. In zahlreichen Online-Casinos spielen Tausende das Spiel des Wilden Westens zum Zeitvertreib; nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren pflegen es mehr als 200.000 Deutsche regelmäßig. „Pokerstars.de“, nach eigenen Angaben die größte Plattform im Internet, veranstaltet Turniere für Spieler unterschiedlichen Niveaus. Man kann online die wichtigsten Regeln und Begriffe lernen, kann in Chatrooms Erfahrungen austauschen, und man kann – zweifellos der größte Reiz – online gewinnen. Das hat auch Boris Becker bereits vernommen: „Ich bin mir sicher, dass heutzutage bei Turnieren auch der eine oder andere Laptop in der Umkleidekabine steht.“ So lässt sich womöglich der Ärger über ein verlorenes Match ansatzweise kompensieren.

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