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Russland : Bewährungsstrafe für Pokemón-Spielen in Kirche

Screenshot eines Videos, das Vlogger Ruslan Sokolovsky beim Pokémon-Go-Spielen in der Kathedrale in Jekaterinburg zeigt Bild: Sokolovsky/Youtube

Ein Handyspiel in einer Kirche? Nach russischer Lesart bedeutet das Schüren von Hass und Beleidigung religiöser Gefühle. Ein junger Russe musste deshalb vors Gericht.

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          Ruslan Sokolowskij, ein russischer Videoblogger, der sich in einer Kirche dem Online-Spiel „Pokémon Go“ gewidmet hatte, ist zu einer Strafe von dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, deren Vollzug das Gericht in der Stadt Jekaterinburg zur Bewährung aussetzte. Der bekannte Blogger darf demnach keine Massenveranstaltungen besuchen und muss insgesamt neun Filme von seinen Online-Auftritten löschen. Das Gericht befand Sokolowskij für schuldig, in drei Tatbestände erfüllt zu haben: Schüren von Hass und Feindschaft; Beleidigung religiöser Gefühle; widerrechtlicher Handel mit technischen Geräten.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Sokolowskij, ein Atheist Anfang 20, hatte am 11. August vorigen Jahres einen Clip veröffentlicht, der zeigt, wie er in der wichtigsten Kirche Jekaterinburgs, der Kathedrale auf dem Blute, „Pokémon Go“ auf einem Smartphone spielt. Die Kathedrale wurde zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts an der Stelle errichtet, an der die Zarenfamilie 1918 erschossen wurde. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geißelten Russlands Mächtige gerade das seinerzeit populäre Online-Spiel als Ausgeburt des „dekadenten Westens“.

          Sokolowskij sagte zur Begründung seiner Aktion, ihm sei die Idee dazu gekommen, als er im Fernsehen gesehen habe, dass man für die Pokémon-Jagd in einer Kirche drei Jahre ins Gefängnis kommen könne; der Blogger spielte damit auf den Tatbestand zur Beleidigung religiöser Gefühle von Gläubigen an, der nach dem Auftritt der Pussy-Riot-Aktivistinnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Frühjahr 2012 ins russische Strafgesetzbuch aufgenommen worden war. Sokolowskij hob hervor, er habe mit seiner Aktion keinen Gottesdienst gestört und auch nichts beschädigt.

          Die Staatsanwaltschaft forderte dreieinhalb Jahre Lagerhaft

          Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche beklagten indes „Satanismus“ und forderten, den Blogger „umzuerziehen“. Sokolowskij wurde ab September abwechselnd in Untersuchungshaft und unter Hausarrest gehalten. Im Prozess ab März wies er jede Schuld zurück und entschuldigte sich bei Gläubigen, die sich durch die Aktion beleidigt gefühlt haben sollten. In seinem Schlusswort Ende April sagte der Blogger, er sei in der Untersuchungshaft von anderen Häftlingen mit Vergewaltigung bedroht worden.

          Die Staatsanwaltschaft forderte dreieinhalb Jahre Lagerhaft ohne Bewährung. Das Urteil erscheint nun aber als Kompromiss zwischen kirchlichen Hardlinern und Forderungen aus der Gesellschaft, insbesondere in der relativ liberalen Großstadt Jekaterinburg, Sokolowskij freizusprechen. Letzterer hat unter anderem mit dem Argument, in seiner Meinungsäußerungsfreiheit verletzt worden zu sein, Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingelegt.

          Auch die russische Vertretung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International teilte am Donnerstag mit, Sokolowskij werde ausschließlich dafür bestraft, friedlich seine Meinung geäußert zu haben. Die russische Führung wolle ein Signal der Abschreckung setzen, hieß es weiter. In den Medien sei die Selbstzensur schon gewachsen. So habe ein Sender jüngst darauf verzichtet, eine Episode der Serie „The Simpsons“ auszustrahlen, in der „Pokémon Go“ in einer Kirche gespielt werde.

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