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Täter des Pittsburgh-Massakers : Ein rechter Antisemit und Waffennarr

  • Aktualisiert am

Trauer um die Opfer des Anschlages in Pittsburgh Bild: AP

„Alle Juden müssen sterben“, soll er gerufen haben: In Pittsburgh erschießt ein Mann elf Menschen in einer Synagoge. Die Ermittler sind vom Blutbad geschockt. Der Täter besaß mehr als 20 legale Schusswaffen.

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          Die Welt hat mit Bestürzung auf ein antisemitisches Hassverbrechen mit elf Toten reagiert. Staatsmänner und -frauen aus vielen Ländern der Welt verurteilten die Tat eines 46 Jahre alten Amerikaners scharf. Er hatte am Samstag in der amerikanischen Stadt Pittsburgh während einer Taufzeremonie in einer Synagoge elf Menschen erschossen und sechs weitere verletzt. Die Polizei überwältigte den Täter und nahm ihn fest. Nach Angaben von Amerikas Justizminister Jeff Sessions könnte ihm die Todesstrafe drohen. Die Bundesstaatsanwaltschaft erhob noch in der Nacht Anklage in insgesamt 29 Punkten gegen den Mann.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu verurteilten die Tat. „Wir alle müssen uns dem Antisemitismus entschlossen entgegenstellen – überall“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert im Auftrag der Kanzlerin auf Twitter. Netanjahu sagte in einer Videobotschaft: „Mein Herz ist gebrochen und ich bin angewidert.“ In Pittsburgh und auch vor dem Weißen Haus in Washington kamen am Abend spontan Menschen zusammen und trauerten gemeinsam um die Opfer.

          Täter steht rechts

          Social-Media-Äußerungen des Festgenommenen auf dem bei Rechten beliebten Netzwerk Gab lassen darauf schließen, dass er eine antisemitische und stark rechtsgerichtete Grundhaltung hat. In einem im zugeschriebenen Eintrag, der nur wenige Stunden vor dem Attentat gepostet wurde, wird die jüdische Flüchtlingshilfeorganisation Hias angegriffen: „Hias holt gerne Eindringlinge, die unsere Leute töten. Ich kann nicht sitzen bleiben und zusehen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiß auf Eure Sichtweise, ich gehe rein." Er soll beim Eindringen in die Synagoge gerufen haben: „Alle Juden müssen sterben.“

          Kate Rothstein (links) blickt auf die Umarmung von Tammy Hepps und Simone Rothstein an der Kreuzung vor der Synagoge in Pittsburgh.

          Das Attentat ereignete sich am jüdischen Feiertag Sabbat, an dem viele Menschen die Synagoge aufsuchen. Kinder wurden nach offiziellen Angaben nicht verletzt. Dennoch sagte der FBI-Agent Robert Jones: „Es ist der schlimmste Tatort, den ich in 22 Jahren Berufserfahrung gesehen habe.“ Die Tat wird von den Behörden als Hassverbrechen eingestuft. Der Angreifer hatte mehrere Schusswaffen bei sich. Nach ersten Erkenntnissen besaß er sie legal und hatte mehr als 20 Schusswaffen auf seinen Namen registriert. Er ist nicht vorbestraft.

          Trump macht Vorschläge

          Amerikas Präsident Donald Trump betonte: „Diese bösartige antisemitische Attacke ist ein Angriff gegen die Menschheit.“ Das „tödliche Gift des Antisemitismus“ müsse bekämpft werden, sagte er. Er forderte schnellere Todesurteile für Mörder und deren rasche Vollstreckung. „Sie sollten wirklich den ultimativen Preis zahlen“, sagte Trump am Samstag über Menschen, die Gläubige in Gotteshäusern erschießen. „Sie sollten nicht Jahre über Jahre darauf warten.“ Vizepräsident Mike Pence schloss sich dieser umstrittenen Auffassung an.

          Der Präsident sprach sich zudem für bewaffnetes Sicherheitspersonal bei Gottesdiensten aus. „Ein Verrückter ging hinein und sie hatten keinen Schutz“, sagte Trump über die Gemeindemitglieder. „Bewaffnete Posten hätten ihn sofort stoppen können.“ Trump ordnete am späten Samstagabend an, die Flagge an allen öffentlichen Gebäuden auf Halbmast zu setzen.

          Fotos und Fernsehbilder zeigen, wie im Pittsburgher Viertel Squirrel Hill ein großes Polizeiaufgebot auffuhr.

          Die „Tree-of-Life“-Synagoge in Pittsburgh gilt als ein konservatives jüdisches Gotteshaus, das jedoch offen für Neuerungen sei, wie der Präsident der jüdischen Gemeinde im Großraum Pittsburgh, Jeff Finkelstein, am Ort des Geschehens sagte. Auch in anderen Gegenden der Vereinigten Staaten wurden sofort die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen erhöht.

          Der Jüdische Weltkongress (WJC) zeigte sich schockiert. Bei dem Vorfall handele es sich um einen „abscheulichen Terrorakt“, sagte WJC-Präsident Ronald Lauder laut Mitteilung am Samstag in New York. „Das war ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf ganz Amerika.“ Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Amerika sei 2017 um mehr als 50 Prozent gestiegen, berichtet die New York Times.

          Polizeieinsatz an der „Tree of Life“-Synagoge

          Die Tat von Pittsburgh fand im extrem aufgeladenen Klima des amerikanischen Wahlkampfs statt. Im Vorfeld der Zwischenwahlen am 6. November kam es zu vielen Angriffen auf Minderheiten. Ein gerade festgenommener Trump-Anhänger hatte Paketbomben an eine Reihe prominenter Figuren verschickt, darunter auch an den jüdischen Trump-Kritiker George Soros

          Antisemitische Verbrechen

          Auch in Europa gab es in den vergangenen Jahren mehrere Anschläge auf jüdische Einrichtungen. Die schwersten wurden von Islamisten verübt: 2012 griff ein Mann eine jüdische Schule in Toulouse an und ermordete drei Kinder, einen Lehrer und drei Soldaten. Er starb dann im Kugelhagel der Polizei. 2014 verübte ein Islamist einen Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel, vier Menschen kamen ums Leben. In Paris tötete ein Islamist 2015 vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt.

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