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Pockenvirus : Die Seuche im Hochsicherheitstrakt

Im Jahr 1975 besaßen nach WHO-Informationen noch mindestens 74 Labore auf der Welt Pockenviren. Der Aufforderung, die Bestände zu zerstören oder an Amerika und Russland abzugeben, kamen bis 1984 angeblich alle Einrichtungen nach. Doch genau nachgeprüft wurden die Angaben der einzelnen Staaten bis heute nicht. So werden Iran, Irak und Nordkorea als mögliche Pockenviren-Besitzer genannt. Fachleuten erscheint es aber auch plausibel, dass einige Länder nicht unbedingt mit bösen Absichten den Erreger behalten haben könnten, sondern ihn einfach nur in einem Labor, wo womöglich zigtausende andere Viren tiefgefroren schlummern, vergessen haben. Der letzte dokumentierte Laborunfall mit einem Variola Virus geschah 1978 an der Universität Birmingham: Zwei Personen infizierten sich, eine Frau starb.

Neben dem Milzbrand-, Ebola- und Pesterreger gilt das Pockenvirus als Biowaffenkandidat. Einmal freigesetzt, träfe die Krankheit eine so gut wie kaum noch immunisierte Weltbevölkerung. Spätestens seit den achtziger Jahren – in den Vereinigten Staaten schon seit 1972, in Deutschland seit 1975 – wird nicht mehr vorbeugend gegen Pocken geimpft. Die Restbestände an Impfstoff sind nicht nur meist veraltet, sie würden auch niemals für eine globale Epidemie ausreichen. Genau da setzen die „Erhalter“ an: Seit Ende der neunziger Jahre hat sich die Weltgemeinschaft mehrfach überzeugen lassen, dass es gut sei, die Viren zumindest so lange aufzubewahren, bis unter anderem ein neuer verbesserter Impfstoff und mindestens zwei antivirale Pockenmedikamente entwickelt sind.

Vernichten oder erhalten?

Daran wird zum Teil mit guten Ergebnissen gearbeitet: Das Genom des Erregers ist entschlüsselt, und es ist so wenig variantenreich, dass ein Impfstoff oder Heilmittel gegen die meisten Stämme erfolgreich eingesetzt werden könnte. Ein neuer Standardimpfstoff steht zur Verfügung, der nicht mehr aufwendig in der Haut lebender Kälber produziert, sondern in Zellkulturen hergestellt wird. Zudem wird an zwei vielversprechenden Medikamente geforscht.

Die wissenschaftliche Arbeit indes wird von vielen Entwicklungsländern in Afrika und Asien kritisiert. Die „Gruppe der 77“ (G77) sieht in ihr sogar eine Gefahr und fordert, die letzten Pockenviren endlich zu vernichten. Die dadurch eingesparten Milliarden Dollar sollten genutzt werden, um Impfstoffe gegen noch grassierende Infektionskrankheiten wie Aids zu entwickeln. Ein Grund, warum die „Erhalter“ sich für das umfangreiche Pocken-Forschungsprogramm einsetzen, ist das Argument, dass selbst wenn man wie ursprünglich geplant schon 1993 die letzten Pockenviren zerstört hätte, inzwischen ja schon komplette Virengenome synthetisch wieder hergestellt werden konnten - wie es etwa beim Erreger der tödlichen Spanischen Grippe von 1918/1919 bereits gelang. Noch ist das für das viel größere Variola-Virus-Genom aber kaum denkbar.

Bei der Weltgesundheitsversammlung im Mai mit seinen 193 Mitgliedsländern könnten sich die G77 gegen vor allem Amerika und Russland durchsetzen. Zwar wäre die Entscheidung nicht bindend, doch würden sich Amerika und Russland so einfach darüber hinwegsetzen? Grundsätzlich strebt die von der WHO einberufene Versammlung Konsens an. Der aber wird nicht immer erreicht. Schon einmal, 1966, gaben zwei Stimmen den Ausschlag: Damals ging es um das größte Impfprogramm in der Geschichte der Menschheit zur Ausrottung einer Infektionskrankheit – der Pocken.

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