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Studie des AWI : Auch Plastikmüll aus Deutschland in der Arktis gefunden

Segelschiff Antigua, die Basis der meisten Stranduntersuchungen durch Bürgerwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen. Bild: AWI

Forscher haben den identifizierbaren Plastikmüll aus der Arktis untersucht, um herauszufinden, woher er stammt. Allein 30 Prozent kommt aus Europa.

          3 Min.

          Dass die Arktis und vor allem die Inselgruppe Spitzbergen, die zu Norwegen gehört, eine Art Endlager von Plastikmüll für fast die ganze Welt ist, hatte die Meeresbiologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) mit Sitz in Bremerhaven schon vor längerer Zeit herausgefunden. Nun hat sie zusammen mit Anna Natalie Meyer genauer auf die Ab­fallberge geschaut. Die Wissenschaftlerinnen fanden dabei in einer Studie, die jetzt im Fachmagazin „Frontiers“ ver­öffentlicht wurde, heraus, dass ein Drittel des eindeutig identifizierbaren Plastiks seinen Ursprung in Europa hat – ein ­großer Teil davon stammt aus Deutschland. Das zeige, so das Fazit der beiden Forscherinnen, dass selbst reiche und um­weltbewusste Industrienationen, die sich ein besseres Abfallmanagement ­leisten könnten, signifikant zur Verschmutzung ferner Ökosysteme wie der Arktis bei­trügen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Ozeane sind längst zu Müllkippen verkommen. Drei Viertel des Mülls im Meer sind Plastik. Jedes Jahr kommen etwa 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen hinzu, was einer Lastwagenladung pro Minute entspricht. Bis zur völligen Zersetzung von Plastik können Tausende Jahre vergehen. Selbst die scheinbar unberührte Wildnis des hohen Nordens bleibt davon nicht verschont, wie Bergmann feststellen musste – regelmäßig schaut sie mit einer Tiefsee­kamera, die hinter dem AWI-Forschungsschiff Polarstern hergezogen wird, nach den Beständen verschiedener Lebewesen im Arktischen Ozean. Seit 1999 gibt es zudem das Observatorium Hausgarten des AWI an der Framstraße, westlich von Spitzbergen. Über die Jahre fiel der Forscherin auf, dass immer mehr Plastik zu sehen war. Darum begann sie, den Müll an verschiedenen Stationen zu zählen. Dabei kam heraus, dass er sich innerhalb von 15 Jahren versiebenfachte, an einer Station verdreißigfachte er sich sogar.

          2016 habe sie dann angefangen, die Zu­sammensetzung von Müll an arktischen Stränden systematisch zu erforschen, sagt Bergmann. Sie hatte auch die Idee für ein Citizen-Science-Projekt und holte Touristen, die auf Arktistour waren, mit an Bord. In ihrem Auftrag sammelten sie an den Stränden Spitzbergens und damit auf einer Fläche von 38.000 Quadratmetern den angeschwemmten Müll während ihrer Reise im Vorbeigehen ein. Zwischen den Jahren 2016 und 2021 kamen so 23.000 Teile mit einem Gesamtgewicht von 1620 Kilogramm zusammen.

          Das meiste davon, nämlich 80 Prozent, ist Plastikmüll. Rückschlüsse darauf, wo­her der Abfall stamme, seien allerdings kaum möglich, sagt die Wissenschaftlerin Anna Natalie Meyer. Nur so viel sei klar: Er dürfte mehrheitlich seinen Ursprung in Anrainerstaaten der Arktis haben, besonders in Russland und in Norwegen. Und oft sei er auch aus der Fischerei, also zum Beispiel von alten Netzen und Schnüren. Dafür spricht, dass sich knapp zwei Drittel von etwa einem Prozent des identifizier­baren Mülls dorthin zurückverfolgen lässt, weil sich auf ihm noch Aufschriften oder Einprägungen fanden. 32 Prozent kamen aus Russland, 16 Prozent aus Norwegen. „Von Schiffen und aus arktischen Siedlungen gelangt lokal Plastikmüll ins Meer“, sagt die Anna Natalie Meyer. „Aus der Ferne werden Plastikmüll und Mikroplastik über zahlreiche Flüsse und über Ozean­strömungen aus dem Atlantik, der Nordsee und dem Nordpazifik in den Arktischen Ozean transportiert.“

          Der Arktische Ozean macht zwar nur rund ein Prozent des Gesamtvolumens der Weltmeere aus, bekommt aber mehr als zehn Prozent des globalen Wasserzustroms durch Flüsse, die unter anderem aus Sibirien Plastik in das Meer spülen. „Wenn dann im Herbst vor der Küste Sibiriens Meerwasser gefriert, wird treibendes Mikroplastik in die Eismatrix eingeschlossen“, sagt Bergmann. „Das Eis bewegt sich mit der Transpolardrift in die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen, schmilzt dort im Sommer und gibt seine Plastikfracht wieder frei.“ Auch die Luft trage in nicht geringen Mengen kleines Mi­kroplastik gen Norden, aus Nordamerika, Nordeuropa und Russland, das sich über der Arktis niederschlägt.

          Und auch das wurde untersucht: Von 206 Teilen, die aus zwei großen Säcken der Jahre 2017 und 2021 mit insgesamt 14.707 Teilen stammten, waren 30 Prozent aus Europa und davon acht Prozent aus Deutschland. Doch selbst Plastik aus Brasilien, China und den Vereinigten Staaten war an der Küste Spitzbergens angeschwemmt oder angetragen worden.

          Die Folgen für das Klima könnten verheerend sein: Erste Studien liefern nach Angaben von Bergmann Indizien dafür, dass eingeschlossenes Mikroplastik die Ei­genschaften von Meereis und Schnee verändert. Viele dunkle Partikel im Eis könnten dazu führen, dass es mehr Sonnenlicht absorbiert und schneller schmilzt. Das wiederum verstärke über die „Eis-Albedo-Rückkopplung“ die globale Erhitzung. Und ein Ende der Plastikflut ist nicht in Sicht. Wenn sich nichts ändert, wird sich die Plastikproduktion in den nächsten knapp 25 Jahren von derzeit etwa 80 auf 160 Millionen Tonnen verdoppeln. Für die Wissenschaftlerinnen vom AWI unterstreicht das die Dringlichkeit für ein ambitioniertes und rechtsverbindliches UN-Plastik-Abkommen, das aktuell verhandelt wird und 2024 in Kraft treten soll.

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